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Ich komme heute später, weil…


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Diese SMS bekam ich kürzlich von einem Klavierschüler, neunte Klasse:
Hej! Komme wohl etwas später heute weil Zeitmangel usw

Ich bin ja glücklich, wenn sie ihr Handy benutzen, um damit mit mir zu kommunizieren. Und „Zeitmangel usw“ ist wirklich eine schöne Entschuldigung. So erwachsen. Mal eine Abwechslung zu „Ich kann nicht kommen, wir schreiben morgen nen Mathetest./ Ich muss zum Zahnarzt./ Mama hat vergessen meine Tasche zu packen./ Mein Freundin hat ein neues Pony.“

Schön auch, wenn Form und Inhalt so kongruent sind wie hier. Eine ausführliche Erklärung mit Zeichensetzung und allem Pipapo, warum die Zeit knapp ist, wäre ja auch unglaubwürdig. Stattdessen fokussiert er auf die wichtigen Dinge, zunächst auf der Beziehungsebene: „Hej!“ Wie schön! Trotz Zeitmangel usw nimmt er sich die Zeit, mir eine Anrede zu schreiben, noch dazu mit Satzzeichen, das einzige in der ganzen SMS! Dann gehts direkt zur Sache: „Kommer…“. Wer wird sich denn mit so Kinkerlitzchen wie einem Satzsubjekt aufhalten, wenn man im Telegrammstil schreiben kann? Immerhin, die Zeit reicht für das kleine Wörtchen nog (=wohl, vermutlich), es gibt also noch ein Fünkchen Hoffnung, dass er es doch noch pünktlich schafft. Schließlich kommt die SMS schon um 15.00 und seine Klavierstunde beginnt erst 30 Minuten später.

Offensichtlich wollte er mir auch zunächst eine längere Erklärung schreiben, warum er zu spät kommen würde, darauf deutet die Konjunktion „eftersom“ hin, die gemeinhin einen vollständigen beigestellten Hauptsatz einleitet. Ich sehe es bildlich vor mir, wie er den Satz beginnt, versucht, sein voraussichtliches Zuspätkommen plausibel zu begründen, es wieder löscht, neu anfängt und schließlich ganz erschöpft aufgibt und sich mit der Erklärung Zeitmangel zufrieden gibt. Zeitmangel, die Geißel meiner und offensichtlich auch seiner Generation. Er ahnt, dass damit alles gesagt ist, denn das schöne Wörtchen Zeitmangel deckt so ungefähr alle Unwägbarkeiten des Lebens ab, einschließlich der unvorhergesehenen Ereignisse, die zwischen Unterrichtsschluss und Klavierstundenbeginn auftreten können. Oder? Ist damit wirklich alles, alles, also wirklich erschöpfend ALLES gesagt? Oder sollte man noch besser ein nachdrückliches Undsoweiter hinterherschieben? Die Zeit ist knapp, aber die jugendliche Unsicherheit groß, daher ein Kompromiss: usw  – Ohne Satzzeichen. Dafür reicht die Zeit nun wirklich nicht. Aber wenigstens umfasst ein usw nun endgültig alles andere, was nicht schon im Subtext zu Zeitmangel enthalten war. Fertig. Senden!

Um 15:40 steht ein duftender Jüngling vor mir: die Haare frisch gegelt, der weiche Flaum rasiert und die ganze Erscheinung in eine Wolke von Rasierwasser, Duschgel und Deo eingehüllt, und erklärt mir: „Wir hatten in der letzten Stunde Sport.“

Als ich am Ende der verkürzten Unterrichtsstunde die Tür meines Unterrichtsraumes öffne und ihn und seine Duftwolke nach draußen entlasse, sitzt auf dem Flur seine neue Freundin und wartet. Das erklärt doch so viel mehr als Zeitmangel usw

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Schülermund X


Am Montag bekam ich eine SMS von einer Schülerin:

„Hej! Ich kann am Donnerstag nicht zum Klavierunterricht kommen, wegen eines Praktikums in der Schule. Und nächste Woche ist Christi Himmelfahrt, da sehen wir uns auch nicht. Kannst du meiner Schwester neue Noten für mich mitgeben, die hat morgen Querflöte. Ansonsten hab ich jetzt drei Wochen lag nichts zu üben. :-(“

Dass ich aber auch nicht vorausschauender geplant habe… ts ts ts… schließlich hatte sie am Sonntag im Konzert ihr aktuelles Stück „abgeliefert“ und sitzt seither auf dem Trockenen.

Man soll ja keine Lieblingsschüler haben, aber manchmal machen sie’s einem echt schwer.


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Schülermund VIII – Ich konnte (nicht) üben, weil…


Zu Beginn jeder Stunde frage meine Schüler immer, wie es in der vergangenen Woche mit dem Üben geklappt hat. Nicht zu Kontrollzwecken – ob das Kind geübt hat oder nicht, merke ich sowieso nach zwei Takten – , sondern um dem Schüler oder Schülerin die Chance zu geben, Fragen zur Hausaufgabe zu stellen oder gleich zu sagen, dass er oder sie nicht geübt hat und warum. Weiß ich gleich zu Beginn, dass das Kind die ganze Woche keine Taste angerührt hat (was zum Glück eher selten ist), dann kann ich uns beiden das dröge „Ich-habe-nicht-geübt-versuche-aber-trotzdem-das-Stück-durchzuspielen-Theater“ ersparen und baue stattdessen die Stunde anders auf. Manchmal gibt es ja durchaus triftige Gründe, warum man nicht zum Üben gekommen ist, und wenn das mal passiert, ist das auch kein Drama.

Heute frage ich also eine siebzehnjährige Schülerin: „Und, wie liefs die Woche mit dem Üben?“ – „Super, ich war krank und war die ganze Woche nicht in der Schule, endlich konnte ich mal soviel üben wie ich Lust hatte!“

Offensichtlich hatte sie viel Lust gehabt.


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Schülermund VII: Mit Schornstein!


Heute mit einer neuen Gruppe Erstklässler im kulår (Instrumentenkarussel):

In der ersten Stunde habe ich immer ein paar Bilder dabei, um die verschiedenen Mitglieder aus der Familie der Tasteninstrumente vorzustellen. Klavier, E-Piano, Keyboard und Flügel wurden bereits erfolgreich identifiziert, da meldet sich ein kleiner Dreikäsehoch:

„In der Kirche, da steht auf dem Balkon ein Klavier mit Schornsteinen!“

(Immer wieder lustig, das Lustigjahr…)


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Schülermund VI – Schlechte Stimmung


Der Steinway-Flügel in unserem Orchestersaal und die beiden Klaviere in meinem Unterrichtsraum lasse ich zweimal im Jahr stimmen, jeweils zu Beginn der Schulhalbjahre im August und im Januar. Dennoch verstimmen die Instrumente recht schnell und gerade jetzt während der Heizperiode ist es fast unerträglich. Jedenfalls für mich, die ich täglich mehrere Stunden die verstimmten Oktaven ertragen muss. Die meisten meiner Schüler reagieren (leider) nicht darauf oder stören sich eher an anderen Dingen, wie „die Pedale sind viel tiefer als bei meinem E-Piano“ oder „das Polster an meinem Klavierhocker ist viel weicher“ oder „mein Klavier zuhause hat aber Kerzenständer dran“.

Gestern hatte ich aber einen sehr ambitionierten Sechstklässler, der nach drei Takten aufhörte und sagte „Annika, ich kann da nicht spielen. Das klingt so falsch.“ Recht hatte er. Mit dem Wissen, dass ich ihm nach den Weihnachtsferien wieder ein gestimmtes Klavier präsentieren kann, änderte ich also kurzfristig mein Stundenkonzept und hielt eine Stunde zum Thema Instrumentenkunde und wie das Innenleben eines Klavieres so aussieht.

Schließlich kamen wir zur Ausgangsfrage zurück, warum ein Klavier eigentlich die Stimmung verliert.

– „Überleg mal, ein Klavier ist aus Holz und Holz ist ein natürliches Material und reagiert auf die Umgebungstemperatur. Was passiert denn im Winter, wenn es draußen Minusgrade hat und hier drinnen ist es schön warm? Und wenn ich dann ab und zu das Fenster zum Lüften aufmachen muss?“

– „Das Klavier verrottet.“


 

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