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Krankenstube


Seit einer geschlagenen Woche gleicht unser Haus nun einem Krankenhaus: Die Papierkörbe quillen über von Taschentüchern, das Bad müsste endlich mal geputzt werden und die Vorräte gehen langsam zur Neige… für eine Tomatensuppe mit Nudeln hat es heute gerade noch gereicht. Wenigstens ist Annika wieder so gut wie gesund und auch ich habe mich heute zu einem Spaziergang zu unserem Lieblingsvogelturm aufraffen können – es besteht also Hoffnung, dass wir beide nächste Woche wieder arbeiten können.

Für mich ist das das erste Mal, dass ich krank von einer festen Arbeit fernbleibe und irgendwie habe ich schon ein schlechtes Gewissen dabei, denn nächste Woche haben wir ein großes Konzert in der Musikschule und man will ja seine Kollegen vor so einem Event nicht im Stich lassen. Entsprechende Bauchschmerzen hatte ich dann auch, als ich am Donnerstag meine Kollegin anrief, die an diesem Tag gleich zwei Orchesterproben mit mir leiten sollte. Umso überraschter war ich deshalb von ihrer Reaktion: »Ich hatte doch eh nicht mit dir gerechnet, bleib du mal zu hause und werd‘ wieder fit!«

Krank sein ist in Schweden Vertrauenssache. Wacht man morgens mit Fieber auf, ruft man einfach beim Arbeitgeber an und sagt Bescheid, dass man nicht kommen kann. Für diesen ersten Krankheitstag bekommt man allerdings keinen Lohn, ab dem zweiten Tag gibt es dann 80%. Erst nach einer Woche benötigt man eine Krankschreibung vom Arzt. Statt der Angst vor ausfallender Produktivität grassiert nämlich in Schweden etwas ganz anderes: Die Angst vor Ansteckung. Insbesondere bei echter Grippe, grippalen Infekten und Magen-Darm-Grippe – der gefürchteten kräksjuka (=Kotzkrankheit) – gilt: Bleib ja mit deinen Viren und Bakterien zu Hause und komm erst wieder, wenn du keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr bist. Auch beim Arzt ist man nicht gern gesehen, wenn »Abwarten und Tee Trinken« der einzige vernünftige Rat ist, der einem gegeben werden kann. Eine Einstellung, die mir durchaus sympathisch ist und die wohl auch aus medizinischer Sicht durchaus ihre Berechtigung hat.

Meine Kollegin hatte sich übrigens schon vorbereitet und unsere Bratschenlehrerin gebeten, ihr bei den Orchesterproben zu helfen. Diese wird die zusätzlich Arbeitszeit dann einfach als Überstunden aufschreiben und irgendwann später im Jahr abfeiern.

Musikschule in Schweden


Nach fünf Wochen im neuen Job stehen jetzt die ersten Ferien vor der Tür. Da Fasching und Co. in Schweden unbekannt sind, heißt das hier Sportferien und konsequenterweise fahren auch 80% meiner Schüler in die großen schwedischen Skigebiete in Åre und Sälen. Aber auch wir haben gerade 15 cm Neuschnee und kein Tauwetter in Sicht. Aber bevor wir uns in die Loipen stürzen, wollte ich mal ein bisschen von meinem neuen Job erzählen.

Üblicherweise hat jede schwedische Kommune eine Musik- oder Kulturschule, ggf. mit Außenstellen in verschiedenen Orten oder Stadtteilen. Lediglich eine Handvoll der 290 Kommunen in Schweden haben keine Musikschule. Und wir? Wir wohnen in einer Kommune mit zwei kommunalen Musikschulen. Das hat vor allem historische Gründe, denn in den 70er Jahren wurden hier vier kleinere Kommunen von der großen Stadt eingemeindet. Vier Gemeinden? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, der Eingemeindung Widerstand zu leisten. Und da wohnen wir jetzt.

Auf dem Papier wurde die Eingemeindung zwar vollzogen, aber das gallische Dorf hat sich in vielen Punkten seine Eigenständigkeit bewahrt. Dazu gehört auch der Luxus einer eigenen Musikschule. Dort sind wir 7 Lehrer in Vollzeit (Streichinstrumente, Blechblasinstrumente, Holzblasinstrumente, Zupfinstrumente, Schlagwerk, Querflöte/Gesang und Klavier/Blockflöte) und dementsprechend familiär geht es zu.
(Zum Vergleich: In der großen Stadt, also in der Kulturschule, in der Jonas unterrichtet, gibt es über 50 Lehrer. Zusätzlich zum Instrumentalunterricht werden dort auch die Fächer Tanz, Theater, Kreatives Schreiben, Bildende Kunst, Zirkus, Textildesign, Comiczeichnen und digitale Musikproduktion angeboten.)

Alle (!) Erstklässler in unserer Kommune lernen ein Jahr lang das Angebot der Musik-/Kulturschule kennen. In Deutschland heißt sowas oft Instrumentenkarussell und ist ne feine Sache, aber eben nur, wenn sich die Eltern darum kümmern und das Kind anmelden (und dafür bezahlen). Hier heißt es kulåret, das „Lustigjahr“, und es steht einmal die Woche im Stundenplan. Jeweils vier Wochen lang kommen die Musikschullehrer in die Klasse (bei mir in den Dorfschulen sind das etwa 8-14 Kinder) und stellen ihre Instrumente vor. Der Klassenlehrer bleibt in dieser Zeit im Raum, was die Sache für alle Beteiligten einfacher macht. Oft sind auch noch weitere Erwachsene im Raum, denn Kinder „mit Diagnose“ (wie ADHS, Autismus, Leserechtschreibschwäche oder auch Downsyndrom) oder einer körperlichen Behinderung haben ein Anrecht auf einen personlig assistent, der sie den ganzen Tag begleitet und im Unterricht unterstützt, damit sie auf die gleiche Schule gehen können wie die Nachbarskinder auch.

Am Ende der ersten Klasse kennen die Kinder dann das komplette Angebot der Musikschule und dürfen wählen, welches Instrument sie spielen möchten. Auf diese Weise stürzen sich nicht alle nur auf die „coolen“ Instrumente Gitarre und Schlagzeug, nur weil sie nichts anderes kennen.

Als Zweitklässler kann man dann an der wöchentlichen „Orchesterschule“ in der Musikschule teilnehmen. Egal mit welchem Instrument, auch mit Gitarre, Blockflöte oder Klavier. Zu Beginn trifft sich das ganze Orchester + alle Instrumentallehrer und man singt ein gemeinsames Begrüßungslied, dann gehen die Lehrer mit ihrer Gruppe für eine halbe Stunde in den eigenen Unterrichtsraum und man erarbeitet gemeinsam ein Stück, das in den letzten zehn Minuten in voller Besetzung geprobt wird. Wir reden hier natürlich „nur“ von Stücken im Ein- bis Fünftonraum, aber wenn dann die Lehrer auch noch mitspielen, klingt das trotzdem nach ziemlich viel.

Alternativ oder zusätzlich können die Kinder ab der zweiten Klasse auch Einzelunterricht bekommen. In meiner Musikschule ist es so, dass der Instrumentalunterricht zusätzlich zum normalen Musikunterricht im Klassenverbund in den Schulalltag eingebunden ist. Ab zwei Schülern pro Instrument und Schule kommt der Musikschullehrer während der Unterrichtszeiten an die Grundschule, sodass die Eltern nicht nachmittags Taxi spielen müssen.

Vormittags bin ich daher öfters auswärts im Radius von 10 km unterwegs und warte im Musiksaal oder eigenen Klavierraum einer Grundschule auf meine Schüler, die für den Klavierunterricht dann eben 20 Minuten Mathe, Schwedisch oder was-auch-immer verpassen. Natürlich versuchen wir zusammen mit den Klassenlehrern, den Unterricht so zu koordinieren, dass nicht gerade ein Fach betroffen ist, das dem Schüler schwerfällt. In der kleinsten meiner Auswärtsschulen (66 Kinder in 6 Klassenstufen) ist der Musiksaal in der Bibliothek. Oder umgekehrt, wie man’s nimmt.

Musiksaal=Bibliothek

In den meisten Grundschulen herrscht drinnen Straßenschuhverbot und die Kinder gehen auf Strümpfen, was bei mir immer irgendwie ein Wohnzimmerfeeling erzeugt. Sogar viele Lehrer tragen keine Hausschuhe, nur Wollsocken. Nur ich komischer Ausländer komme mir wahnsinnig blöd vor, in Socken zu unterrichten. (Außerdem pedalisiert sich’s auf Socken so schlecht). Ständig Hausschuhe mit mir rumschleppen will ich aber auch nicht und für diesen Notfall gibt es am Eingang der Schulen immer ein Körbchen mit schlumpfblauen Plastikkondomen für die Füße:

Fußkondome

Die älteren Grundschüler (ab 7. Klasse) kommen dann meist nachmittags in die Musikschule. Nicht, weil Teenagereltern eher als Fahrdienst dienen sollen, sondern weil die einzige Grundschule des „gallischen“ Teils der Kommune für die Klassen 7-9 neben der Musikschule liegt und Schule ja ohnehin eine Ganztagesangelegenheit ist.

Haus der Musik

In meinem Unterrichtsraum habe ich zwei Klaviere und zwei E-Pianos, was äußerst komfortabel ist. Eine gewöhnliche Unterrichtsstunde dauert zwar nur zwanzig Minuten (was ich persönlich ein bisschen zu kurz finde, zumindest bei den engagierteren Schülern), aber so kann ich die Schüler ein bisschen früher bestellen, sodass sie sich mit Kopfhörern am E-Piano einspielen können, während ich noch mit dem vorhergehenden Schüler beschäftigt bin.

Unterrichtsraum

Eigentlich ist Einzelunterricht bei uns der Standard, aber ich habe auch ein paar Zweiergruppen, die auf eigenen Wunsch zusammen Unterricht haben. Logischerweise dauert der Unterricht dann 40 Minuten. Nur Gymnasiasten, also Schüler der 10.-12. Klasse, erhalten 40 min Unterricht pro Woche. Anfangs waren die 20 Minuten für mich etwas gewöhnungsbedürftig, aber ich habe mich inzwischen dran gewöhnt.

TV-Tipp: Molanders


Nachdem unser Fernsehtipp mit dem Adventskalender ja bei vielen unserer Leser ziemlich gut ankam, können wir euch jetzt einen neuen TV-Tipp liefern: Molanders.

Die Molanders sind eine vierköpfige, vielbeschäftige Familie aus Stockholm. Papa Olof ist Konzertpianist und viel unterwegs, Mama Fanny erfolgreiche Kardiologin und der Stundenplan der musizierenden Kinder ist ebenfalls gut gefüllt. Als die Mutter einen Burnout erleidet und der Vater ein Jobangebot als Leiter einer Kulturschule erhält, beschließt man, in die tiefste Provinz zu ziehen – nach Alingsås (nur eine halbe Stunde von uns entfernt :-)).

Ab sofort ist das gemeinsame Abendessen heilig und „man braucht schon mindestens ein Attest vom Arzt, um der gemeinsamen Familienzeit fernzubleiben“ – so umschreibt es der 18jährige Linus. Auch Schwester Alva (13) fällt die Umstellung aufs Landleben nicht ganz leicht: „Hier leben 95% Dorftrottel und 5% Idioten“ schreibt sie der Freundin in Stockholm.

Dass Olofs Eltern nunmehr in der Nähe wohnen und sich auf gemeinsame Angelausflüge und Sonntagsbraten freuen, macht die Situation nicht einfacher – insbesondere nicht für Fanny, die nach ihrem Nervenzusammenbruch erst mal anderes im Kopf hat, als frische Handtücher im Gästeklo aufzuhängen. Der Schwiegermutter missfällt das.

Großartig fanden wir die Szenen, die in der Kulturschule spielen. Olof möchte eigentlich gleich ein großes Projekt (kABBAré, höhö) auf die Beine stellen, muss sich aber stattdessen erstmal mit der russischstämmigen Geigenlehrerin rumschlagen, die nicht im Raum neben dem gepiercten, angeblich schwerhörigen E-Gitarrenlehrer unterrichten will. Natürlich völlig realitetsfern, sowas…

Molanders ist eine in sich abgeschlossene Serie mit zwölf Folgen à 45 Minuten, die jeweils montags ausgestrahlt werden. Laut SVT sind die Folgen weltweit online abrufbar. Ein Klick aufs Bild bringt euch zur ersten Folge (neues Fenster), Untertitel kann man sich dazuklicken (das „T“ unten in der Leiste).

Molanders - Quelle: SVT
Molanders – Quelle: SVT

Ikea, Datenschutz, Plätzchen, Trödel


Wenn man an einem Samstagnachmittag in den Weihnachtsferien im größeren der beiden Göteborger Ikeas einen Kollegen aus Jonas Musikschule trifft und gemeinsam Köttbullar mit Preiselbeeren isst, ist man dann angekommen?

Wir haben jetzt Deckenlampen für alle Zimmer.  Im Gegensatz zum Internet. Das dauert noch, wir haben unseren Internet-Stick mal vorsichtshalber für eine Woche aufgeladen. Es liegt aber anscheinend nicht an Telia (was unser erster Verdacht war), sondern vermutlich an einer alten Steckdose, die nicht mehr so tut wie sie soll. Nächste Woche kommt ein Tele-TubbyTechniker.

Rein formell war der Umzug übrigens ein Klacks – von unserem Internetproblem mal abgesehen. Ganz bequem konnten wir uns mit unserem schwedischen elektronischen Personalausweis und einem Kartenlesegerät auf der Homepage des Finanzamtes ausweisen (das hier die Funktion des Einwohnermeldeamtes erfüllt) und unsere Adresse online ändern. Das Skatteverket informiert dann auch automatisch alle anderen Behörden über unsere neue Adresse: Krankenkasse, Rentenkasse, Ausländerbehörde und was sonst noch so überlebenswichtig ist. Darüber hinaus konnte man am Ende der Prozedur noch in einer Liste freiwillig ankreuzen, welche Firmen und Organisationen sonst noch so über die neue Adresse informiert werden sollten. Diese Liste umfasste wohl über hundert Posten, angefangen bei Banken, Mieterbund und Gewerkschaften, über Greenpeace und Jugendherbergsverband bis hin zu Lokalzeitungen und Fitnessstudios. Praktisch, oder? Und jetzt kommt mir nicht mit Datenschutz – Adresse, Geburtsdatum und Familienstand kann man eh im Internet nachgucken. (Und damit meine ich nicht unseren Blog.) Gegen einen geringen Aufpreis kann sich auch jeder meinen letzten Steuerbescheid ansehen.
[Mehr dazu: Der hellerleuchtete Bürger]

Um nochmal auf unsere Lampen zurückzukommen: natürlich haben wir auch hier in einigen Fenstern kleine Lämpchen stehen, sodass hier jeder reingucken könnte. Allerdings reichen unsere Fensterbrettlämpchen bei weitem noch nicht für alle Fenster, aber das ist kein Fall fürs Möbelhaus, sondern für die zahlreichen Antik- und Trödelmärkte hier in der Umgebung.

Apropå Trödelmärkte: einer meiner zukünftigen Kollegen hat mich am Freitag auf eine kleine Spritztour durch die Gegend ausgeführt. Ich kenne jetzt zumindest schonmal alle Kirchen (wichtig für Musiker), Badplätze (wichtig im Sommer), Hofläden (wichtig für Ziegenkäseliebhaber), und Trödelmärkte und Auktionsscheunen (immer wichtig) im Umkreis von 20 Kilometern. Anschließend haben wir ihn beim Fika (unser erster schwedischer Gast im neuen Heim!) in die Geheimnisse deutscher Weihnachtsplätzchenkultur eingeweiht. Unsere Mütter waren wie immer sehr fleißig und wahrscheinlich reichen unsere Vorräte noch bis Ostern.

Das Ankommen geht also insgesamt in großen Schritten voran und uns wurde bereits prophezeit, dass wir bald nicht mehr in Ruhe im örtlichen Supermarkt einkaufen werden können, weil die Musikschullehrer hier sehr präsent im öffentlichen Leben sind. Naja, wenn’s uns zuviel wird, treffen wir uns dann am Samstagnachmittag alle incognito im Ikea.

Ein Weihnachtskonzert und der erste Schnee


Wenn die Blogkollegen aus Örebro und Skelleftehamn über ihre ersten Schneeflocken schreiben, dann will ich auch…

Jonas hatte gestern Weihnachtskonzert der Kulturschule mit gefühlten 300 Kulturschulkindern (wahrscheinlich waren’s nur 150, aber wenn jedes Kind noch einen Kontrabass oder ein Einrad mit sich rumträgt, ist die Bühne gleich doppelt so voll). Der Saal mit 800 Plätzen war ebenfalls knackevoll.

Nix da popeliges Weihnachtsvorspiel mit 5 Blockflöten… was eine ordentliche Kulturschule ist, da fährt man schon die ganz große Lightshow und einen ganzen LKW für die Soundanlage auf. Im übrigen war das bereits das dritte Weihnachtskonzert in diesem Jahr – alle Bläser, der Großteil der Rockmusikabteilung, die Zeichentrickfilmer sowie die Tänzer waren bereits in den letzten Tagen zugange gewesen, sodass jetzt nur noch vier Streichorchester, 15 Pianisten, die Zirkuskinder, vier Chöre und natürlich die Lucia-Zeremonie ausstanden. Wäre doch gelacht, wenn man das nicht in drei Stunden über die Bühne kriegen würde!

Ich war übrigens nicht nur als Schlachtenbummler dabei, sondern habe auch ehr(enamt)lich gearbeitet und Jonas‘ Streichorchester vom Klavier aus bei der Titelmusik von The Simpsons und We will rock you unterstützt. Bei den zwei Sätzen aus der Peer-Gynt-Suite wollte er mich und das stylische Stagepiano nicht dabei haben – ich weiß auch nicht, wieso.

Als Organisatorin von diversen AStA-Festen graute mir schon vor dem Abbau der ganzen Bühnentechnik, aber meine Befürchtungen erfüllten sich zum Glück nicht: wirklich alle Kollegen, die an diesem Abend beteiligt waren, blieben bis zum Schluss beim Abbau – wer schon mal eine LKW-Ladung Verstärker und Schlagzeug-Equipment quer durch eine Schule zum Parkplatz raus- und hinterher wieder aus dem LKW in eine Musikschule reingeschleppt hat, weiß was ich meine. Mit 15 Leuten war das jedoch in gut 90 Minuten geschafft.

Gegen 11 waren wir dann soweit, dass wir heimfahren konnten. Der Flüssignebel hatte sich inzwischen in dickflüssige Schneetropfen verwandelt, aber wir waren ja noch unten in Borås. Unser Heimweg führt jedoch über zwei Höhenzüge und dafür müssen wir jeweils knapp 200 Höhenmeter überwinden. Und dort oben war dann munteres Schneegestöber angesagt. Unten in Alingsås wieder Regen, oben auf dem Alefjäll wieder Schnee, zuhause wieder Regen. Fünf Klimazonen in sieben schwedischen Meilen, nicht schlecht für einen Abend. Wenigstens musste ich nur 5 Mal wegen Gegenverkehrs abblenden (soll ja Leute geben, die sowas zählen, ne, Olaf?) und den einen statistischen Elch, den wir pro Monat auf der Strecke sehen, hatten wir auch kürzlich schon abgegolten. Trotzdem waren wir froh, als wir um halb eins daheim waren.

Noch 9 Mal die Strecke. Und der gute Vorsatz: Im neuen Jahr verfahren wir keine vier Tankfüllungen pro Monat mehr.

Frisch verliebt


Nachdem mich ja mein Ex vor kurzem verlassen hat, tändle ich mit seit einer Weile wieder mit einem Neuen. Zuerst ein paar vorsichtige Emails, dann das erste Blind Date. Dann das Warten auf seinen Anruf. Der dann auch kam – am Abend, bevor ich nach Deutschland geflogen bin. Na toll… ob ich ihn wohl noch eine Woche hinhalten konnte? Würde er das mit sich machen lassen…? Ja, er wartete auf mich, aber er hatte noch eine andere, die ihm auch ganz gut gefiel und bevor er sich für eine von uns entscheiden könne, wolle er uns beide nochmal treffen. (Nicht so schön das, aber wenigstens war er ehrlich.)
Dann gestern unser zweites Date… Und die alles entscheidende Frage: Willst Du mit mir gehen? Ja. Nein. Vielleicht.

Er wolle mit seiner Familie drüber reden und eine Nacht drüber schlafen, sagte er, und sich dann heute melden. Meine Nacht hingegen war eher schlaflos. Ab acht Uhr hielt ich krampfhaft das Telefon in der einen, das Handy in der anderen Hand. Nicht mal aufs Klo wollte ich gehen. Als es sich dann nicht mehr vermeiden ließ, lagen beide Telefone auf der Klorollenhalterung.

Endlich klingelte es… mööörp, Fehlalarm – bloß irgendein Heini, der mir ein neues Telefonabo an die Backe quatschen wollte. Und damit blockierst Du meine Leitung, du Doofkopp?!

Um zwei hatte er sich immer noch nicht gemeldet und ich war in der Stimmung, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und die nächsten Monate im Niemandsland zwischen Herbstdepression und Winterschlaf zu verbringen.

Um halb vier hatte das ungewisse Warten dann endlich ein Ende. Ich fasse den Inhalt des Gesprächs und meinen aktuellen Gemütszustand kurz zusammen:

Er ist übrigens Musiker und will, dass ich seinen Kindern Klavierunterricht gebe. Und ein bisschen Blockflötenunterricht. Und ein bisschen korrepetieren. Ein Orchester hat er auch, da soll ich auch ab und an dirigieren.  Wenn ich will, darf ich seine Kinder auch für Musiktheorie begeistern. Oder sie beim Komponieren unterstützen. Oder einen Chor gründen. Oder, oder, oder… Gut, dass ich das alles mal in der Bräuteschule gelernt habe. Mein Neuer wirkt da sehr freizügig, was meine ehelichen Pflichten angeht.

Toll ist auch sein Wohnort: ganz in der Nähe von Jonas‘ Nebenfrau – die beiden sind sogar miteinander verwandt! – in einem Stadtteil, der wegen seiner Lage und seiner Einwohnerschaft liebevoll „Beverly Hills“ genannt wird. Damit steht jetzt definitiv wieder ein Umzug an, das hatten wir ja schon lange nicht mehr. Oder so.

Nächste Woche unterschreiben wir den Ehevertrag, die Hochzeit ist dann Anfang Januar. Bis dahin sollte sich mein Endorphinspiegel wieder normalisiert haben, sodass ich mich wie ein gesitteter Mensch aufführe und nicht unvermittelt aufspringe und qietschend durch die Gegend hopse.

Unverhofft kommt oft


Eigentlich hatte ich den Job als Kontrabasslehrer schon fast abgeschrieben, denn keine meiner Referenzen hatte mir von einem Anruf berichtet – und da sich die Musikschule schon sehr bald entscheiden wollte, war ich davon ausgegangen, dass man sich für einen anderen Kandidaten entschieden hatte.

Wie man doch falsch liegen kann! Gestern bekam ich den Anruf: die Musikschule möchte mich gerne einstellen. Zu 50 Prozent, mit Einzelunterricht, Orchester, Ensembles, Klassenmusizieren, Unterrichtsvorbereitung, Verwaltung, Konferenzen… Alles, was man als echter, angestellter Musikschullehrer so macht. (Leider werden in Deutschland die meisten Musikschullehrer nur noch mit Honorarverträgen angestellt. Geld gibt es dann nur für den tatsächlich gegebenen Unterricht, und wenn ein Schüler mal krank wird, bekommt man entsprechend weniger.) Nächsten Mittwoch werde ich wieder hinfahren, dann muss ich die genauen Anstellungsbedingungen aushandeln und bekomme eine Masse neuer Informationen, wie dann mein Alltag als Musikschullehrer ab dem 18. August aussehen wird. Ich freue mich auf jeden Fall riesig!

Von Baby-Elefanten und Bewerbungsgesprächen


Kurz nachdem Annika wusste, dass sie den neuen Job bekommen würde, entdeckte ich eine spannende Anzeige auf der Seite der arbetsförmedlingen: Die dortige Kulturschule suchte zum neuen Schuljahr einen Kontrabasslehrer, Teilzeit und tillsvidare (unbefristet). Zum Glück darf man in Schweden gleichzeitig arbeiten und studieren, was in Deutschland meines Wissens nur eingeschränkt möglich ist, so dass ich mich bedenkenlos bewerben konnte. Als ich einige Tage später bei der Kulturschule anrief, um zu fragen, wie weit denn die Auswahl schon gediehen sei, bekam ich meinen Termin für das Bewerbungsgespräch gleich per Telefon durchgegeben. Zusätzlich sollte noch eine kleine Probeprobe mit einem Ensemble der Schule stattfinden. Meine Freude war natürlich groß, denn zum einen vermisse ich das Kontrabassspiel, zum anderen aber auch, überhaupt unterrichten zu können. Außerdem fände ich es schön, nach dem Studium nicht in das große „Und-was-mache-ich-jetzt?“-Loch zu fallen, sondern zumindest teilweise zu wissen, wie es weitergeht.

Erst einige Wochen später, nachdem ich mir schon Sorgen gemacht hatte, ob ich mich denn jetzt wirklich vorstellen dürfte, bekam ich endlich auch die schriftliche Einladung inklusive der Noten für die Probe.
Gestern war es dann soweit. Das Vorstellungsgespräch verlief ziemlich genau so, wie ich es mir ausgemalt hatte: Eine ziemlich große Kommission – sechs Menschen in unterschiedlichen Funktionen – saß mit mir an einem runden Tisch. Wir redeten über alles mögliche, freundlicher Smalltalk wurde mit jobrelevanten Fragen vermischt. Neben meinen Erfahrungen als Kontrabasslehrer ging es ebenso um mein Studium und Annikas Job; sogar unser VW-Bus wurde zum Thema, denn der Schulleiter träumt anscheinend schon lange von einem Wohnmobil. Als er mich dann fragte, was wir denn im Sommer damit vorhätten, fragte ihn die Geigenlehrerin: »Warum, willst du es dir ausleihen?« Angenehm fand ich übrigens, dass mir ohne Nachfrage mitgeteilt wurde, dass es insgesamt nur drei Bewerbungen auf die Stelle gab – alle Geigen- und Klavierlehrer dürfen jetzt gerne neidisch gucken.

Am Nachmittag war dann die Probe angesetzt: Zuerst stand Henry Mancinis Baby Elephant Walk aus dem Film Hatari! auf dem Programm, gespielt vom Streichorchester der Kulturschule, danach ein klassisches Streichquartett von Johann Georg Distler. Leider waren sie mit dem Zeitplan anscheinend schon ziemlich im Verzug, da man aber die Kinder trotzdem pünktlich wieder entlassen wollte, hatte ich sehr wenig Zeit und konnte keinen wirklich schönen Bogen schlagen. Insgesamt habe ich mich aber nicht ganz schlecht geschlagen, glaube ich.

Nächste Woche wollen sie mir Bescheid geben. Außer dem Kontrabassunterricht könnte ich auch noch andere Aufgaben übernehmen, zum Beispiel E-Bass, Orchester, Band, Vorstellung der Streichinstrumente in Grundschulen, vielleicht sogar etwas Kompositionsunterricht.
Das alles ist sehr spannend, aber jetzt heißt es vorerst Bangen und Hoffen. Andererseits muss ich mir aber auch sagen, dass das mein erstes „echtes“ Bewerbungsgespräch außerhalb einer Hochschule war und dass ich noch ein Jahr Zeit habe, um mich umzugucken und hier und da zu bewerben, bevor mein Studium zu Ende ist. Ich habe also nichts zu verlieren.

Aber trotzdem…