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Post von Notposten


Diese Woche kam ein langersehntes Päckchen. Dass es irgendwann kommen würde, wusste ich eigentlich schon seit über einem Jahr, aber der Weg dorthin war ziemlich lang.

Die Geschichte beginnt 2016, als die Kulturschule einen Ausflug mit ungefähr 150 Schülern der zweiten bis vierten Klasse nach Varberg plante. Mitfahren sollten Kinder, die auf eine der acht Schulen gehen, an denen wir nachmittags kostenlosen Tanz-, Zirkus-, Kinderchor- und Orchester-Instrumentalunterricht anbieten. Geplanter Höhepunkt der Reise war ein Open-Air-Konzert mit allen Teilnehmern. Und als Höhepunkt des Konzerts wünschte sich unser Chef ein Orchester aus allen gut einhundert Instrumentalisten.

Die Musiker unter unseren Lesern wissen sicherlich, wie schwierig es ist, Neuanfänger auf Streich- und Blasinstrumenten unter einen Hut zu bringen. Tonarten, Tonräume, Rhythmen… jedes Instrument benötigt seinen ganz eigenen allerersten Anfang. Die Begeisterung über die Idee unseres Chefs, alle Schüler gleichzeitig auf die Bühne zu bringen, hielt sich im Kollegium daher eher in Grenzen.

Nach einigem Überlegen begann jedoch mein Komponisten-Gehirn zu rattern. Einschränkung ist ja bekanntlich einer der größten Motoren für Kreativität. Ich unterhielt mich mit meinen Kollegen; fragte, wie sie den Unterricht im ersten Jahr gestalten, was man den Schülern so zutrauen könnte, was im Orchester funktionieren würde. Und dann machte ich mich an die Arbeit. Nach ein paar Stunden standen die ersten Skizzen, nach einigen Tagen waren ganze zehn Stücke fertig. Mit einigen musikalischen Kniffen im kompositorischen Werkzeugkasten war es letzten Endes gar nicht so schwierig, musikalisch sinnvolle Orchestersätze zu schreiben, die Rücksicht auf die methodischen Anforderungen der einzelnen Instrumente nehmen.

Drei Stücke wurden ausgewählt und alle übten fleißig mit ihren Schülern. Dann kam die Reise, das Projekt glückte (halbwegs, denn auch das beste Material scheitert an mangelnder gemeinsamer Probezeit…) und die Noten verschwanden in einer dunklen Ecke meiner Festplatte…

…bis Anfang 2019, als ich auf einem Kongress für Streichinstrumentlehrer war. Neben Workshops, Kursen und vielen Gesprächen mit Kollegen gab es dort auch einige Instrumentenbauer und Verlage, die ihr Angebot der versammelten Streicherpädagogenschar Schwedens präsentierten. Ich kam mit einem Verleger ins Gespräch und fragte ihn, ob er an meinem Material für Anfänger-Sinfonieorchester interessiert wäre.

Er war. Sehr sogar.

Wieder zu Hause machte ich mich direkt an die Arbeit, die Noten verlagsfertig aufzubereiten. Zunächst einmal fehlten viele Blasinstrumente; am ursprünglichen Projekt waren nur Klarinetten, Flöten, Trompeten und Posaunen beteiligt. Es fehlten Horn, Oboe, Fagott, Quintfagott (eine Art Mini-Fagott für Kinder) und Saxofon, außerdem eine Klavierstimme, Mallets (auch Stabspiele genannt), Percussionstimmen, E-Bass (für alle unterpriviligierten Kulturschulen, die keine Kontrabassisten ausbilden) und, wie sich später heraustellen sollte, auch noch einige Blechbläserstimmen für Kinder in Brass-Bands, da diese ihre Instrumente speziell notieren.

Nachdem mir dann eine ganze Stunde wertvoller Lehrerkonferenzzeit gewährt wurde, um das komplette Material mit meinen Kollegen durchzuspielen, zu diskutieren und Korrektur zu lesen, mussten noch einige Änderungen eingearbeitet sowie ein Stück quasi komplett neu geschrieben werden.

Danach ging es ans Layout, was am Ende wahrscheinlich mehr Zeit in Anspruch nahm als alle anderen Arbeiten zusammen; schließlich muss nicht nur die Partitur, sondern auch sämtliche Einzelstimmen zurechtgerückt und leserlich gestaltet werden. Insbesondere pädagogisches Material erfordert hier höchste Sorgfalt, damit die Schüler nicht von schlecht platzierten Zeilenumbrüchen, überflüssigen Seitenwechseln oder einem unnötig überladenen Notenbild völlig überfordert werden.

Gleichzeitig wollte der Verlag Druckkosten sparen. Zehn Stücke waren zu viel, sonst hätte jede Stimme zwei A3-Bögen gebraucht. Wir einigten uns auf sieben Stücke, das ließ sich auf einen A3-Bogen pro Instrument drucken, ohne auf ein pädagogisch geeignetes Notenbild zu verzichten. Die Seitenränder mussten dem Verlagsstandart angepasst werden, ebenso der Abstand zwischen den Notensystemen, Überschriften, Stücken, Fußzeilen, Kopfzeilen… Hätte ich all diese Informationen von Anfang an gehabt, hätte ich mir einiges an doppelter Arbeit sparen können. Aber für den zweiten Band weiß ich es jetzt. Denn das war dem Verleger auch noch wichtig, dass auf der Titelseite Teil 1 stehen sollte… Drei Stücke für Teil zwei habe ich ja schon.

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Verlagsreklame

Am Donnerstag kamen nun endlich meine zwei Referenzexemplare. Der Verlag (Notposten) macht immer im April eine große Werbekampagne mit den Neuheiten des Jahres, daher dauerte es so lange von den ersten Gesprächen bis zur Herausgabe. Von meiner Seite hätten die Noten auch schon im Sommer 2019 fertig sein können, aber gedruckt wird nur im März, damit alles gleichzeitig und mit viel Aufmerksamkeit auf den Markt kommen kann.

Jetzt heißt es wieder warten und Daumen drücken. Mal schauen, wie viele Exemplare am Ende verkauft werden. Bestellen kann man die Noten übrigens hier.

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Wieder in Göteborg


Während unseres Engagements bei den Göteborger Symfonikern hatten wir die Gelegenheit beim Schopf gepackt und uns gleich für ein weiteres Projekt buchen lassen. Diese Aktion unter dem Titel „Kreatives Zusammenspiel“ ist deutlich kleiner angelegt als „Komm herein„. Nur ungefähr dreißig bis vierzig Kinder im Grundschulalter kommen gleichzeitig ins Konzerthaus, um an zwei Workshops teilzunehmen. Ein Teil der Gruppe bewegt sich angeleitet von einer Rythmik-Pädagogin und begleitet von einem Holzbläserquintett zu Musik; unsere Aufgabe ist es, einen einen Kompositions-Crashkurs zu betreuen, in dem jede Klasse mit Hilfe einfacher grafischer Notation ein eigenes Stück schreibt, dass dann von einem Trompeter, einer Cellistin und einem Schlagwerker aufgeführt wird. Danach dürfen die Gruppen natürlich tauschen und auch den jeweils anderen Workshop erleben.

Eigentlich hätte Annika schon vorige Woche zwei Vormittage übernehmen sollen, aber auf Grund des EU-Gipfels in Göteborg am letzten Freitag (hat man davon eigentlich irgendetwas mitbekommen neben Jamaika-Verhandlungen und Klima-Konferenz?) war die gesamte Stadt seit Mittwoch wie eingefroren – wichtige Durchgangsstraßen waren gesperrt, Busse fuhren nur sporadisch und ganze Innenstadtbereiche schienen hermetisch abgeriegelt worden zu sein – und deshalb musste das Projekt für vorige Woche abgesagt werden. Diese Woche, in der ich Dienst habe, findet aber alles wie geplant statt (abgesehen von extremen Verspätungen von Schülern, Musikern und auch mir, verursacht durch einen Schneesturm heute Nacht).

Neben meinem Workshop habe ich auch die Verantwortung für die erste Begrüßung der Klassen. Dabei muss man natürlich erklären, in was für einem Haus sie sich eigentlich befinden. Vom Projektleiter, der diesen ganzen Tag konzeptioniert hat, hatte ich den Tipp bekommen, vom alten Göteborger Konzerthaus von 1905 zu erzählen, dass 1928 fast vollständig abbrannte. Eigentlich fand ich die Geschichte gar nicht so interessant für Kinder dieser Altersgruppe, aber auf diese Weise ergibt sich ein schöner Ausgangspunkt, um später im Kompositionsworkshop ein paar ganz besondere Noten herzuzeigen: Während der Südflügel des alten Gebäudes schon lichterloh brannte, waren ganze Menschenmassen damit beschäftigt, Noten und Instrumente zu retten. Einige der Noten hatten allerdings schon Brandschäden wie Rauchflecken und angesengte Ecken erlitten, und eine solche Partitur mit dazugehörigen Stimmen konnte ich heute den Kindern präsentieren, sozusagen als Beweis, dass das mit dem Brand wirklich passiert ist. Dass die Stimmen alle wunderschön von Hand kopiert waren, das erfreute allerdings vor allem mich.

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Angesengte und von Rauch beschädigte Noten von Haydns „Die [sieben letzten] Worte des Erlösers am Kreuze“ aus der Bibliothek der Göteborger Symfoniker.
P.s.: Wer mehr über das alte Konzerthaus und dessen Brand erfahren möchte, findet auf dieser Seite einige Informationen und Bilder (auf Schwedisch), unter anderem einen Augenzeugenbericht (auf veraltetem Schwedisch).