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Hoch hinaus


Wann habe ich eigentlich das letzte mal Berge gesehen? So richtige Berge, die oben kahl sind und von denen man meilenweit gucken kann? Hier in Borås geht es ja durchaus kräftig bergauf und bergab, allerdings nie lang genug, als dass man von einem Berg sprechen könnte.

Wir wollten also unbedingt mal wieder hoch hinaus und beschlossen, mindestens so weit zu fahren, dass wir über die Baumgrenze kraxeln konnten. Da wir ohnehin schon am Siljansee waren, fiel unsere Wahl auf Norddalarna.

Gesundaberget

Bevor wir aber in das lange, leere Tal des Österdalälven einbogen, bekamen wir einen kleinen bergigen Vorgeschmack: Der Gesundaberg liegt direkt am Südwestufer des Siljan und ragt immerhin 353 Meter über den See hinaus. Zwar ist der Gipfel mit 514 Metern immer noch in den Bäumen, aber die für den Skibetrieb völlig kahl geschlagene Nordflanke erlaubt trotzdem eine tolle Sicht über den See, auch bei wolkigem Wetter. Bis vor einigen Jahren konnte man auch im Sommer den Lift nach oben nehmen, aber der neue Stockholmer Besitzer lässt anscheinend alles verfallen, wie uns eine aufgebrachte Anwohnerin erklärte. Es blieb uns also keine andere Möglichkeit, als den Berg auf gerader Strecke die Skipiste hoch zu Fuß zu bezwingen. An der verlassenen Gipfelhütte erwartete uns es dann folgerichtig kein Eis, sondern herrliche Ruhe und Einsamkeit.

Fulufjället

Höher hinaus als am Gesundaberg ging es dann vom Örtchen Mörkret (dt.: die Dunkelheit) aus. Unser kleiner Bus kämpfte sich von dort tapfer bis knapp an die Baumgrenze des Fulufjäll – die Straße war lätt kuperad –, von dem der Njupeskär herabstürzt, mit 125 Metern Fallhöhe der höchste Wasserfall Schwedens. Statt der viel begangenen kurzen Runde vom Parkplatz zum Wasserfall und am ältesten Baum der Welt (9550 Jahre!) vorbei, erklommen wir das riesige Hochplateau des Fulufjälls, passierten endlich die Baumgrenze und erreichten das Kahlfjäll. Dort erwarteten uns Geröll, Heide, Sümpfe, ein paar vereinzelte Krüppelkiefern und -birken, kristallklare Seen und ein halbes Dutzend Fjällhütten mit Übernachtungsmöglichkeiten sowie Ruderbooten für Angler.

Städjan

Die Baumgrenze war also geknackt. Unser nächstes Ziel waren die tausend Meter. Vom Städjan (1131 m) bei Idre hat man eine fantastische Rundumsicht. Warum der schwedische Gelehrte Olof Rudbeck den Berg mit der markanten Silhouette (mal Kamel, mal Vulkan, je nach Perspektive) aber im 17. Jahrhundert gleich als höchsten Berg der Welt bezeichnete, verstehe ich nicht ganz. Der Aufstieg war intensiv (470 Höhenmeter auf drei Kilometern) und insbesondere das Stück auf den Sattel direkt unterhalb des Gipfels war extrem steil. Oben gab es dann wirklich nur noch Geröll, weshalb wir sehr überrascht waren, als uns beim Abstieg knapp unterhalb des kahlen Gipfels ein einsames Rentier überholte. Denn erstens sind Rentiere ja Herdentiere und streunen selten einzeln durch die Gegend, und zweitens gab es da oben weder Futter noch Wasser. Auf jeden Fall waren wir fasziniert von dem Tier, das leichtfüßig die Bergflanken entlangspazierte, während wir uns langsam und äußerst vorsichtig über das Geröll tasteten.