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Debut


Am vergangenen Montag hatte ich mein Debut am Dirigentenpult unseres traditionsreichen Jugendorchesters. Zum ersten Mal seit über 20 Jahren stand jemand anderes als der Lieblingskollege vor dem Orchester. Als ich Anfang September angefangen habe, meine Stücke für dieses Konzert einzustudieren, war das zunächst mal ungewohnt für alle Beteiligten. Für mich wahrscheinlich noch am wenigsten, ich habe ja durchaus schon in anderen Zusammenhängen dirigiert oder bin mal für einzelne Proben eingesprungen. Aber für das Orchester ist das schon eine Umgewöhnung, denn jeder Dirigent hat ja seinen eigenen Handstil und seine eigene Art zu proben und die allermeisten Mitglieder im Orchester haben nie unter einem anderen Dirigenten gespielt als dem Lieblingskollegen. Und auch der Lieblingskollege selbst, mit dem ich für dieses Programm immer die Plätze tauschte zwischen Dirigentenpult und Bassklarinette, hatte nach eigener Aussage beinahe vergessen, wie schön es sein kann, im Orchester zu sitzen und zu spielen, anstatt vorne zu stehen.

Für mich sind das nahezu perfekte Bedingungen was die Orchesterleitung angeht: ein Orchester, das mich kennt und anerkennt, obwohl ich dort zwar bisher kaum dirigiert habe, aber seit vier Jahren als Orchestermitglied und Mädchen für alles dabei bin und ein erfahrener Kollege, der – im übertragenen Sinne – hinter mir steht, mir nach den Proben Feedback gibt und gleichzeitig das Taktgefühl hat, mich so dezent zu coachen, dass das Orchester davon quasi nichts mitbekommt. Nichts ist ätzender als Kollegen, die meinen, einen vor Schülern kritisieren zu müssen und einem damit die Autorität abgraben.

Unter diesen Voraussetzungen war das erste Konzert eigentlich ein Kinderspiel. Trotzdem war ich ziemlich nervös. Und natürlich, hinterher im Video sieht man 1000 Dinge, die man hätte anders und besser machen können, wo man genauer hätte proben sollen, welche Einsätze präziser hätten kommen sollen, undsoweiter… Was das angeht, bin ich selbst mein größter Kritiker.

Umso glücklicher macht es mich, wenn sich Zuhörer hinterher bei mir bedanken, und feststellen, dass das Orchester unter mir anders klingt – anders, nicht schlechter, nicht besser – als beim Lieblingskollegen und dass die Stückauswahl gefallen hat. Und wenn Eltern sagen, dass ihren Kindern die Proben mit mir Spaß machen. Letzteres ist mir eigentlich das Wichtigste.

Von daher schäme ich mich auch nicht, hier zwei Videos vom Konzert am Montag einzustellen. Leider etwas dunkel, aber das lag daran, dass die Kamera von der Kanzel direkt ins Gegenlicht geguckt und daher die Lichtverhältnisse falsch berechnet hat. Wir spielen unsere Konzerte für gewöhnlich nicht im Dunkeln :-)

 

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Neue Herausforderungen (2/2)


Im Januar fand bei mir jobtechnisch eine strukturelle Umorganisation statt, die im Wesentlichen die Ursache für die längere Blogpause war…

(Edit: Ein guter Freund meinte, ich solle das was hier ursprünglich stand, nicht so stehen lessen, daher habe ich den ersten Absatz unter ein Passwort gestellt. Weiterlesen: Neue Herausforderungen (1/2). Das Passwort ist die Antwort auf die Frage: Wo haben wir geheiratet?)

Wirklich viel besser ist es auch jetzt nach einem dreiviertel Jahr nicht geworden, aber ich habe meine engsten Kollegen noch mehr schätzen gelernt, als ich es ohnehin schon vorher getan hatte. Das war einer der wichtigsten Punkte, um den wir in der Umstrukturierung gekämpft haben, nämlich unser Kollegium von sieben Fachlehrern zu erhalten und nicht beliebig Personen durch die Gegend zu tauschen, nur weil wir jetzt von einer größeren Organisation geschluckt wurden.

Der Lieblingskollege fragte mich in den Sommerferien, ob ich mir vorstellen könnte, in unserem Orchester mehr Aufgaben zu übernehmen, als „nur“ organisatorische. Bisher hatten wir die Arbeitsteilung „er steht vor dem Orchester, ich dahinter“. Will heißen: er ist der Dirigent, bestimmt die künstlerische und pädagogische Ausrichtung des Orchesters, zieht Konzerte und Gigs an Land und redet mit den wichtigen Leuten und ich wurschtel im Hintergrund, erstelle Teilnehmerlisten, kümmere mich um Werbung, Elterninformation, Flugbuchungen etc. pp. und bin natürlich auch einfaches Orchestermitglied, entweder im Schlagwerk an den Malletsinstrumenten (Xylophon, Marimbaphon, Röhrenglocken, Glockenspiel) oder an der Klarinette, je nach Bedarf. Und wenn er dann mal krank war oder sonstwie verhindert, habe ich schon auch mal dirigiert, aber das passierte höchstens ein-zweimal im Jahr. Nun also die Frage, ob ich mir ein „Upgrade“ zur zweiten Dirigentin vorstellen könnte.

Hier ein Video von 2015, mit einem Filmmusikmedley von John Williams.

Nun habe ich ja im Studium auch vier Jahre lang das Fach „Dirigieren“ belegt, aber nie wirklich Gelegenheit gehabt, praktische Erfahrung im Orchester zu sammeln, ich war immer mehr im Fach Chordirigieren verankert. Das klingt jetzt für Musiklaien vielleicht echt nerdig, zwischen Chor- und Orchesterdirigenten zu unterscheiden, aber es sind wirklich zwei Paar Schuhe. Insbesondere was die Probenmethodik angeht, kann man sich in einem Orchester echt unbeliebt machen, wenn man es wie einen Chor behandelt (und umgekehrt).

Aber vor dem Hintergrund, dass mir durch die Umstrukturierung beim Job einige liebgewonne Arbeitsfelder entzogen worden waren, war des Lieblingskollegen Idee goldrichtig um mir wieder neue Perspektiven zu geben und mein geknicktes Selbst zumindest ein bisschen wieder aufzurichten. Mit dem Wissen, dass er über 20 Jahre lang alleiniger Chef für das Orchester war, ehrte mich die Frage besonders, denn sowas gibt man nicht „mal eben so“ an jemand anderes ab, auch nicht teilweise.

Und so teilen wir uns seit diesem Schuljahr jeden Montagabend den Platz am Dirigentenpult. Für mich gerade eine echte neue Herausforderung. Während er natürlich nach 20 Jahren eine Probe auch ohne Vorbereitung locker aus dem Ärmel schüttelt, sitze ich in meinen Hohlstunden vor meinen Partituren und übe, so wie man ein Instrument übt und überlege mir die nächsten Probenschritte.

Gleichzeitig – auch das ist neu – spiele ich dieses Jahr Bassklarinette im Orchester, wenn der Lieblingskollege dirigiert. Unsere Schlagwerkssektion habe ich die letzten zwei Jahre so gut erzogen, dass ich dort gerade nicht gebraucht werde, gleichzeitig fiel dieses Jahr unsere Bassklarinettistin aus. Vom höchsten Melodieinstrument Glockenspiel ins Bassregister zu wechseln… auch spannend.

Nun ist der Montag also mein persönlicher Höhepunkt der Woche. Heute war der Lieblingskollege verhindert und ich hatte erstmalig die zwei Stunden mit dem Orchester alleine. Und ich hab mich gefreut wie Bolle, als nach der Probe einer unserer Erwachsenen im Orchester, ungefähr gleichalt wie ich, der eigentlich nie was sagt, an mir vorbeilief, mir in den Oberarm boxte und rief „Bra jobbat!“ (Gut gemacht!)

Und ein Video vom letzten Herbstkonzert (2016).

Sommerloch.


Wie immer, wenn es hier im Blog stiller wird, liegt das entweder daran, dass in unserem Leben sehr viel oder sehr wenig passiert. Die letzten Schulwochen Anfang, Mitte Juni waren sehr intensiv, wie jedes Jahr. Dieses Jahr stand keine Orchesterreise auf dem Programm, stattdessen bekamen wir Besuch vom Kammerorchester meiner alten Musikschule, das hier zusammen mit unserem Streicherensemble gemeinsam proben und konzertieren und so die schwäbisch-schwedischen Beziehungen, die hier seit gut drei Jahren bestehen, vertiefen sollte.

Der Lieblingskollege und ich hatten – gemeinsam mit unseren Jugendlichen – neben den Proben und Konzerten für die Gäste außerdem ein recht umfangreiches Begleitprogramm organisiert: von Nyckelharpa-Workshop über Kulturwanderung über Sightseeing in Göteborg, ein vorgezogenes Mittsommerfestchen und dem obligatorischen Besuch im Vergnügungspark Liseberg war so ziemlich alles dabei, was man in fünf Tage so reinpacken kann,

Auch wenn man am Ende einer solchen Woche dann auf dem Zahnfleisch geht, weil man mehr oder weniger rund um die Uhr Reiseleiter, Konzertmanager, Ansprechpartner und Problemlöser ist, so gehören solche Events doch zu den Highlights in meinem Job – erst recht, wenn die Zusammenarbeit mit den beteiligten Kollegen so wunderbar funktioniert wie in dieser Woche. Und den Jugendlichen – schwedischen wie deutschen – hat’s super gefallen, die können den Gegenbesuch kaum erwarten. Ein großes Danke an alle, die dabei waren, auch wenns schon wieder drei Wochen her ist!

Nach dieser superintensiven Woche begannen dann offiziell auch unsere Sommerferien. Die Schüler hatten ihren letzten Schultag bereits am 10. Juni, aber die Lehrer arbeiten hier immer noch ein Paar Tage länger, auch wenn für die meisten Lehrer die letzte Arbeitswoche nur noch so locker dahinplätschert mit Abschlusskonferenzen, Schreibtisch aufräumen etc.

Es fiel mir dieses Jahr ziemlich schwer, von Arbeitsmodus auf Ferienmodus umzuschalten, sodass ich die ersten Ferientage aus Gewohnheit weiter in meine Musikschule gegangen bin, um wie ein Junkie langsam die Dosis zu reduzieren und so die schlimmsten Entzugserscheinungen zu vermeiden. Arbetsnarkomani nennt das der Schwede.

Mittsommer war dieses Jahr eines der wärmsten und trockensten, die wir bisher erlebt haben. Nachdem wir die letzten drei Jahre immer beim Lieblingskollegen zuhause eingeladen waren, haben wir dieses Jahr einen weiteren Schritt in Richtung Schwedifizierung gemacht und unsere Freunde zu uns nach Hause eingeladen. Mit eingelegtem Hering und Schnaps und allem Pipapo. Und nicht ein einziges Foto habe ich dieses Jahr an Mittsommer gemacht, so normal hat sich das alles angefühlt…

Nach Mittsommer kam dann erstmal lieber Besuch aus Deutschland, (kein Orchester, „nur“ Freunde), und dann war das Wetter zu blöd zum Wegfahren, sodass wir lieber weitermachen wollten, Türen und Wände zu streichen, um so Stück für Stück den dunkelbraunen 60er-Jahre-Charme Muff aus unserem Haus zu vertreiben. Seit Februar, als wir das Haus gekauft haben, haben wir bereits fünf Zimmer renoviert, aber fertig sind wir noch lange nicht. Die nächsten Projekte sind bereits bestellt: alle Fenster und die Haustür tauschen, aber das lassen wir Profis machen.

Natürlich hätte man aus all diesen Renovierungsarbeiten einen wunderschönen Vorher-Nachher-Blog machen können, mit unendlich vielen Bildern von hässlichen Abwasserrohren und wunderschön hellen, frisch gekachelten oder gestrichenen Räumen, aber ganz ehrlich: das hier ist kein Bastel- und Heimwerkerblog und nach fünf Monaten Baustelle an wechselnden Stellen im Haus isses auch gar nicht mehr soooo cool. Also doch, jede dunkelbraune/dunkelgrüne/beige Wand weniger ist schon sehr cool, aber nicht jeder vermalte Eimer Farbe verdient einen enthusiastisch bebilderten Platz in unserem Blog.

Vor wenigen Tagen haben wir dann aber unsere aktuellstes Projekt abgeschlossen und machen uns seitdem vorsichtig mit dem Gedanken vertraut, dass wir dieses Jahr auch noch Urlaub machen wollen, also richtig Urlaub, so mit wegfahren und so, nicht nur schülerfreie Zeit zum Renovieren. Unser VW-Bus scharrt schon ganz ungeduldig mit den Füßen…

Wettertechnisch war der Sommer dieses Jahr bislang eher im Mai zu verorten und der Druck, wegzufahren daher auch nicht all zu groß – zumal wir ja dorthin gezogen sind, wo wir früher immer Urlaub gemacht haben. Nach wie vor wissen wir sehr zu schätzen, dass ein wunderbarer Badesee und ein Blaubeerwald buchstäblich vor unserer Haustür liegen. Vor fünf Jahren haben wir dafür noch über 1000 km Anfahrt von Süddeutschland in Kauf nehmen müssen, jetzt machen wir die Terrassentür auf…

Trotzdem, man muss auch mal was anderes sehen als die eigenen vier Wände, auch wenn sie gerade so schön neu gestrichen sind. Daher wird die Blogpause hier noch eine Weile andauern, wenn auch aus anderen Gründen. Denn wie ich uns kenne, wird sich die Lust, von unterwegs zu bloggen, eher in überschaubarem Rahmen halten.

Wo es hingeht? Das wissen wir selbst auch noch nicht genau. Kann sein, dass wir aus alter Gewohnheit erst mal 1000 km Richtung Norden fahren…

Qual der Wahl


Morgen ist mein Debut als Dirigentin unseres Jugendorchesters (die kleine Weihnachtsmucke vor anderthalb Jahren klammere ich jetzt mal aus). Nach dem großen Erfolg unseres Filmmusikkonsertes letztes Jahr gibt es morgen Filmkonzert, Vol. 2. Auch dieses Mal wird das Orchester wieder in Kostümierung spielen und da ich u.a. das hier dirigieren werde,

gedachte ich mich an Henry Fonda alias „Frank“ (hier rechts im Bild) zu orientieren. Ein passender Hut war schnell in einem Secondhandladen gefunden, und auch ein Colt war nicht schwer aufzutreiben. Nur in Sachen Schuhe gestaltete sich die Suche etwas schwieriger. So fragte ich also unter meinen Kollegen rum und erfreulicherweise meinte ein Kollege ganz locker, dass seine Frau da sicherlich was hätte und die Schuhgröße würde wohl auch passen. Obs okay wäre, wenn er mir mehrere Paare mitbringt, er sei sich nicht ganz sicher, welche eher mein Stil wären, das solle ich selber entscheiden. Volltreffer! Dachte ich. Noch am selben Tag stellte er mir dann eine Tasche mit zwei Paar Cowboystiefeln vor die Tür. Jetzt habe ich also die Wahl:

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Ich sach mal so: größenmäßig passen tatsächlich beide. Aber was davon ist jetzt mehr mein Stil? Schwierig, schwierig…

Flopp, flopp, flopp (2015)


Bis zum frühen Nachmittag Dauerregen, 3° C. In der blauen Stunde zwischen vier und fünf reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf den Sternenhimmel frei, es wird kälter. Die Marschaller, tellergroße Windlichter flackern fröhlich im auffrischenden Wind.

Der Applaus am Ende des Openair-Konzertes klingt wie Openair-Applaus Ende November eben klingt, wenn das Publikum dicke Fäustlinge trägt: flopp, flopp, flopp.

„Vorher denkt man jedesmal ’nicht schon wieder‘ aber hinterher findet man’s dann doch ganz gemütlich“ meinte der Lieblingskollege, als wir die großen Instrumente wieder in die Musikschule transportieren.

Sköna maj, välkommen! oder: Dienstkleidung, die Zweite


Am 30. April feiert man in Schweden valborgsmässoafton. Als uns das Wort vor vier Jahren das erste Mal im Schwedischkurs in Karlsruhe begegnete, haben wir uns beinahe die Zunge gebrochen: Wahl-borjschs-mässou-afton im hiesigen Dialekt (Västgötska), Walpurgisnacht. Inzwischen ist valborg – kein Mensch hier sagt valborgsmässoafton – ein fester Bestandteil unseres (Berufs-)Lebens.

Der Tarifvertrag, den die Lehrergewerkschaft für uns ausgehandelt hat, sieht eigentlich vor, dass an Vortagen von Feiertagen wie z.B. dem 1. Mai, nur bis 16.00 Uhr gearbeitet wird, danach gilt bereits der Feiertagsaufschlag, den kein Arbeitgeber gerne zahlen möchte. Für uns an der Musikschule ist Valborg hingegen ebenso wie Advent, Weihnachten, Schuljahresabschluss und Mittsommer eine besonders arbeitsintensive Zeit.

Bereits vor zwei Monaten trudelten die ersten Anfragen von Kirchen und Heimatvereinen bei uns ein, welche Orchester, Chöre und und Ensembles wir in den verschiedenen umliegenden Orten zu den jeweiligen Walpurgisfeierlichkeiten schicken könnten. Oft beginnt der Abend mit einem Gottesdienst, danach wird vor der Kirche oder einem Festplatz ein großes Feuer entfacht, Reden geschwungen, gesungen und musiziert und sich bei Kaffee und labberiger Grillwurst den Allerwertesten abgefroren. (Den Maibaum spart man sich hier, der kommt erst an Mittsommer zum Einsatz.) Im weiteren Verlauf des Abends beginnt es traditionsgemäß zu regnen oder zu schneien und die Feier wird ins Private verlegt.

Ich hätte diesen Abend locker an drei Stellen gleichzeitig arbeiten können, aber da meine Fähigkeit zur Bi- bzw. Trilokation nach wie vor unterentwickelt ist, habe ich einen Musikgottesdienst an drei konzerterfahrene, selbstständige Siebtklässler übertragen, das Mittelstufenorchester zwei Kollegen überlassen und bin selbst mit dem großen Orchester um die Häuser gezogen. Und letzteres meine ich sehr wörtlich.

Nach der Aufstellung vor der Kirche hieß es Orkester: marsch! und der Lieblingskollege, der früher im Paradeorchester der königlichen Garde gedient hat, wedelte munter mit seinem Tambourmajorsstab.

Wegen des Filmmusikkonzerts am letzten Wochenende hatten wir bisher erst eine einzige Marschprobe und die Wechsel zwischen fünf- und dreireihiger Marschformation müssen wir noch ein bisschen üben, ebenso das Kurvenlaufen und die 180°-Wende, bevor wir in zwei Wochen mit dem Orchester wieder zum norwegischen Nationalfeiertag fahren.

Nach fünf Minuten Marsch, vorbei an Zahnarztpraxis, Supermarkt und Thaimassage kamen wir am Bahnhof mit nebenliegendem Festplatz an, wo wir die Marschformation auflösten und Konzertaufstellung einnahmen. Ich war froh, mein Geschirr mit Glockenspiel in die Ecke stellen zu können, das Ding ist nicht ganz leicht. Stattdessen übernahm ich von Jonas die Kamera und Jonas mischte sich als Bassist unter unser Orchester. Treue Leser wissen sicherlich, dass Jonas nicht mein Kollege im engeren Sinne ist, sondern für die Konkurrenz in der großen Stadt arbeitet. Deswegen musste er sich natürlich als „einer von uns“ verkleiden, damit er nicht sofort als Gastmusiker erkannt wurde. Hat natürlich den ganzen Abend für Heiterkeit im Freundeskreis gesorgt: „Jonas, duck dich, da kommt dein Chef!“

Als sich gegen neun das Thermometer dann langsam der 0°-Grenze näherte, verlagerte sich die Gesellschaft ins Gemeindehaus, wo die Bigband Himlaväsen den Abend lang spielte.

Mein Kollege und ich hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen zwölfstündigen Arbeitstag in den Knochen und eigentlich stand keinem von uns mehr so richtig der Sinn nach Musik, aber heimgehen wollte auch noch keiner. Hätten wir im Ort eine gemütliche Kneipe, wären wir wohl dorthin gegangen, aber in Ermangelung einer solchen (Pizzeria/Thai/Sushi wollten wir nicht), setzten wir uns in ein Nebenzimmer des Gemeindehauses und ließen den Abend in mittelgroßer Runde mit ein paar Schülereltern und Himlaväsen als Hintergrundbeschallung gemütlich ausklingen.

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Auf dem Heimweg beglückwünschten Jonas und ich uns nicht zum ersten Mal dazu, wie gut wir es hier getroffen haben und dass wir so wunderbare Freunde gefunden haben. Vor vier Jahren haben wir uns im Sprachkurs in Karlsruhe noch die Zunge verrenkt bei valborgsmässoafton.

Flop flop flop


Am Samstag vor dem ersten Advent ist bei uns im Ort traditionell Julstuga in der Kirche. Da wird mal eben der ganze Kirchenraum zum Adventsbasar umfunktioniert, es gibt jede Menge Stände mit Kunst- und sonstigem Handwerk und mindestens jeder zweite Stand verkauft Lose mit reellen Gewinnchancen (unsere Bilanz: 4 Lose, 3 Gewinne). Ob man jetzt gehäkelte Topflappen mit God Jul braucht, ist dabei auch irgendwie nebensächlich. Aber der vierarmige Kerzenständer ist ganz hübsch.

Außerdem gibt es Unmengen an Kuchen, Weihnachtsgebäck und risalamalta (ris à la malta = warmer Milchreis mit Zimt und Zucker) und die Pfadfinder entzünden vor der Kirche ein riesiges Lagerfeuer, über dem ein Topf mit Glögg hängt (alkoholfrei natürlich), und grillen Marshmallows im offenen Feuer.

Natürlich sitzt in einer Ecke auch ein Weihnachtsmann und nimmt handgeschriebene Wunschzettel entgegen und selbstverständlich lassen wir uns als Musikschule die Gelegenheit nicht entgehen, unsere jüngeren Orchester und Ensembles ebenfalls auflaufen zu lassen. Die Kirche und das angrenzende Gemeindehaus waren brechend voll.

Als es dann um 16 Uhr draußen dunkel wurde, sammelten sich die rund 50 Jugendlichen unseres großen Orchesters an der Kurmuschel und der ganze Marktplatz war mit Fackeln und Marschallern, tellergroßen Teelichtern, erleuchtet.

Weil mein Kollege, der das Orchester normalerweise leitet, heute anderweitig gebucht war, durfte ich ausnahmsweise dirigieren. Zwar bin ich schon ab und zu mal in der Probe als Vertretung für ihn eingesprungen, aber ich bin noch nie öffentlich als Dirigentin mit unserem Orchester aufgetreten. Heute also Premiere.

Wir hatten erfrischende -2°C, leichten Wind und gute 50 Minuten Programm. Die Pultlampen gaben nach und nach den Geist auf, weil die Batterien die Kälte nicht vertrugen. Die Flöten und Klarinetten in der ersten Reihe taten mir ernstlich leid, weil sie die ganze Zeit im Wind standen und im Gegensatz zu mir keine Handschuhe tragen konnten. Neben der obligatorischen grünen Baskenmütze trug ich unsere weißen Uniformhandschuhe – nicht nur wegen der Kälte, sondern vor allem, weil man dann die Hände im Dunklen besser sieht. Ansonsten waren wir heute wegen der Kälte in zivilen Winterjacken. Aber das Orchester ist gut erzogen und keiner murrte.

Das Publikum hatte es sich mit Thermoskannen, Wolldecken und Isomatten auf den Besucherbänken vor der Freilichtbühne gemütlich gemacht und die Pfadfinder waren mit ihrem Lagerfeuer und ihrem Glöggtopf umgezogen und versorgten diejenigen, die ohne eigene Thermoskanne gekommen waren.

Nach einer Dreiviertelstunde verließ ich mit dem Orchester die Bühne und wir stellten uns um den (noch) nicht erleuchteten Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz auf, wo wir unsere eigene Fanfare spielten, während der Vorsitzende der lokalen Händlervereinigung im richtigen Augenblick auf den großen roten Knopf drückte, der den Weihnachtsbaum erstrahlen ließ.

Flop flop flop… So klang der Applaus der rund 120 behandschuhten Zuhörer, die tapfer bis zum Schluss in der Kälte ausgeharrt hatten.