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Früher Wintereinbruch


So früh wie dieses Jahr hatten wir glaube ich noch nie Schnee, seit wir in Schweden leben. Wir hatten gerade ein verlängertes Wochenende „Herbstferien“ und konnten den ersten Wintereinbruch daher ganz entspannt genießen. Die letzten Wochen waren auch nass und grau genug…

Tschaikowski gefällt der Schnee offensichtlich, er wollte erst nach zwei Stunden oder so wieder rein, Futter abgreifen und maunzte dann schon wieder die Tür an und wollte wieder raus. Auch wir waren heute endlich mal wieder länger und mit Kamera draußen.

Man merkt, dass die Natur noch nicht richtig Zeit hatte, sich auf den frühen Wintereinbruch einzustellen – viele Pflanzen sind noch gar nicht richtig im Wintermodus, wie zum Beispiel ein paar verirrte Lupinen in unserem Garten oder manche Apfelbäume.

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Herbstbild


Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel (1813-1863)

Zwei große Spaziergänge an diesem wunderschönen Herbsttag, einer im Wald, einer am See. Die Natur ist ungewöhnlich spät dieses Jahr, die letzten Jahre war es bereits Mitte September so bunt. Diese Woche hatten wir die ersten Nachtfröste, auch das ist spät. Doch der Winter naht, und damit man das nicht vergisst, stellen die Schweden jetzt wieder überall orange Stangen an den Straßenrand… Aber bis es soweit ist, versuchen wir im milden Strahl der Sonne so viel Licht wie möglich zu tanken.

Regimentsmarsch


Dritter Oktober. Der Morgennebel hat sich schon fast aufgelöst, als wir in der Ferne die ersten Töne der Militärblaskapelle hören. Als wir näherkommen, sehen wir auf der großen Wiese Männer und Frauen in Tarnfleckuniform mit großen Marschrucksäcken und einige Einsatzhunde. Dahinter nimmt die berittene Truppe in historischen Uniformen Aufstellung, daneben das Jugendbataillon, ebenfalls in Tarnfleck. Der Oberstleutnant steht alleine in der Mitte der Wiese und brüllt Befehle. Die Fahnenträger hinter ihm starren regungslos geradeaus.

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Schwarz-gelb, die Farben des Älvsborg-Regimentes

Beim nächsten Marsch paradieren die Fahnenträger um das Denkmal und machen sich dann zum Abmarsch bereit. Oberstleutnant, berittene Truppe und die Tarnfleckuniformierten nehmen ebenfalls Aufstellung an…

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Links der Gedenkstein anlässlich der Niederlegung der hiesigen Garnison.

Nein, wir haben am Samstag nicht den Tag der deutschen Einheit gefeiert. Vor 101 Jahren wurde der Regimentsstandort in unserem Ort aufgelöst und 20 km weiter südlich nach Borås versetzt. Einige betrauern das offenbar noch heute und daher findet einmal jährlich ein Gedenkmarsch statt, der von der Hemvärnet organisiert wird.

Hemvärnet, das ist etwas, wofür ich keinen deutschen Begriff habe, was entweder an mangelnden Sprachkenntnissen liegen mag oder an meinem grundsätzlichen Desinteresse für militärische Organisationen. Aber mein Lieblingskollege U., selbst ein ehemaliger Militärmusiker, hat am Wochenende einiges an Aufklärungsarbeit und Heimatkundeunterricht geleistet. Die Hemvärnet ist eine militärische Freiwilligenorganisation, die der schwedischen Armee unterstellt ist und im Besatzungsfall wichtige zivile Einrichtungen verteidigen soll, aber auch bei Naturkatastrophen eingesetzt wird (in dem Punkt ähnelt es dem deutschen THW). Jeder Hemvärnssoldat verwahrt seine militärische Ausrüstung zuhause, manche Bataillone haben sogar ihre Waffen in privater Aufbewahrung.

Hätte U. uns nicht auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht, wir hätten uns nie dafür interessiert, geschweige denn daran teilgenommen. Zuviel Militär, zuviel (Lokal)Patriotismus und zuviele alte Männer, die Krieg spielen, so meine Vorurteile. Ich, die ich in einem Pazifistenhaushalt aufgewachsen bin, bekomme irgendwie immer sofort gewisse Assoziationen, wenn ich Militärparaden sehe und nicht gerade ein Verteidigungsminister verabschiedet wird. Aber man hat mir versichert, dass die Hemvärnet kein Sammelbecken für Menschen mit brauner Gesinnung sei, im Gegenteil.

Vom Morgenappell mal abgesehen, war es dann aber ein weitgehend ziviler Tag – und ein sehr schöner noch dazu. Die 20 km lange Wanderung – neben den Uniformierten nahmen auch noch 50-60 Zivilisten an dem Marsch teil, darunter eben auch U., seine Frau I., Jonas und ich – führte über lange Strecken durch bunte Herbstwälder an unserem „Haussee“ entlang, bei schönem Sonnenschein und angenehmen 15 Grad. Entlang der Strecke gab es dann noch zwei Verpflegungsstationen mit Zuckerwasser und Zuckerbrötchen. (Unangepasst und deutsch wie wir sind, hatten wir auch unser eigenes Picknick dabei, worüber ich angesichts des labberigen Zuckerwassers ganz froh war.)

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Die meiste Zeit führte der Weg durch den Wald, auf angenehmen Wanderwegen, nur das letzte Stück war asphaltiert.

Als wir nach vier Stunden am Ziel ankamen, erwartete uns an der Kaserne stilecht eine Gulaschkanone mit deftigem Mittagessen. Und – typisch schwedisch – jeder Teilnehmer, der die volle Strecke gegangen war, erhielt eine Goldmedaille (oder welches Metall das nun sein mag). Hurra, hurra.

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Jeder Teilnehmer, der die 20 km gewandert ist, hat „etwas geleistet“ und sich eine Medaille mit dem Wappen des Älvsborgsregimentes verdient.

Die alte Garnison bei uns im Ort beherbergt übrigens heute die Volkshochschule und einen unserer schönsten Konzertsäle im Jugendstil mit ordentlichem Flügel. Insofern bin ich persönlich gar nicht so unglücklich, dass wir kein Regiment mehr am Ort haben…

Nebel


Als wir gestern aufwachten, wollten wir unseren Augen zuerst gar nicht trauen: Der Himmel war tatsächlich hellblau und statt einer dicken Wolkendecke wie die letzten Wochen lag draußen nur Bodennebel, der schon begonnen hatte, sich zu heben. Außerdem hatte es zum ersten Mal in diesem Jahr gefroren. Nach dem Frühstück ging es daher schnell raus, um die wunderschöne Stimmung zu genießen.

Statt sich zu heben. wurde der Nebel am See aber erst einmal dichter. So dicht, dass man das andere Ufer nicht einmal mehr erahnen konnte. Die Farben wurden so bleich, dass uns die stimmungsvollen Bilder, die wir am Badplatz gemacht haben, in schwarz-weiß viel besser gefallen.

Als wir hier mit dem Fotografieren fertig waren hatte es wieder etwas aufgeklart. Wir mussten aber leider zurück nach hause, denn ich hatte am Nachmittag ein Konzert mit der Musikschule. Vorher kamen wir noch an der Bahnlinie und bei unserer Nachbarin vorbei, wo Nebel und Sonne eine tolle Atmosphäre erzeugten.

Und wann ist Bescherung?


Sonntagnachmittag, fünf Uhr. Draußen ist es zappenduster, als wir von unserem Spaziergang durch halb fortgeschwemmte Matschwege nach Hause kommen. Seit zwei Wochen waren wir nicht mehr als notwendig vor der Tür, es hat ununterbrochen geregnet. Heute war es sehr windig, beinahe stürmisch, der Wind hat die dicke Wolkendecke etwas in Bewegung gebracht und der Regen macht ab und zu kurze Pausen. Wir sind trotzdem nass und durchgefroren, als wir wieder zu Hause sind. Schön, dass die Zeitschaltuhr das kleine Lämpchen im Küchenfenster schon angeknipst hat.

Zeit für eine Kanne Ostfriesentee. Zeit, das Waffeleisen zu entstauben. Jonas schlägt die Sahne, während ich Kelle um Kelle durchs Waffeleisen schicke.

Die Teekanne steht auf dem Stövchen mit dem Teelicht, daneben eine dicke Blockkerze. Im Radio läuft das vierte Brandenburgische Konzert.

„Und wann ist Bescherung?“ fragt Jonas.

Erster Schultag


Für die Schüler ist heute der erste Schultag nach neuneinhalb Wochen Sommerferien – und dazu passend haben wir seit Sonntagabend Bindfadenregen, Sturm und 10 Grad. Mit anderen Worten: Herbst. Hmpf.

Die Lehrer in Schweden haben bereits vor einer Woche begonnen, das Schuljahr zu planen und an meiner Musikschule haben wir auch schon die erste Orchesterfreizeit hinter uns. Also „Freizeit“ und „Freizeit“ – wie das eben so ist, wenn man als Lehrer mit 25 Zehn- bis Zwölfjährigen ein Wochenende lang probt, badet, Brennball spielt, Rätsel löst und Schnitzel jagt. Insgesamt war es aber doch ein weitaus entspannteres Orchesterlager, als ich es von früher aus Deutschland gewohnt bin. Wir waren 5 Lehrer und 4 Eltern und für alle (außer für mich, wie gesagt) war es ganz selbstverständlich, dass wir Lehrer für die Zeit jenseits der Proben genau null Verantwortung für die Freizeitgestaltung und reibungslose Abläufe hatten. Die Badeaufsicht war geregelt, irgendwer kümmerte sich um die Zimmerverteilung, die Nachtruhe und das Wecken, die Eltern organisierten die Schnitzeljagd und die Kinder hatten alle ihre unterschiedlichen Allergien und Lebensmittelintoleranzen selbst im Griff. Über den Ausgang des Brennballmatches „5 gegen 25“ haben wir Stillschweigen vereinbart.

Da bleibt dann auch noch Luft, abends ganz entspannt um halb elf schlafen zu gehen – wir Lehrer hatten unser eigenes Haus – und morgens um 7 mit ein paar ganz Eifrigen einen Morgondopp im See zu nehmen. Selbst schuld, wer da mit den Schülern wettet, dass sie so früh eh nicht wach wären und im Gegenzug vom Drei-Meter-Turm springen muss…

Nun ja, ein paar Tage wird der „richtige“ Schulalltag noch auf sich warten lassen, bis der Stundenplan gemacht ist und ich alle Sonderwünsche meiner rund 50 Klavierschüler unter einen Hut gebracht habe. Zwölf Neuanfänger habe ich, das wird spannend, die alle unterzubringen.

Von unserem Sommer im VW-Bus erzählen wir dann wannanders mal – wenn das Wetter weiter so mies bleibt, dauert das auch gar nicht mehr so lange, bis wir alle Bilder gesichtet haben.