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Soziale Kontrolle


Wir sind ja sehr froh darüber, dass unser Haus in der „zweiten Reihe“ steht und unser Garten quasi nur für uns einsichtig ist, (und für Spaziergänger, aber da muss man schon den Hals verrenken) und wir dadurch dem schwedischen Wettbewerb um den schönsten Golfrasen entgehen. Im Gegenteil sind wir ganz zufrieden damit, dass der „Rasen“ langsam eine durchgehende Moosplatte ist, was die Pflege enorm vereinfacht.

Doch die soziale Kontrolle macht nicht im Garten Stopp, wie ich nun feststellen durfte. „Annika, wir überlegen gerade ernsthaft, ob wir nicht mal bei euch einbrechen sollen“, sagte der Lieblingskollege neulich, „ihr habt immer noch euren ljusstake im Fenster stehen. Das gehts so nicht, das macht man nicht!

Ich finde ja die schwedische Tradition, Lichter ins Fenster zu stellen, wesentlich sympathischer als das abendliche Jalousien vorziehen, damit auch niemand reingucken kann und bin daher der Meinung, dass ein Lichterbogen mindestens den ganzen Winter im Fenster stehen darf.

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Kleinkrämerische Seelen mögen jetzt einwenden, dass Tagundnachtgleiche, Ostern, Zeitumstellung und die ersten Krokusse vielleicht Zeichen genug sind, dass die dunkle Jahreszeit vorüber ist, aber dem kann ich entgegnen, dass

  1. der Ljusstake nicht mehr an ist und
  2. für vorbeifahrende Autofahrer genau eine Sekunde lang sichtbar ist
  3. und das auch nur in einer Richtung und
  4. nur, wenn man genau weiß, in welches Fenster man gucken muss.

Erhobene Zeigefinger und „das macht man nicht“ haben bei mir schon immer einen Trotzreflex ausgelöst und den kleinen Anarcho in mir geweckt. Ich denke, wir lassen den Ljusstake jetzt erst recht bis Mittsommer stehen. Mindestens.

(Jenem potentiellen Einbrecher, der so sehr um unsere Schwedisierung bemüht ist, empfehle ich unseren Hausschlüssel, der sich in seiner Obhut befindet. Das erleichtert den Einbruch ungemein und macht nicht soviel Dreck.)

Mehr Licht!


Wir wohnen in einem wunderschönen Haus mit nach Süden hin offenem Grundstück und nur wenigen Metern bis zum See. Leider heißt das aber nicht, dass wir auf unserem Grundstück bisher besonders viel von See oder Sonne gesehen hätten, denn zwischen uns und dem See liegt ein Wald und am Zaun zu unserem Nachbarn O. ist seit vielen Jahren nicht mehr gemäht worden, so dass eine ungefähr 10 Meter hohe „Hecke“ aus Birken, Kiefern und anderen Bäumen den Blick nach Süden versperrt. Am Seeblick können wir leider nicht viel ändern, denn der Wald ist ein Naturschutzgebiet und wird wohl so schnell nicht gerodet, aber die Hecke wurde nun ordentlich gestutzt. (Annika nennt die „Hecke“ übrigens hartnäckig „Wald“.)

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Die Einfahrt zu unserem Haus im letzten Jahr. Links die etwas überdimensionierte Hecke.

Angefangen hat das ganze vor ein paar Wochen, als wir nach Hause kamen und O.s bislang völlig eingewachsenes Haus auf einmal von der Straße aus sichtbar war. Wir trafen O. in voller Motorsägemontur einige Äste auf ein großes Feuer werfend. Bisher haben wir O. nur selten gesehen und noch weniger mit ihm geredet, die Bäume wirkten irgendwie auch wie eine Kontaktsperre. Nun stellte sich heraus, dass er noch nicht besonders viel länger in seinem Haus wohnt als wir in unserem und dass er es von seinem Großvater geerbt hat. Der hatte sich schon lange nicht mehr um den Garten gekümmert und nun will O. endlich mal wieder aufräumen – was auch die Bäume zwischen unseren Häusern mit einschloss.

Beflügelt von der Aussicht auf mehr Licht habe ich dann am vorletzten Wochenende angefangen, einige kleine Bäume zu fällen und Triebe abzuscheneiden. Da ich weder eine Motorsäge habe noch damit umgehen kann, musste ich alles von Hand machen, so dass die wirklich großen Lichträuber erst noch stehen blieben. Auf das Ergebnis war ich trotzdem ein wenig stolz und Muskelkater hatte ich einige Tage.

Ergebnis eines halben Tags mit Säge und Astschere – Danach hatte ich Muskelkater.
Ergebnis eines halben Tags mit Handsäge und Astschere.

Als wir dann gestern von unserem Ausflug nach Ulricehamn zurückkamen, qualmte es in O.s Garten und einige Bäume waren nicht mehr da. Heute sollte es weitergehen, und so sind wir direkt nach dem Frühstück rausgegangen, um O. zu helfen. Der war aber noch nicht zu sehen und so machten wir uns erst einmal daran, die Böschungen der Einfahrt von Birkentrieben und den Weg vom liegengebliebenen Herbstlaub zu befreien. Irgendwann tauchte er dann auf und jetzt steht auf der Grundstücksgrenze nur noch eine Eiche, die auch bleiben soll, und eine Kiefer, die völlig in den Zaun eingewachsen ist und erst davon befreit werden muss, bevor sie gefällt werden kann.

Auch wenn wir beim Fällen und Entasten nicht so viel machen konnten, war O. sehr froh über die Hilfe beim Aufräumen und Verbrennen der kleineren Äste und wir sind überglücklich, dass wir jetzt viel mehr Sonne kriegen und es hoffentlich spürbar heller im Haus wird.

Das vollbrachte Tagwerk. Gestern morgen standen
Das vollbrachte Tagwerk. Gestern morgen stand rechts im Bild  noch ein halber Wald.

„Besser als Königin Silvia“


So lautet das Urteil unserer Schräg-gegenüber-Nachbarin über mein Schwedisch, nachdem ich heute eine Viertelstunde bei 4 Grad und strömendem Regen mit ihr an den Briefkästen stand und mich mit ihr über die Zustelldauer von Paketen zur Weihnachtszeit, ihre Tochter (Musiklehrerin) und ihren Sohn (mit Frau und Kind nach Oslo ausgewandert) unterhalten habe. Außerdem weiß ich jetzt, dass man in Norwegen im Dezember nur das halbe Gehalt versteuern muss, welche Zeitung sie liest, dass ihre Tochter einen Hund hat, gegen den die Kinder des Sohnes allergisch sind, und dass sie aus selbigem Grund nur einen Plastikweihnachtsbaum haben wird.
Und überhaupt: Silvia lebt schon seit 35, ach nein, seit 36 Jahren – oder waren es 37? – in Schweden und ist mit einem Schweden verheiratet! Und trotzdem spricht sie soooo schlecht schwedisch, sie verdreht immer die Wörter und so. Ich mach das dagegen nicht. Das findet unsere Schräg-gegenüber-Nachbarin gut.

Wer hat eigentlich behauptet, dass Schweden schweigsam wären?

„Mit Gefühl für Töne“


… so lautet die Schlagzeile, unter der diese Woche ein halbseitiger Artikel über Jonas in der hiesigen Lokalzeitung Alekuriren erschien. „Jonas, der aus einem kleinen Dorf mit Namen Sauerland in der Nähe von Winterberg stammt, hat die Musik schon im Kopf, wenn er sie aufschreibt und braucht dazu vor allem Stift und Papier.“

Ein Klick auf das Bild leitet zu einer lesbaren pdf-Version auf der Seite der Zeitung weiter.
Ein Klick auf das Bild leitet zu einer lesbaren pdf-Version auf der Seite der Zeitung weiter.

Weil er so ein hoffnungsvolles Talent ist, erhält Jonas das diesjährige Ale Kulturstipendium, das Anlass für diesen Artikel war. Dabei handelt es sich um ein Arbeitsstipendium, das jährlich an Kulturschaffende vergeben wird, die in der Kommune Ale wohnen. Erfreulicherweise geht es dabei auch durchaus um mehr als einen Zeitungsartikel und einen warmen Händedruck. Letzterer wird aber sicher auch noch bei der Verleihung im Rahmen eines Konzerts am 1. Dezember folgen.

Vielleicht hat den Artikel ja auch der nette Zeitgenosse gelesen, der uns kürzlich einen anonymen Brief, gekritzelt auf einen Notizzettel, in den Briefkasten geworfen hat. Leider finde ich den Zettel gerade nicht mehr, falls er noch auftaucht, werde ich ihn nachreichen. Sinngemäß lautete der Inhalt aber:

„Nichts gegen deinen Musikgeschmack, aber nachts um drei schlafen wir lieber. Der Nachbar.“

Völlig entgeistert und erschrocken, weil wir uns beim besten Willen nicht erklären können, was der Anlass für einen solchen Zettel gewesen sein sollte, haben wir uns gleich auf den Weg zu unseren Nachbarn in der anderen Hälfte des Doppelhauses gemacht um nachzufragen, was wir denn falsch gemacht haben sollen. Glücklicherweise waren die beiden Rentner aber gar nicht nicht die anonymen Absender, sondern meinten im Gegenteil, dass sie ja fast nie was von uns hörten. Ob uns denn das Kläffen ihres Hundes manchmal störe…? Also auf dieser Seite weiterhin gutes Wetter. Puh!

Wir sind ja trotz Komponist und Flügel in der Wohnung alles andere laute Zeitgenossen und achten darauf, wirklich nur zu sozial verträglichen Uhrzeiten Klavier zu spielen. Außerdem hört man bei geschlossenen Fenstern draußen quasi nichts davon; dass wir also jemand in einem anderen Haus gestört haben sollen, ist praktisch ausgeschlossen (mal ganz davon abgesehen, dass wir nachts um drei auch lieber schlafen).

Wir haben uns daher damit abgefunden, dass es für diesen Zettel vermutlich zwei Erklärungen gibt:
1. Der anonyme Nachbar hat nachts Lärm gehört, den er nicht richtig lokalisieren konnte und verdächtigt uns jetzt fälschlicherweise. Das wäre unschön.
2. Der anonyme Nachbar verdächtigt den/die Richtigen, hat aber den Brief versehentlich in den falschen Briefkasten geworfen. Das wäre uns lieber.
Ob wir es wohl jemals erfahren werden…? Ich fürchte fast, dass nicht. Aber gut zu wissen, wie man hier so in der Nachbarschaft kommuniziert…

Wir haben diesen Schreck jedenfalls gleich mal zum Anlass genommen, unseren Garten mal wieder zu pflegen, d.h. Laub zu harken, den Weg zu fegen und ein letztes Mal im Herbst (ja, leider immer noch) zu mähen. Und prompt kam unsere zweitnächste Nachbarin, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, vorbei und sagte mit sehnsüchtigem Blick: „Ohje, wenn ich euren gepflegten Garten so sehe, krieg ich gleich ein schlechtes Gewissen.“ Ich habe mich selten so über ein Kompliment gefreut, denn zumindest scheint unser Garten, die schwedische Visitenkarte, schonmal keinen Anlass zu übler Nachrede zu bieten.

Und vielleicht entwickelt der anonyme Nachbar ja auch noch ein Gefühl für Töne – ich spiele gerade sehr gerne schwedische Weihnachtslieder, während draußen ein laues Frühlingslüftchen weht…