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Satire und Organspende


Seitdem wir Breitband-Internet haben, haben wir unser Fernsehprogrammpaket auf die kleinstmögliche Variante reduziert, und haben seitdem nur noch die vier schwedischen öffentlich-rechtlichen Kanäle SVT 1 und SVT 2, SVT 24 (Nachrichten), Barnkanalen/Kunskapskanalen (Kinderkanal tagsüber, Wissenssendungen abends) und TV 4, den größten der privaten Kanäle. Für dieses Kanalpaket zahlen wir nix extra, das ist quasi mit unseren Steuergeldern abgedeckt.

Stattdessen gönnen wir uns ein Netflixabo und sind fleißige Nutzer diverser schwedischer und deutscher Mediatheken, was fein funktioniert, seitdem wir unseren alten Röhrenfernseher von 1995 dann doch endlich dem Wertstoffhof übergeben haben. (Das Ding war nicht mehr mit Breitband kompatibel, sonst würde er wahrscheinlich immer noch hier stehen.)

Dass wir den Fernseher gezielt für bestimmte Sendungen anmachen, passiert daher äußerst selten. Einzige Ausnahme: Svenska Nyheter (dt: „Schwedische Nachrichten“) am Freitagabend. Hierbei handelt es sich allerdings nur bedingt um Nachrichten, es ist vielmehr politische Satire im Gewand einer Nachrichtensendung, nicht unähnlich der heute-show.

Auch das könnte man auch in der Mediathek SVTplay gucken, aber Freitagspätabend ist einfach eine gute Zeit für politische Satire.

Der Moderator Jesper Rönndahl scheut sich nicht, selbst eine klare Haltung in bestimmten Fragen zu beziehen, wenn er z.B. die demokratische Grundordnung Schwedens verteidigt und die schwedische Rechtsaußenpartei Sverigedemokraterna mit den Mitteln der Satire bis zur Kenntlichkeit entstellt. (Was ihm auch schon diverse Anzeigen eingebracht hat, die erfreulicherweise alle in Leere gelaufen sind.)

Letzte Woche hatte die Sendung ein anderes Thema auf der Agenda: Organspenden. Die Gesetzgebung in Schweden ist ähnlich wie in Deutschland; tritt der Fall ein, dass eine Person als Organspender in Frage kommt und es liegt keine Einverständniserklärung vor, werden die Angehörigen befragt, wie die vermutliche Haltung des/der Betroffenen zur Organspende sei. Keine leichte Entscheidung, wenn man nie darüber gesprochen hat.

Gleichzeitig stehen in Schweden, wie auch in Deutschland, wesentlich mehr Menschen positiv zum Thema Organspende, als wirklich ihren Willen kundgetan haben. In Deutschland füllt man dafür einen Organspendeausweis aus, den man dann immer bei sich tragen sollte, in Schweden (wie sollte es anders sein), ist es eine Sache von drei Klicks, sich online in der nationalen Organspendedatei (Donationsregister) zu registrieren. Man kann dort übrigens auch aktiv wählen, nicht als Spender zur Verfügung zu stehen – auch das ist eine Wahl, die es den Angehörigen im Fall der Fälle erleichtert.

Nach einer informativen Zusammenfassung der Sachlage forderte Rönndahl sein Publikum im Studio und zuhause vor den Fernsehern auf, jetzt, also genau jetzt, ihr Handy zu zücken und sich ins Donationsregister einzutragen, während er auf dem Studiobildschirm dasselbe tat. Nach einer Minute war er damit fertig:

Noch am selben Abend brach die Homepage der Donationsregisters wegen zu großem Andrang zusammen und am darauffolgenden Dienstag vermeldeten die Abendnachrichten fast 19.000 neue Organspender, gegenüber durchschnittlich 300 Neuregistrierungen in einer normalen Woche.

Diese nichtsatirische Abendnachricht wiederum führte zu einer erneuten Überlastung der Homepage des Donationsregisters, sodass Rönndahl vergangen Freitag in seiner Sendung insgesamt über 33.000 neue Organspender vermelden konnte und außerdem die ganz unsatirische Hilfsseite https://organkumpan.svt.se/ lancierte, die bei zu großem Andrang die Seite des Organspenderegisters entlasten soll.

 

Alle Folgen von Svenska Nyheter kann man übrigens auch in Deutschland gucken:
SVT play

Organspender werden in Deutschland
Organspender werden in Schweden