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In diesen heil’gen Hallen…


So fühle ich mich gerade jeden Morgen, wenn ich in aus dem Auto steige und meinen temporären Arbeitsplatz betrete. Wie es zu so hochtrabenden Gefühlen kommt?

Ihren Anfang nimmt die Geschichte am Montag: Ich komme halb abgehetzt aus dem kulår (Instrumentenkarussell im Klassenverbund für Erstklässler) und will ein paar Dinge in der Verwaltung erledigen. Im Korridor höre ich, wie eine unserer Sekretärinnen am Telefon spricht: „Braucht ihr einen Kontrabasslehrer, oder was?“ Ich werde natürlich sofort hellhörig und habe einige Augenblicke später selber das Telefon in der Hand. Am anderen Ende spricht die Tochter ebenjener Sekretärin, Kontrabassistin bei den Göteborger Symfonikern, mit etwas heiserer Stimme: „Wir haben hier im Orchester ein Riesenproblem, die ganze Woche über kommen Schulklassen für Kinderkonzerte und um uns Musiker zu treffen. Aber das halbe Kontrabassregister ist krank und wir brauchen dringend jemanden, der den Kindern den Kontrabass zeigen kann.“

Die Gelegenheit, bei den Göteborger Symfonikern einspringen zu dürfen, lasse ich mir natürlich nicht nehmen. Und so fahre ich seit Dienstag und bis Samstag jeden Morgen zum Konzerthaus in Göteborg, nehme dort in einem Übungsraum zwei bis vier Gruppen à 8 Kinder in Empfang und entführe sie in die faszinierende Welt der tiefen Töne.

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Das Kontrabasszimmer

Bei den Konzerten darf ich leider nicht mitspielen, noch nicht einmal orchesterintern darf man bei Produktionen aushelfen, für die man nicht geprobt hat. Aber allein die Tatsache, im Konzerthaus arbeiten zu können und sich frei hinter den Kulissen unter Musikerkollegen zu bewegen, ist eine fantastische Abwechslung zum Musikschulalltag. Ein wenig wie Höhenluft schnuppern, schließlich führt das Orchester Namen wie Gustavo Dudamel, Kent Nagano oder Neeme Järvi in der Liste seiner Chefdirigenten.

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Das Konzert beginnt – im wunderschönen und akustisch traumhaften Großen Saal des Göteborger Konzerthauses,

Morgen muss ich die einstündige Fahrt nach Göteborg nicht einmal alleine auf mich nehmen: Die Krankheitsfälle im Orchester nehmen zu und es wird noch mehr Verstärkung gebraucht. Als ich mich heute in meinem Zimmerchen eingerichtet hatte, kam der Orchesterchef herein und begrüßte mich mit den Worten: „Es geht das Gerücht, dass du eine Frau hast…“ Morgen fährt also Annika mit und weiht einige glückliche Kinder in die Geheimnisse von Klaviermusik und -mechanik ein.

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Der Probensaal des Orchesters
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13. Dezember 2015 – Lucia


Fällt Lucia so wie dieses Jahr auf ein Wochenende, so finden die Luciafeiern an Schulen und Arbeitsplätzen bereits am Freitag statt. Dieses Jahr war ich an einer anderen Schule als die letzten zwei Jahre, denn die andere Schule war schneller und hatte mich bereits Anfang August für ihren Luciazug gebucht. Ich war nicht ganz undankbar dafür, nachdem die eine Schule mich letztes Jahr zwar eingespannt hatte, mit den Kindern die Lucialieder einzustudieren, mir dann am Luciamorgen (nachdem ich alleine Keyboard und Lautsprecher in die Turnhalle geschleppt hatte), aber eröffnete, dass es doch viiiiiel schöner wäre, die 15 Viertklässler unbegleitet singen zu lassen und mich stattdessen beorderte, den Wassereimer zu bewachen, falls mit den Kerzen etwas schiefgehen sollte. So bin ich bislang selten gedemütigt worden und ich hatte mir fest vorgenommen, nie wieder an dieser Schule Lucia zu feiern (Lucia 2013 an jener Schule war ja auch schon doof gewesen) und so sagte ich der anderen Schule gerne bereits im August mein Mitwirken an allen Luciafeierlichkeiten zu.

Wegen Sparmaßnahmen hat diese Schule gerade keinen Musiklehrer und daher die Einstudierung in die Hände der Klassenlehrerinnen der beiden sechsten Klassen gelegt. Die eine der beiden Lehrerinnen kam Anfang November leicht panisch zu mir, weil sie noch nie eine Luciafeier organisieren musste und selbst zugab, keine Ahnung zu haben, wie man aus 32 Sechstklässlern, die keinen Bock haben zu singen, einen Luciachor macht. Eine Frage schien ihr besonderes Kopfzerbrechen zu bereiten:

– „Annika, hier in den Noten aus dem Weihnachtsliederbuch, da stehen doch immer nur der Text und die Melodie. Ich habe früher ja mal Flöte gespielt und kann Noten lesen und ich finde auch alle Töne auf dem Klavier, aber wenn ihr von der Musikschule das spielt, dann klingt das immer nach viel mehr Tönen… wie macht ihr das?“

Ich erkläre ihr kurz das Prinzip „Liedbegleitung nach Akkordsymbolen“ und dass es im Musiklehrerstudium ein Pflichtfach gibt, das „Schulpraktisches Klavierspiel“ heißt. Es scheint sie zu trösten, dass ich noch hinzufüge, dass ich genauso wenig Ahnung hätte, wenn mein Chef mich plötzlich dazu verdonnern würde, Mathe und Chemie zu unterrichten.

– „Letztes Jahr, da hatten wir eine Praktikantin hier und die konnte ein bisschen Keyboard spielen, aber die hat dann gar keine Melodie gespielt und dann wussten die Kinder nie, auf welchem Ton sie anfangen sollten zu singen.“

– „Mhm, vermutlich hat die Praktikantin dann nur die Akkorde gespielt.“

(Ja, wenn man nur Akkorde spielt, womöglich nur in Grundstellung und dann noch möglichst im Bass, dann erschwert das das Singen erheblich, anstatt es zu erleichtern – vor allem, wenn man mit Kindern singt.)

Sie seufzt tief und fragt dann leicht verzweifelt:

„Könntest du denn beides gleichzeitig spielen, Melodie und Akkorde?“

Würde man einen Profifußballer fragen, ob er gleichzeitig rennen und den Ball dribbeln kann, was würde der wohl antworten? Ich bin zwar deutlich schlechter bezahlt als ein Fußballer, aber… nein, Melodie und Akkorde gleichzeitig zu spielen, stellt kein größeres Hindernis für mich dar. Ich kann dabei sogar singen, den Chorkindern Einsätze zunicken, den anderen Kindern strenge Blicke zuwerfern, wenn sie zu laut werden und wenn es sein muss auch noch gleichzeitig meinen Schlüsselbund aus der Hosentasche ziehen, weil jemand ganz dringend den Schlüssel zum Musiksaal braucht.

Ich verkneife mir jedoch ein Lachen oder einen sarkastischen Spruch, weil ich merke, dass sie ernsthaft verzweifelt ist und die Erwartung ihres Schulleiters schwer auf ihren Schultern lastet. Lucia, das ist nicht irgendein Schulfest, da gibt es so viele Erwartungen und Traditionen, so viele „Aber-das-ist-doch-immer-so-gewesen“, so viele Kollegen und Eltern, die am Ende im Zweifelsfall besser wissen wollen, wie alles hätte sein sollen – ich kann gut verstehen, dass man da verzweifelt, wenn dann auch noch die Klasse nicht singen will (oder auch nicht kann, weil sie keine Hilfestellung bekommt). Sechstklässler sind diesbezüglich außerdem deutlich schwieriger zu motivieren als die unteren Klassen. Und der „Oh-was-sind-die-süß-wenn-sie-singen-Faktor“, der auch trotz noch so schiefem Gejaule den Eltern Tränen der Rührung auf die Wangen zaubert, ist auch nicht mehr der gleiche, wenn ein Teil der „süßen Kleinen“ bereits auf dem Weg in den Stimmbruch ist.

Ich beruhige sie also und demonstriere ihr kurz, wie das klingt, wenn ich einen Chor begleite – mit Melodie und Akkorden. Vorspiel und Zwischenspiel zwischen den Strophen gibt es gratis als Sahnehäubchen dazu.

Danach wirkt sie deutlich entspannter und als ich ihr verspreche, vorher mit den Schülern zwei Proben zu machen und dass ich auch das Einsingen vor den drei Aufführungen übernehmen könne ist sie richtig erleichtert.

Die drei halbstündigen Vorstellungen – eine am Vorabend für die Eltern und zwei am Morgen für Schüler und Personal der Schule und Vorschule – liefen letztlich sehr nett ab. Ich war wirklich nur für den musikalischen Teil verantwortlich, die Lehrerinnen kümmerten sich um die weißen Luciagewänder mit den blauen und roten Bändern für die Mädchen, um Spitzhüte und Sternenstäbe für die Jungen, um Kerzen, Wunderkerzen und Batterien für die Luciakrone.

In der abgedunkelten Mensa stand ein ordentliches E-Piano, ich musste keine Lautsprecher spazieren tragen und sogar an eine Pultlampe für mich hatten sie gedacht. Ich wurde selbstverständlich zum Glöggfika hinterher eingeladen, der Schulleiter hat sich bei mir bedankt und ich bekam sogar noch ein Blümchen von den beiden Lehrerinnen.

Der Komiker Robert Gustavsson und die Schlagersängerin Lena Philipsson treffen in ihrer Luciaparodie den Kern einer klassischen Schulluciafeier ziemlich gut: überambitionierte Mädchen, Jungs, die nie genau wissen, wann sie ihr Solo mit dem Staffanslied haben, ein bisschen Rumgeschubse auf der Bühne und heruntergeleierte Gedichte. Aber so herzig…

Schülermund VI – Schlechte Stimmung


Der Steinway-Flügel in unserem Orchestersaal und die beiden Klaviere in meinem Unterrichtsraum lasse ich zweimal im Jahr stimmen, jeweils zu Beginn der Schulhalbjahre im August und im Januar. Dennoch verstimmen die Instrumente recht schnell und gerade jetzt während der Heizperiode ist es fast unerträglich. Jedenfalls für mich, die ich täglich mehrere Stunden die verstimmten Oktaven ertragen muss. Die meisten meiner Schüler reagieren (leider) nicht darauf oder stören sich eher an anderen Dingen, wie „die Pedale sind viel tiefer als bei meinem E-Piano“ oder „das Polster an meinem Klavierhocker ist viel weicher“ oder „mein Klavier zuhause hat aber Kerzenständer dran“.

Gestern hatte ich aber einen sehr ambitionierten Sechstklässler, der nach drei Takten aufhörte und sagte „Annika, ich kann da nicht spielen. Das klingt so falsch.“ Recht hatte er. Mit dem Wissen, dass ich ihm nach den Weihnachtsferien wieder ein gestimmtes Klavier präsentieren kann, änderte ich also kurzfristig mein Stundenkonzept und hielt eine Stunde zum Thema Instrumentenkunde und wie das Innenleben eines Klavieres so aussieht.

Schließlich kamen wir zur Ausgangsfrage zurück, warum ein Klavier eigentlich die Stimmung verliert.

– „Überleg mal, ein Klavier ist aus Holz und Holz ist ein natürliches Material und reagiert auf die Umgebungstemperatur. Was passiert denn im Winter, wenn es draußen Minusgrade hat und hier drinnen ist es schön warm? Und wenn ich dann ab und zu das Fenster zum Lüften aufmachen muss?“

– „Das Klavier verrottet.“


 

Schülermund I, Schülermund II, Schülermund III, Schülermund IV, Schülermund V

Tschaikowski


Seit gut einer Woche sind wir aus unserem Sommerurlaub zurück und fast ebensolange wohnt jetzt auch Tschaikowski bei uns. Die ersten Tage hat er eigentlich nur auf meinem Schoß gelegen und gepennt, aber inzwischen ist er sehr munter und entdeckungsfreudig. Kratzbaum, Bücherregale, Klavier… kein Ort ist vor ihm sicher, auch wenn wir streng versuchen, ihn vom Esstisch fern zu halten. (Mit welchem Erfolg, das sehen wir dann morgens, wenn wir die Esssets vom Boden aufsammeln…)

Stubenrein war er vom ersten Tag, obwohl es in dem Pferdestall, in dem er seine ersten 15 Wochen verbracht hat, kein Katzenklo gab. Den ersten Besuch beim Tierarzt mit Impfung und „chippen“ hat er gut verkraftet – auch Katzen kriegen in Schweden eine Personennummer und die kann man jetzt mit einem Scanner an der Supermarktkasse auslesen. Naja, jedenfalls fast.

Hier ein paar Impressionen aus der ersten Woche:

 

Alltag


– „Hallo, hier ist Annika von der Musikschule, ich rufe an wegen Lasses Klavierstunde. Hat er denn seinen Stundenplan von der Schule schon bekommen? Ich nehme an, er möchte wieder direkt nach der Schule kommen, damit das mit den Buszeiten passt. An welchem Tag würd’s denn passen?“

– „Ja, genau; gut, dass du dran denkst mit dem Bus. Letztes Schuljahr hatte er ja immer donnerstags, das würde eigentlich jetzt auch wieder passen, aber…“

– „Ja?“

– „Lasse möchte lieber montags Klavierunterricht haben. Da hat er zwar länger Schule, dann klappt das mit dem Bus nicht mehr, aber egal. Ich hol ihn dann ab.“

-„Mhm. Hat er denn donnerstags viele anstrengende Fächer?“

-„Nee, das nicht, aber er übt doch immer nur sonntags und hat dann bis Donnerstag alles wieder vergessen.“

„Ok, dann am Montag, eine Stunde später als im letzten Jahr, ich habs notiert. Der Unterricht fängt nächste Woche an. Tacktack! Hejdå!“

Klick.

– „Hallo, hier ist Annika von der Musikschule, ich rufe an wegen Mias Klavierstunde. Hat sie denn ihren Stundenplan von der Schule schon bekommen? … Prima. An welchem Tag würd’s denn passen? Wieder montags, wie letztes Jahr? … Stimmt, die Pfadfinder haben die Zeiten geändert. Am Dienstag hätt ich auch noch was frei, allerdings erst nach vier. … Oh, das ist ja toll für sie, dass sie jetzt die Kleinen beim Innebandy trainieren darf, aber früher hab ich leider nichts mehr frei. Am Donnerstag ist aber eben was frei geworden, am frühen Nachmittag. … Young voices, verstehe. Nee, klar, wenn sie da solo singt, kann sie nicht jedes Mal zu spät kommen. … Mittwoch? Ich dachte, da hat sie erst Klarinette und anschließend Orchester? … Eben, dacht ich mir doch. Freitag also. … Oh die Arme, freitagnachmittags eine Doppelstunde Naturexperimente … Ja, die Turnhalle, wo die Funkenmariechen trainieren, ist gleich um die Ecke. … Kommt drauf an, wann die Funkenmariechen anfangen. … Um halb sechs muss sie da sein? Das könnte gehen. Der Schüler, bisher um fünf kam, hat eh angedeutet, dass er freitagabends immer so fertig ist und an einem anderen Tag kommen wollte. Ich melde mich nochmal, wenn ich mit ihm gesprochen habe, ok? … Tacktack! Hejdå!“

Klick.

– „Hallo, hier ist Annika von der Musikschule, ich rufe an wegen Gustavs Klavierstunde…“

Lotterie – Oder: Wie ich einmal ein Fettnäpfchen in eine Torte verwandelte


Seitdem ich an der Musikschule unterrichte, bin ich in der komfortablen Situation, dass ab und zu Muggen an meine Tür klopfen, ohne dass ich mich sonderlich darum bemüht hätte. (Für Nichtmusiker: Mugge steht für Musik gegen Geld – Gelegenheitsjobs, die zwar zum Leben selten reichen, aber oft ein willkommenes Taschengeld sind.) Wie sehr hätte ich mir solche Muggen letztes Jahr gewünscht, als ich meinem eher uninspirierendem Übersetzerjob nachging, aber da brauchte irgendwie nie jemanden einen Pianisten oder niemand hat an mich gedacht.

Jetzt, wo ich endlich wieder mein Knäckebröd mit dem verdiene, was ich gelernt habe, kommen die Muggen von ganz allein.
So klopfte es neulich an der Tür meines Unterrichtsraumes, als ich gerade eine Pause hatte. Vor mir stand die örtliche Kantorin und fragte, ob ich nicht eine Fastenandacht im Nachbarort musikalisch umrahmen könnte. Abends, unter der Woche, sie sei leider verhindert und sie habe gehört, ich sei „die Neue“ hier. Die Andacht sollte im Gemeindehaus stattfinden, also mit Klavier und nicht mit Orgel (puh…!). Nach einem kurzen Blick in den Kalender sagte ich zu.

Am nächsten Tag telefonierte ich mit dem Pfarrer; er war sehr aufgeschlossen und wünschte sich bloß, „dass es irgendwie zur Passionszeit passt, es darf aber auch gerne etwas Weltliches sein.“ Mit Haydn, Schumann und einem Choralbuch im Gepäck machte ich mich also eine Woche später auf den Weg. Die Andacht war mit rund 20 Senioren für den winzigen Ort relativ gut besucht und es war eine sehr angenehme Atmosphäre dort zu spielen.

Zwingender Bestandteil solcher Veranstaltungen ist immer ein anschließendes Kyrkfika, in diesem Fall organisiert von den Damen des Gemeindenähkränzchens. Neben Kaffee wurden natürlich auch Unmengen an selbstgebackenem Kuchen und liebevoll zubereiteten Schnittchen serviert. Fastenzeit auf schwedisch.

Und natürlich gab es eine Lotteri.
Irgendwie wusste ich schon, dass Loseziehen in Schweden Volkssport ist, aber ich bin ja nicht so der Draufgänger und hab mich daher noch nie sonderlich dafür interessiert. Aber in dieser Situation hätte es sich irgendwie falsch angefühlt, kein Los zu kaufen. Als die Dame mit den Losen also bei mir vorbeikam, hatte ich also schon 20 Kronen für zwei Lose parat. Die Papierröllchen hingen an einem Metallring und es gab ungefähr gleich viele lange und kurze Lose. Da ich nicht wusste, was es mit den langen und kurzen Losen auf sich hatte, dachte ich, ich ziehe mal ein langes und ein kurzes. Böööööser Fehler…

Lose ziehen auf Schwedisch
Lose ziehen auf Schwedisch (Bildquelle: skövdegravyr.se)

Die Dame reichte mir den Ring, damit ich mir zwei Lose abreißen konnte, aber die Lose waren unglaublich schwierig von diesem Metallring abzufriemeln, sodass es bei mir lotteriunerfahrenem Wesen eine gefühlte Ewigkeit dauerte, bis ich mein erstes – langes – Los in der Hand hielt. Als ich anfing, das zweite Los abzuknibbeln, schaute mir die Dame über die Schulter und fragte freundlich, ob die Lose denn heute besonders hartnäckig seien. Ich nickte leicht beschämt und deutete auf das erste – lange – Papierröllchen, das vor mir auf dem Tisch lag, während ich an einem kurzen Papierröllchen rumfummelte. Entsetzen machte sich im Gesicht der Dame breit: Nej men… vad göööööör du? (Aber… was machst du denn da?) rief sie laut. Alle Gespräche am Tisch erstarben und zwanzig weitere Augenpaare richteten sich auf mich, die ich mir in diesem Augenblick so unfassbar dumm vorkam und mir ein gnädiges Loch wünschte, das sich bitte unter mir auftun sollte. Ich hatte zwar keine Ahnung was, aber irgendwas musste ich an diesem Loseziehen gerade gravierend falsch machen.

Selten war ich einem Pfarrer so dankbar wie in diesem Augenblick, denn… er lachte auf einmal schallend los und entspannte so erstmal die ganze Situation mit den 20 Senioren, die mich anstarrten, als ob ich gerade dabei wäre, den silbernen Kelch beim Abendmahl mitgehen zu lassen. Ni har väl inga lotterier i Tyskland, eller hur? (In Deutschland gibt’s wohl keine Lose, wie?) schmunzelte er, nahm mein langes Losröllchen vom Tisch und riss es in der Mitte durch. Die eine Hälfte gab er mir, die andere gab er der Dame mit den Losen. Dann nahm er den Ring und zeigte mir, dass die langen Lose alle in der Mitte perforiert waren und man nur den unteren Teil der Lose abreißen dürfe, denn die andere Hälfte diene später dazu, den Gewinner zu ziehen. Ich hatte also gerade mich selbst und beinahe auch noch jemand anderes um die Möglichkeit eines Gewinns gebracht. Peinlichpeinlichpeinlich…

Als alle ein paar Lose gekauft hatten, dachte ich, das wäre dann auch das Ende der Veranstaltung und hoffte, mich bald möglichst unauffällig aus dem Staub machen zu können. Die Ziehung der Lottozahlen würde wohl am Sonntag beim nächsten Kyrkfika stattfinden, dachte ich. Aber da hatte ich die Rechnung ohne die Dame mit den Losen gemacht, denn die begann jetzt ihre Runde wieder von vorn. Natürlich wollte ich nicht die erste sein, die ging und so blieb ich erstmal sitzen. Guuuute Entscheidung…

Der Pfarrer klärte mich nämlich jetzt auf, dass das Kaffekränzchen erst beendet sei, wenn alle 100 Lose am Ring verkauft seien, und alle Gewinne einen neuen Besitzer gefunden hätten. Die 1000 Kronen aus der Lotterie seien wichtiger Bestandteil der abendlichen Kollekte. In diesem Moment erschloss sich mir die Unmenge an Schnittchen und Kuchen, denn unter diesen Umständen schien das ein längerer Abend zu werden. Auf wundersame Weise reichten die Schnittchen genau so lange, bis das letzte Los verkauft war (ein bisschen wie bei der Sache mit Jesus und den Fischbrötchen).

In einer Ecke des Saals wurde nun ein Gabentisch aufgedeckt und die Dame mit den Losen holte sich noch eine Glücksfee hinzu. Meinetwegen mussten die beiden jetzt erst alle 100 halben Lose vom Ring pflücken und in eine Schüssel legen, denn sonst wären ja die Chancen ungleich verteilt gewesen. Mannmannmann, so ein Aufwand, nur weil ich zu blöde zum Lose ziehen bin.

Und dann begann die eigentliche Verlosung. Und jetzt ratet mal, wessen Los als erstes aus der Schüssel gezogen wurde?… Richtig. Meins. Ausgerechnet.
Und so hatte ich als Erste die Auswahl zwischen Duftkerzen, Duschgels, Kaffeepäckchen, Grünpflanzen, Topflappen und Selbstgebackenem. Weil ich meine Wertschätzung für die ehrenamtliche Arbeit der Damen vom Nähkränzchen irgendwie zum Ausdruck bringen wollte, entschied ich mich hierfür:

Rulltårta
Rulltårta – Irgendwer muss ja eine solche Bürde in der Fastenzeit auf sich nehmen, oder?

Natürlich bekam ich nicht nur ein Stück, sondern eine ganze Rulltårta, von der Jonas und ich uns den Rest der Woche lang ernähren konnten. Fastenzeit, wie gesagt.
Ein solches kuchengewordenes Fettnäpfchen werde ich jetzt wohl nie wieder essen können, ohne dabei an Papierlose denken zu müssen.

Zum Glück stellt diese Episode jedoch noch nicht das Ende meiner noch jungen Karriere als Aushilfskirchenmusikerin dar. An Karfreitag sind Jonas und ich bereits wieder gebucht. Und ich werde ihn vorher genauestens instruieren, wie das mit den Losen geht…

Frisch verliebt


Nachdem mich ja mein Ex vor kurzem verlassen hat, tändle ich mit seit einer Weile wieder mit einem Neuen. Zuerst ein paar vorsichtige Emails, dann das erste Blind Date. Dann das Warten auf seinen Anruf. Der dann auch kam – am Abend, bevor ich nach Deutschland geflogen bin. Na toll… ob ich ihn wohl noch eine Woche hinhalten konnte? Würde er das mit sich machen lassen…? Ja, er wartete auf mich, aber er hatte noch eine andere, die ihm auch ganz gut gefiel und bevor er sich für eine von uns entscheiden könne, wolle er uns beide nochmal treffen. (Nicht so schön das, aber wenigstens war er ehrlich.)
Dann gestern unser zweites Date… Und die alles entscheidende Frage: Willst Du mit mir gehen? Ja. Nein. Vielleicht.

Er wolle mit seiner Familie drüber reden und eine Nacht drüber schlafen, sagte er, und sich dann heute melden. Meine Nacht hingegen war eher schlaflos. Ab acht Uhr hielt ich krampfhaft das Telefon in der einen, das Handy in der anderen Hand. Nicht mal aufs Klo wollte ich gehen. Als es sich dann nicht mehr vermeiden ließ, lagen beide Telefone auf der Klorollenhalterung.

Endlich klingelte es… mööörp, Fehlalarm – bloß irgendein Heini, der mir ein neues Telefonabo an die Backe quatschen wollte. Und damit blockierst Du meine Leitung, du Doofkopp?!

Um zwei hatte er sich immer noch nicht gemeldet und ich war in der Stimmung, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und die nächsten Monate im Niemandsland zwischen Herbstdepression und Winterschlaf zu verbringen.

Um halb vier hatte das ungewisse Warten dann endlich ein Ende. Ich fasse den Inhalt des Gesprächs und meinen aktuellen Gemütszustand kurz zusammen:

Er ist übrigens Musiker und will, dass ich seinen Kindern Klavierunterricht gebe. Und ein bisschen Blockflötenunterricht. Und ein bisschen korrepetieren. Ein Orchester hat er auch, da soll ich auch ab und an dirigieren.  Wenn ich will, darf ich seine Kinder auch für Musiktheorie begeistern. Oder sie beim Komponieren unterstützen. Oder einen Chor gründen. Oder, oder, oder… Gut, dass ich das alles mal in der Bräuteschule gelernt habe. Mein Neuer wirkt da sehr freizügig, was meine ehelichen Pflichten angeht.

Toll ist auch sein Wohnort: ganz in der Nähe von Jonas‘ Nebenfrau – die beiden sind sogar miteinander verwandt! – in einem Stadtteil, der wegen seiner Lage und seiner Einwohnerschaft liebevoll „Beverly Hills“ genannt wird. Damit steht jetzt definitiv wieder ein Umzug an, das hatten wir ja schon lange nicht mehr. Oder so.

Nächste Woche unterschreiben wir den Ehevertrag, die Hochzeit ist dann Anfang Januar. Bis dahin sollte sich mein Endorphinspiegel wieder normalisiert haben, sodass ich mich wie ein gesitteter Mensch aufführe und nicht unvermittelt aufspringe und qietschend durch die Gegend hopse.