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Im 23. Himmel und ein blühender Baum


Nach nur vier Wochen Schule seit den Weihnachtsferien hatten wir jetzt eine Woche Sportlov, Sportferien, die viele Schweden dazu nutzen, um irgendwo auf zwei Brettern rumzurutschen. Da es hier inzwischen auch flächendeckend weiß war, sahen wir dieses Jahr keinen Grund länger wegzufahren, auch weil wir ja die ganzen Weihnachtsferien weg waren und gerne mal ein paar Tage zuhause vergammeln wollten.

Den ersten Tag der Ferien verbrachten wir jedoch in Göteborg, im Gegensatz zu Borås schneefrei. Jonas mag gutes Essen, ich mag Orte mit Aussicht. Daher hatte Jonas uns zu Weihnachten ein Mittagessen im 23. Himmel geschenkt. Das Heaven 23 liegt im obersten Stockwerk des linken der drei Gothia Towers, die zum Messe- und Kongresszentrum Göteborgs gehören.

Die drei Gothia-Towers. Das Heaven 23 liegt im obersten Stockwerk des linken der Trei Glastürme.
Die drei Gothia-Towers neben dem Vergnügungspark Liseberg.

Den Tisch hatte Jonas schon im Dezember bestellt, und bereits da war es wohl schwierig gewesen noch einen Tisch im Februar zu bekommen. Während wir mit dem gläsernen Fahrstuhl an der Außenwand des Turmes hochgebeamt wurden, war meine Sorge noch, dass wir keinen Tisch am Fenster bekommen könnten, aber in dem Bereich des Restaurants, der für die gebuchten Gäste reserviert ist, liegen alle Tische am Fenster. Und das war die Aussicht zum Drei-Gänge-Menü:

Schwedens längste Weinkarte mit österreichischen Weinen ließen wir jedoch unbeachtet, die fantastische Aussicht war berauschend genug. Das Restaurant ist außerdem berühmt für seine riesigen Krabbenbrötchen und von unserem Tisch aus konnten wir zusehen, wie diese in Fließbandmanier für die Gäste im Drop-In-Bereich zubereitet wurden.

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Wer mal in Göteborg ist und gerne den Überblick hat, kann auch einfach nur mit dem Fahrstuhl hochfahren und die Aussicht über den Vergnügungspark Liseberg genießen. Wendet man den Blick etwas nach links, so sieht man den mittleren der drei Türme mit „freischwebendem“ gläsernem Swimmingpool im 19. Stock und gläserner Sauna (schwedische Saunen sind Textilsaunen, bevor uns jemand Voyeurismus unterstellt :-)).

Im Gegensatz zur Aussicht auf den Spabereich, die gratis zu haben ist, ist der Eintritt jedoch mit rund 90 Euro pro Person an Samstagen deutlich jenseits dessen, was uns ein Schwimmbadbesuch wert ist. Stattdessen hatte Jonas für den Abend Opernkarten besorgt, ein erheblich günstigeres Vergnügen. Eigentlich eine Schande, dass wir da nach dreieinhalb Jahren in Schweden noch nie waren. Wir sahen A flowering tree von John Adams (UA 2006), nach einem indischen Märchen. Eine wunderschöne Inszenierung mit fantastischen Farb- und Lichtspielen und toller Musik:

Im Theater


Jetzt wohnen wir schon seit fast zwei Jahren in Borås, aber bisher hatten wir es noch nie ins hiesige Stadtthater geschafft – dabei darf ich als Kulturverwaltungsangestellter alle Vorstellungen gratis besuchen. Aber am Samstag haben wir uns dann endlich einmal mit Freunden verabredet, um uns die Oper das Singspiel das Musical das Dreigroschenoper-ähnliche Theaterstück „Ingvar! – En musikalisk möbelsaga“ für sieben singende Schauspieler, Harmonium/Klavier und Geige anzuschauen.

Der Plot: Pünktlich zur Weltwirtschaftskrise entsendet der gütige Kapitalismus seinen eingeborenen Sohn, den Erlöser von allem Bösen – Ingvar Kamprad – auf die Welt. Dieser vollbringt das Wunder IKEA, bis er auf Grund seiner zweifelhaften Doppelmoral von seinen Jüngern verraten und hingerichtet wird, aber schlussendlich wieder aufersteht, da sich ein echter Småländer, geizig und gewitzt, nicht so leicht unterkriegen lässt. Vertont ist das Ganze als eine herrlich ironische Mischung aus schwedischer Volksmusik, barockem Oratorium und kapitalistischem Jazz.

Auf YouTube gibt es das ganze Stück in einer Inszenierung aus Malmö. Besonders sehenswert – auch ohne allzuviel Textverständnis – finde ich die Szene, in der Ingvar die göttliche Eingebung bekommt, dass man für ordentlichen Profit einfach nur alle schwedischen Klischees – Elche, Dynamit und politische Neutralität – richtig vermarkten muss.

Den Schluss versteht man auch völlig ohne Text:

Ein großartiger Abend. Sollte das Stück in eurer Nähe irgendwann einmal gespielt werden: unbedingt anschauen!


Im Original ist das Stück auf deutsch geschrieben, und zwar 2009 unter dem Titel „Das Wunder von Schweden – Eine musikalische Möbelsaga“ von Erik Gedeon und Klas Abrahamsson. Einen kleinen Trailer von der Uraufführung gibt es hier.

Nachholbedarf I: Zwei Schlangen in Mauritzberg


Eigentlich war ja gerade Mittsommer und wir haben einiges über unseren kleinen Ausflug nach Schloss Läckö zu schreiben. Seit unserem letzten Artikel ist aber zwischenzeitlich noch mehr passiert, weshalb es heute erst einmal etwas anderes gibt:

Schon lange, noch bevor wir in Schweden ankamen, hat sich bei uns ein Spinnerei eingenistet: Irgendwann, wenn wir gaaaanz viel Geld haben und wir beide von meinen Tantiemen aus der GEMA leben können – hust hust –, wollen wir uns irgendwo an einem See ein schönes Haus kaufen. Aber nicht nur eins, sondern gleich ein ganzes Gehöft oder torp, mit Haupthaus, Gesindehaus, Werkstatt, Scheune und mehr. So etwas wie bei Michel aus Lönneberga, nur bitte direkt am Wasser. Im Haus würden wir dann wohnen, im Gesindehaus unsere Gäste und in der beheizten und klimatisierten Scheune: Unser Flügel. Denn dort würden wir einen Konzertsaal einrichten, in dem wir mit feinen Kammerkonzerten Kultur aufs Land holen würden.

So weit unser Plan. Vor einiger Zeit mussten wir nun entdecken, dass wir nicht die ersten sind, die auf diese Idee gekommen sind. Gerade einmal zwölf Kilometer von uns, schnurstracks in Richtung Pampas, liegt ein alter Gutshof mit wechselvoller Geschichte, von Pension über Dorfladen bis Telegrafenamt hat er viel gesehen. Heute wohnen eine Cellolehrerin und ein Flötenbauer in Mauritzberg. Im Haus, also eigentlich ihrem Wohnzimmer, und in der dazugehörigen Wassermühle organisieren die beiden zusammen mit ihren Kindern, einem eigens gegründeten Verein sowie Fördergelden aus allen möglichen Quellen regelmäßig Konzerte. Dabei wird ein breites Spektrum von Jazz über klassische bis hin zu neuer Musik geboten.

Vorne die Mühle mit Mühlteich, hinten das Haupthaus

Am vorletzten Wochenende lud die Familie zum Sommerfestival ein, dem alljährlichen Höhepunkt der Saison. Ein ganzes Wochenende lang gab es Konzerte: geboten wurden Jazz und Pop, Kammermusik und Barock, ein Kindermusical und sogar eine Oper, die Zauberflöte. Wie man sich sicher vorstellen kann, bietet eine Mühle nicht gerade Platz für eine große Operninszenierung und die finanziellen Mittel eines kleinen Vereins reichen auch nicht, um 18 Solisten zu bezahlen. Daher gab es eine extrem komprimierte, aber sehr stimmige 90-Minuten-Version der Oper, die mit lediglich drei Hauptrollen (Pamina, Tamino und Papageno) auskam. Hinzu kam ein von Tamino aus dem Off gesungener Monostatos und eine gesprochene Papagena; per Videokonferenz wurden die Königin der Nacht und Sarastro zugeschaltet. Dies führte zu recht spannenden Änderungen in der Handlung: So waren die Königin der Nacht und Sarastro ein und dieselbe Person und die erste Dame war in Wirklichkeit Pamina, die Pamino also auf sich selbst ansetzte. Das Orchester war auf ungefähr 15 Musiker reduziert und das Nya MotettEnsemble – also wir – stellten mit  zehn Sängern den Opernchor.

Obwohl die Probenarbeit etwas chaotisch war, wir die Noten erst wenige Wochen vor der Aufführung bekamen und fast keine Proben vorher organisieren konnten, wurde das Ganze am Schluss sehr schön und stimmig – woran mit Sicherheit auch die vielen Helfer und das leckere Essen ihren Anteil hatten. Und natürlich die wunderschöne Kulisse. Und ich meine jetzt nicht die auf der Bühne, sondern die um die Mühle herum; die, in der Annika gerade noch eine Ringelnatter fotografieren konnte, bevor sich die Schlange den alten Mühlgraben herunterstürzte – zu Hülfe, zu Hülfe!

Kurz vor dem Sprung in…
…den Abgrund.

Von der anderen Schlange des Wochenendes – nämlich der aus der Zauberflöte – gibt es leider kein Beweisfoto. Ich kann aber versichern, dass die lange Wurst aus aneinandergeknoteten Müllsäcken einen hohen Unterhaltungswert hatte.