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Soziale Kontrolle


Wir sind ja sehr froh darüber, dass unser Haus in der „zweiten Reihe“ steht und unser Garten quasi nur für uns einsichtig ist, (und für Spaziergänger, aber da muss man schon den Hals verrenken) und wir dadurch dem schwedischen Wettbewerb um den schönsten Golfrasen entgehen. Im Gegenteil sind wir ganz zufrieden damit, dass der „Rasen“ langsam eine durchgehende Moosplatte ist, was die Pflege enorm vereinfacht.

Doch die soziale Kontrolle macht nicht im Garten Stopp, wie ich nun feststellen durfte. „Annika, wir überlegen gerade ernsthaft, ob wir nicht mal bei euch einbrechen sollen“, sagte der Lieblingskollege neulich, „ihr habt immer noch euren ljusstake im Fenster stehen. Das gehts so nicht, das macht man nicht!

Ich finde ja die schwedische Tradition, Lichter ins Fenster zu stellen, wesentlich sympathischer als das abendliche Jalousien vorziehen, damit auch niemand reingucken kann und bin daher der Meinung, dass ein Lichterbogen mindestens den ganzen Winter im Fenster stehen darf.

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Kleinkrämerische Seelen mögen jetzt einwenden, dass Tagundnachtgleiche, Ostern, Zeitumstellung und die ersten Krokusse vielleicht Zeichen genug sind, dass die dunkle Jahreszeit vorüber ist, aber dem kann ich entgegnen, dass

  1. der Ljusstake nicht mehr an ist und
  2. für vorbeifahrende Autofahrer genau eine Sekunde lang sichtbar ist
  3. und das auch nur in einer Richtung und
  4. nur, wenn man genau weiß, in welches Fenster man gucken muss.

Erhobene Zeigefinger und „das macht man nicht“ haben bei mir schon immer einen Trotzreflex ausgelöst und den kleinen Anarcho in mir geweckt. Ich denke, wir lassen den Ljusstake jetzt erst recht bis Mittsommer stehen. Mindestens.

(Jenem potentiellen Einbrecher, der so sehr um unsere Schwedisierung bemüht ist, empfehle ich unseren Hausschlüssel, der sich in seiner Obhut befindet. Das erleichtert den Einbruch ungemein und macht nicht soviel Dreck.)

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När det lider mot jul


När det lider mot jul – wenn man sich auf Weihnachten zuquält – ist eines der beliebtsten Adventslieder in Schweden. Der Titel beschreibt ziemlich gut meinen aktuellen Gemütszustand: Seit den Herbstferien hieß es: raus mit den Weihnachtsliedern und mit den Kindern üben, üben, üben, denn das erste große Weihnachtskonzert stand schon am 23. November an.

Neben sechs großen Weihnachtskonzerten mit Musikschule, Kulturschule und Chören stehen noch diverse andere Auftritte in unserem Kalender: eine Feier zum ersten Advent, zwei Luciafeiern, drei Schulabschlussfeiern, die musikalische Umrahmung eines Weihnachtsmarktes, das erste Anknipsen der Lichterkette an Fristads Weihnachtsbaum, die Weihnachtsshow eines Boråser Eiskunstlaufvereins und außerdem fünf Gigs mit Borås Vokalensemble im First Grand Hotel für die Gäste des julbords (ein großes Weihnachtsbuffet, zu dem viele Firmen ihre Angestellten einladen).

Irgendwas habe ich bestimmt noch vergessen, aber auf jeden Fall bleibt da wenig Zeit für Ruhe und Besinnung. Manchmal haben die vielen Aktivitäten haben aber auch ihre Vorteile. So konnten wir beispielsweise bei dem Weihnachtsmarktgig kostenlos einen Weihnachtsbaum abstauben, weil der Baumhändler seine letzten Tannen und Fichten loswerden werden wollte, anstatt sie wieder mit nach Hause nehmen.

Obwohl ich Jingle Bells schon lange nicht mehr hören kann und mir Nu tändas tusen juleljus mittlerweile ziemlich auf den Wecker geht, kommt mit WeihnachtsAdventsbaum und neuem Ljusstake, den ich spontan gekauft habe, als ein Schüler nicht kam und ich eine ungeplante Pause hatte, trotzdem ein wenig Weihnachtsvorfreude auf.

Dementsprechend gilt für uns natürlich auch der eigentliche Sinn des Liedes När det lider mot jul: Att lida heißt nämlich nicht nur leiden, in diesem Fall bedeutet es ungefähr verfließen von Zeit. Die Übersetzung muss daher eher Wenn es auf Weihnachten zugeht lauten. Es handelt ja auch nicht von gestressten Musiklehrern, sondern von der sich langsam aufbauenden Vorfreude, wenn die Nächte lang und kalt sind, der erste Schnee fällt und die Sterne besonders hell leuchten. Zum Glück ist das Lied etwas zu schwer für meine Kontrabassschüler und daher höre ich es immer noch gerne:

9. Dezember 2011 – Nu tändas tusen juleljus


Nu tändas tusen juleljus – Nun werden tausend Weihnachtslichter entzündet. Schöner kann man die schwedische Vorweihnachtsstimmung wohl kaum beschreiben. Denn wir sind nicht die einzigen, die jetzt zum Advent ein Licht in Fenster gestellt haben. Wo man auch hinsieht, keine Wohnung, in der nicht mindestens ein Fenster durch einen Adventsstake erhellt wird. Aber auch in Schulen, Bibliotheken, Bürogebäuden, Gemeindehäusern, Werkstätten – wo ein Fenster ist, da ist auch ein Licht.

Lisebergstornet im Weihnachtskleid

Natürlich putzen sich auch die Ortschaften entsprechend heraus, mit Lichterschmuck in Form von Sternen, in Lichterketten eingewickelten Bäumen und stilisierten julgranar (Weihnachtsbäume). Sogar vom 116 Meter hohen Aussichtsturm des Vergnügungsparks Liseberg wurden Lichterketten kegelförmig zum Boden gespannt.

Die schwedische Schriftstellerin und Komponistin Emmy Köhler (1858–1925) hat dieses Gefühl von Licht in der dunklen Jahreszeit in ihrem Lied Nu tändas tusen juleljus eingefangen. Die folgende Aufnahme stammt vom Botkyrka motettkör.

Nu tändas tusen juleljus
på jordens mörka rund,
och tusen, tusen stråla ock
på himlens djupblå grund.

Och över stad och land i kväll
går julens glada bud,
att född är Herren Jesus Krist,
vår Frälsare och Gud.

Du stjärna över Betlehem,
o, låt ditt milda ljus
få lysa in med hopp och frid
i varje hem och hus!

I varje hjärta armt och mörkt
sänd du en stråle blid,
en stråle av Guds kärleks ljus
i signad juletid!

Fredagsmys und Ljusstake


– „Hast du das Ansökan schon an die Kulturförvaltning geskickat?“
– „Nein, das mach ich nach dem Lunch, ich will jetzt erst Mat lagan.“
– „Was gibt’s denn?“
– „Heimgemachte pannkakor.“

Jonas und ich sind zwar weit davon entfernt, miteinander schwedisch zu sprechen, aber deutsch kann man das Kauderwelsch, das hier manchmal erklingt, auch fast nicht mehr nennen. Eher Schweutsch. Das liegt zum einen daran, dass viele Begriffe, die wir hier im Alltag brauchen, in Deutschland seltener gebraucht haben, (z.B. Dubbdäck), zum anderen dass wir manche Dinge hier erst kennengelernt haben und es keine deutsche Entsprechung gibt oder es irgendwie zu anstengend ist, nach einem deutschen Äquivalent zu suchen.

Ganz schlimm wird die Sprachverwirrung, wenn wir uns in internationaler Gesellschaft befinden. Da bin ich gerade im Gespräch mit einem Schweden (auf schwedisch) und es stößt ein Schweizer Austauschstudent hinzu, der nur wenig Schwedisch kann. Natürlich switchen wir dann auf englisch um, aber eigentlich ist mein Hirn noch im Schwedisch-Modus. Dann geht der Schwede weg, aber irgendwie bleibe ich mit dem Schweizer auf englisch, obwohl wir beide deutsch als Muttersprache haben. Dann kommt eine belgische Austauschstudentin hinzu und quatscht den Schweizer auf französisch an. Aus einem versteckten Winkel meines Hirns melden sich die sterblichen Reste aus meinem Französisch-Leistungskurs und sieben Jahren Schulfranzösisch. O là là! Und wenn dann noch im Vorbeigehen die nette Chinesin grüßt, die weiß, dass ich auch ein paar Brocken ihrer Muttersprache spreche…

Wenn das einen ganzen Abend lang so geht, weiß man irgendwann nicht mehr, welche Sprache man eigentlich gerade hört, geschweige denn in welcher Sprache man selbst antworten oder auch nur denken soll. Irgendwie ist das aber auch sehr lustig, weil es natürlich allen mehr oder weniger genauso geht. Nur Alkohol sollte man an einem solchen Abend nicht trinken, sonst stehen bereits nach einem halben Glas Wein alle Sprachzentren im Hirn gleichzeitig auf und fangen an zu tanzen.

Heute ist Freitag und damit Zeit für fredagsmys, „Freitagsgemütlichkeit“. Aber irgendwie klingt das auf deutsch so gemütlich wie German Gemutlichkeit in the beergarden und Weihnachten bei Familie Hoppenstedt. Fredagsmys hingegen klingt irgendwie… mysigare.
Fredagsmys ist eigentlich eine vergleichsweise neue Erscheinung, die als Begriff erst 2006 Eingang in das schwedische Äquivalent zum Duden gefunden hat. Es markiert das Ende der Arbeitswoche und den Beginn des Wochenendes und in Familien mit arbeitenden Eltern und vielbeschäftigten Kindern ist der Freitagabend eine heilige Zeit, zu der man sich tunlichst nicht verabeden oder jemanden anrufen sollte. So gemütlich die Idee klingt, so sehr scheinen die modernen Rituale sich jedoch hauptsächlich auf einen gemeinsamen Fernsehabend mit viel Chips, Pizza und Cola zu beschränken, zumindest wenn man der furchtbaren Werbung glaubt.

Unser "neuer" Adventsljusstake

Wir haben heute auch Fredagsmys gemacht (ganz ohne Fernsehen und Chips): nachmittags ein Besuch im Second-Hand-Weihnachtsmarkt und anschließende die Wohnung umdekoriert. Endlich haben wir auch einen Adventsljusstake oder kurz Ljusstake für die Fensterbank wie alle unsere Nachbarn! Was das ist? Nun ja, bab.la nennt es ganz prosaisch Kerzenhalter, die Wikipedia gar Armleuchter. Auch Adventskranz trifft die Sache nicht wirklich. Ein Adventsljusstake eben. Und für alle, die beim Lesen dieses Wortes über ihre Zunge stolpern, hier eine kleine Hilfe: „Advents-jüs-stake.“

Und was gabs danach? Hemlagade pannkakor mit Lingonsylt.