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Flopp, flopp, flopp (2015)


Bis zum frühen Nachmittag Dauerregen, 3° C. In der blauen Stunde zwischen vier und fünf reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf den Sternenhimmel frei, es wird kälter. Die Marschaller, tellergroße Windlichter flackern fröhlich im auffrischenden Wind.

Der Applaus am Ende des Openair-Konzertes klingt wie Openair-Applaus Ende November eben klingt, wenn das Publikum dicke Fäustlinge trägt: flopp, flopp, flopp.

„Vorher denkt man jedesmal ’nicht schon wieder‘ aber hinterher findet man’s dann doch ganz gemütlich“ meinte der Lieblingskollege, als wir die großen Instrumente wieder in die Musikschule transportieren.

Sköna maj, välkommen! oder: Dienstkleidung, die Zweite


Am 30. April feiert man in Schweden valborgsmässoafton. Als uns das Wort vor vier Jahren das erste Mal im Schwedischkurs in Karlsruhe begegnete, haben wir uns beinahe die Zunge gebrochen: Wahl-borjschs-mässou-afton im hiesigen Dialekt (Västgötska), Walpurgisnacht. Inzwischen ist valborg – kein Mensch hier sagt valborgsmässoafton – ein fester Bestandteil unseres (Berufs-)Lebens.

Der Tarifvertrag, den die Lehrergewerkschaft für uns ausgehandelt hat, sieht eigentlich vor, dass an Vortagen von Feiertagen wie z.B. dem 1. Mai, nur bis 16.00 Uhr gearbeitet wird, danach gilt bereits der Feiertagsaufschlag, den kein Arbeitgeber gerne zahlen möchte. Für uns an der Musikschule ist Valborg hingegen ebenso wie Advent, Weihnachten, Schuljahresabschluss und Mittsommer eine besonders arbeitsintensive Zeit.

Bereits vor zwei Monaten trudelten die ersten Anfragen von Kirchen und Heimatvereinen bei uns ein, welche Orchester, Chöre und und Ensembles wir in den verschiedenen umliegenden Orten zu den jeweiligen Walpurgisfeierlichkeiten schicken könnten. Oft beginnt der Abend mit einem Gottesdienst, danach wird vor der Kirche oder einem Festplatz ein großes Feuer entfacht, Reden geschwungen, gesungen und musiziert und sich bei Kaffee und labberiger Grillwurst den Allerwertesten abgefroren. (Den Maibaum spart man sich hier, der kommt erst an Mittsommer zum Einsatz.) Im weiteren Verlauf des Abends beginnt es traditionsgemäß zu regnen oder zu schneien und die Feier wird ins Private verlegt.

Ich hätte diesen Abend locker an drei Stellen gleichzeitig arbeiten können, aber da meine Fähigkeit zur Bi- bzw. Trilokation nach wie vor unterentwickelt ist, habe ich einen Musikgottesdienst an drei konzerterfahrene, selbstständige Siebtklässler übertragen, das Mittelstufenorchester zwei Kollegen überlassen und bin selbst mit dem großen Orchester um die Häuser gezogen. Und letzteres meine ich sehr wörtlich.

Nach der Aufstellung vor der Kirche hieß es Orkester: marsch! und der Lieblingskollege, der früher im Paradeorchester der königlichen Garde gedient hat, wedelte munter mit seinem Tambourmajorsstab.

Wegen des Filmmusikkonzerts am letzten Wochenende hatten wir bisher erst eine einzige Marschprobe und die Wechsel zwischen fünf- und dreireihiger Marschformation müssen wir noch ein bisschen üben, ebenso das Kurvenlaufen und die 180°-Wende, bevor wir in zwei Wochen mit dem Orchester wieder zum norwegischen Nationalfeiertag fahren.

Nach fünf Minuten Marsch, vorbei an Zahnarztpraxis, Supermarkt und Thaimassage kamen wir am Bahnhof mit nebenliegendem Festplatz an, wo wir die Marschformation auflösten und Konzertaufstellung einnahmen. Ich war froh, mein Geschirr mit Glockenspiel in die Ecke stellen zu können, das Ding ist nicht ganz leicht. Stattdessen übernahm ich von Jonas die Kamera und Jonas mischte sich als Bassist unter unser Orchester. Treue Leser wissen sicherlich, dass Jonas nicht mein Kollege im engeren Sinne ist, sondern für die Konkurrenz in der großen Stadt arbeitet. Deswegen musste er sich natürlich als „einer von uns“ verkleiden, damit er nicht sofort als Gastmusiker erkannt wurde. Hat natürlich den ganzen Abend für Heiterkeit im Freundeskreis gesorgt: „Jonas, duck dich, da kommt dein Chef!“

Als sich gegen neun das Thermometer dann langsam der 0°-Grenze näherte, verlagerte sich die Gesellschaft ins Gemeindehaus, wo die Bigband Himlaväsen den Abend lang spielte.

Mein Kollege und ich hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen zwölfstündigen Arbeitstag in den Knochen und eigentlich stand keinem von uns mehr so richtig der Sinn nach Musik, aber heimgehen wollte auch noch keiner. Hätten wir im Ort eine gemütliche Kneipe, wären wir wohl dorthin gegangen, aber in Ermangelung einer solchen (Pizzeria/Thai/Sushi wollten wir nicht), setzten wir uns in ein Nebenzimmer des Gemeindehauses und ließen den Abend in mittelgroßer Runde mit ein paar Schülereltern und Himlaväsen als Hintergrundbeschallung gemütlich ausklingen.

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Auf dem Heimweg beglückwünschten Jonas und ich uns nicht zum ersten Mal dazu, wie gut wir es hier getroffen haben und dass wir so wunderbare Freunde gefunden haben. Vor vier Jahren haben wir uns im Sprachkurs in Karlsruhe noch die Zunge verrenkt bei valborgsmässoafton.

Flop flop flop


Am Samstag vor dem ersten Advent ist bei uns im Ort traditionell Julstuga in der Kirche. Da wird mal eben der ganze Kirchenraum zum Adventsbasar umfunktioniert, es gibt jede Menge Stände mit Kunst- und sonstigem Handwerk und mindestens jeder zweite Stand verkauft Lose mit reellen Gewinnchancen (unsere Bilanz: 4 Lose, 3 Gewinne). Ob man jetzt gehäkelte Topflappen mit God Jul braucht, ist dabei auch irgendwie nebensächlich. Aber der vierarmige Kerzenständer ist ganz hübsch.

Außerdem gibt es Unmengen an Kuchen, Weihnachtsgebäck und risalamalta (ris à la malta = warmer Milchreis mit Zimt und Zucker) und die Pfadfinder entzünden vor der Kirche ein riesiges Lagerfeuer, über dem ein Topf mit Glögg hängt (alkoholfrei natürlich), und grillen Marshmallows im offenen Feuer.

Natürlich sitzt in einer Ecke auch ein Weihnachtsmann und nimmt handgeschriebene Wunschzettel entgegen und selbstverständlich lassen wir uns als Musikschule die Gelegenheit nicht entgehen, unsere jüngeren Orchester und Ensembles ebenfalls auflaufen zu lassen. Die Kirche und das angrenzende Gemeindehaus waren brechend voll.

Als es dann um 16 Uhr draußen dunkel wurde, sammelten sich die rund 50 Jugendlichen unseres großen Orchesters an der Kurmuschel und der ganze Marktplatz war mit Fackeln und Marschallern, tellergroßen Teelichtern, erleuchtet.

Weil mein Kollege, der das Orchester normalerweise leitet, heute anderweitig gebucht war, durfte ich ausnahmsweise dirigieren. Zwar bin ich schon ab und zu mal in der Probe als Vertretung für ihn eingesprungen, aber ich bin noch nie öffentlich als Dirigentin mit unserem Orchester aufgetreten. Heute also Premiere.

Wir hatten erfrischende -2°C, leichten Wind und gute 50 Minuten Programm. Die Pultlampen gaben nach und nach den Geist auf, weil die Batterien die Kälte nicht vertrugen. Die Flöten und Klarinetten in der ersten Reihe taten mir ernstlich leid, weil sie die ganze Zeit im Wind standen und im Gegensatz zu mir keine Handschuhe tragen konnten. Neben der obligatorischen grünen Baskenmütze trug ich unsere weißen Uniformhandschuhe – nicht nur wegen der Kälte, sondern vor allem, weil man dann die Hände im Dunklen besser sieht. Ansonsten waren wir heute wegen der Kälte in zivilen Winterjacken. Aber das Orchester ist gut erzogen und keiner murrte.

Das Publikum hatte es sich mit Thermoskannen, Wolldecken und Isomatten auf den Besucherbänken vor der Freilichtbühne gemütlich gemacht und die Pfadfinder waren mit ihrem Lagerfeuer und ihrem Glöggtopf umgezogen und versorgten diejenigen, die ohne eigene Thermoskanne gekommen waren.

Nach einer Dreiviertelstunde verließ ich mit dem Orchester die Bühne und wir stellten uns um den (noch) nicht erleuchteten Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz auf, wo wir unsere eigene Fanfare spielten, während der Vorsitzende der lokalen Händlervereinigung im richtigen Augenblick auf den großen roten Knopf drückte, der den Weihnachtsbaum erstrahlen ließ.

Flop flop flop… So klang der Applaus der rund 120 behandschuhten Zuhörer, die tapfer bis zum Schluss in der Kälte ausgeharrt hatten.

Wie ich einmal den norwegischen Nationalfeiertag rettete


Hätte mich vor zwei Jahren, wenige Monate vor unserem Umzug nach Schweden bei der Europa-Arbeitsberatung jemand gefragt, wo ich mich in zwei Jahren sehe, hätte ich wohl eine Sache niemals geantwortet: Ich marschiere in Uniform einer Fahne hinterher und spiele eine Nationalhymne. Doch manchmal geht das Leben eben krumme Wege und dann marschiert man eben auch mal hinterher. Dem Leben. Oder auch einer Flagge.


Die Vorgeschichte

Aber von vorne. Meine Musikschule verfügt über ein gut gebuchtes sinfonisches Blasorchester, das bei Bedarf auch paradiert. Als Klavierlehrer hatte ich bisher mit dem Orchester nur marginal zu tun, aber mein Kollege, der das Orchester leitet, hat mich im Hinblick auf die bevorstehende Deutschlandreise des Orchesters überredet mitzuspielen. Eingeweihte wissen vielleicht, dass ich vor vielen Jahren mal Klarinette gespielt habe, aber leider leidet unser Orchester nicht an Klarinettenmangel, im Gegenteil. Wie also einen Pianisten sinnvoll in ein Blasorchester integrieren? Als Fahnenträger? Notenständer? Nein. Mein Kollege konnte sich jetzt einen langgehegten Wunsch erfüllen: ein Glockenspiel für sein Orchester! Zunächst sollte ich Lyra spielen, aber die 25 Kilo Instrument konnte ich nur entweder tragen oder bespielen, aber nicht beides gleichzeitig. So wurde es also ein Glockenspiel, das ich mit einem Tragegestell wie einen Bauchladen vor mir hertrage.

Szenenwechsel. Das Jugendorchester einer kleinen Kommune in Südnorwegen stellte im Frühjahr dieses Jahres seinen Betrieb wegen Mitgliedermangels ein. Das Festkommittee, das die Feierlichkeiten für den norwegischen Nationalfeiertag plante, stellte daraufhin fest: Nationalfeiertag ohne Musik? Undenkbar! So kam man auf die Idee, ein Orchester von auswärts einzukaufen, aber natürlich waren sämtliche norwegischen Orchester an diesem Tag ausgebucht. Auf verschlungenen Wegen landete die Anfrage vor drei Wochen schließlich bei uns. Als wir alle unsere Jugendlichen für einen Tag vom Unterricht befreit hatten und zusagten, ahnten wir noch nicht, welche Medienresonanz diese Reise mit sich ziehen würde.


Schwedisches und norwegisches Presseecho

Ein schwedisches Orchester marschiert am norwegischen Nationalfeiertag an der Spitze des traditionellen Umzuges? Das war manchen Norwegern nicht geheuer und die norwegische (Klatsch)Presse blies die Sache kräftig auf:

Aftenposten
„Hilfe aus Schweden für die die Nationalhymne am 17. Mai – ‚Ich hoffe, wir werden nicht mit Tomaten beworfen‘ sagt der Dirigent“

Auch schwedische Medien witterten einen Skandal und sparten nicht an Spott:

"Schweden helfen Norwegern beim Feiern"
„Schweden helfen Norwegern beim Feiern“ (Borås Tidning)

Aber eigentlich war es doch eher ein Skandälchen, welches es in Ermangelung noch weltbewegenderer Ereignisse in den Ticker der größten schwedischen Presseagentur TT schaffte und damit auch ins schwedische Pendant zur Bildzeitung:

Norrmännen rasar
„Die Norweger sind wütend: Schwedisches Orchester am Nationaltag. Dirigent: ‚Mal sehen, ob wir es wagen können, dort hochzufahren'“

Das Hickhack, dass daraufhin einsetzte, erreichte schließlich seinen Höhepunkt, als das norwegische Staatsfernsehen NRK letzten Montag  in unserer Orchesterprobe auftauchte, flankiert von diversen schwedischen Reportern, die in erster Linie darüber berichteten, dass das norwegische Staatsfernsehen über ein schwedisches Musikschulorchester berichtete. Metaberichterstattung. Kann ich auch :-)


Im norwegischen Fernsehen

Das nicht mal einminütige Filmchen, das aus 2,5 Stunden Bildmaterial entstanden ist, kann man noch ein paar Tage lang auf nrk.no ansehen. Wir proben hier gerade Norwegens inoffizielle Nationalhymne Norge i rødt, hvitt og blått und unser Dirigent verkündet süffisant grinsend, dass das Stück von einem Schweden geschrieben wurde. Und ja – das Plingpling bin ich und ja, mein Kopf ist die letzten 15 Sekunden im Umfang von einem halben Zentimeter zu sehen.


Der große Tag

Schließlich war der große Tag da: der Syttende Mai. Nach einer kurzen Nacht mit Matratzenlager in einer Grundschule versammelten wir uns um 6.30 zum Morgenappell zur Generalprobe auf dem Schulhof und probten ein letztes Mal unsere Marschaufstellung, das korrekte Anlegen der Waffe des Instruments und natürlich Ja vi elsker dette landet, den Gammel Jegermarsj und ähnlich lyrische Stücke, während der Hausmeister die Flagge hisste. Morgenstimmung in Norwegen hatte ich mir bisher immer ganz anders vorgestellt…

Nach dem Frühstück holte uns dann der Bürgermeister persönlich ab und mit unserem Tourbus ging’s zum ersten der drei Umzüge, die wir anführten. Der Ablauf war im Großen und Ganzen jedes Mal der gleiche: Begrüßung und Nationalhymne an Kirche/Schule/Sportplatz, Abmarsch, Zwischenstopp am lokalen Kriegerdenkmal mit Kranzniederlegung, Schweigeminute und Nationalhymne, danach Weitermarsch zu Schule/Sportplatz/Kirche. Dort Ansprache, Nationalhymne und Blümchenübergabe, ein Stück Torte auf die Faust, zurück in den Bus und weiter zum nächsten Umzug. Ein strammes Programm also und leider hatte ich kaum Zeit zum Fotografieren. Aber natürlich war die Lokalzeitung vor Ort:

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Quelle: Tønstads Blad, Fotograf: Peder Gjersøe (Aufs Bild klicken um weitere Bilder anzusehen.)

Nicht nur der Zeitmangel verhinderte das Fotografieren, auch die Uniformetikette verbietet das Tragen uniformfremder Gegenstände am Körper. Aber ich oller Rebell und Fotonarr konnte es mir nicht verkneifen und hatte trotzdem meine kleine Kamera unter der Uniform versteckt:

Aller negativen Berichterstattung zum Trotz wurden wir sehr freundlich empfangen und zwischen den allgegenwärtigen Norge, hurra!-Rufen hörte man sogar hier und dort ein Heja Sverige! und viele Menschen bedankten sich auch hinterher noch persönlich bei uns, dass wir die lange Reise auf uns genommen hätten, um ihren Nationalfeiertag zu retten.


Als Deutsche in schwedischer Uniform in Norwegen

Und wie fühlt man sich so, als Deutsche, in schwedischer Uniform hinter einer norwegischen Flagge marschierend? Selbst wenn man mal von dem ganzen militärischen Klimbim absieht und ignoriert, dass Märsche, aus denen der Nationalstolz quillt wie Mayonnaise aus schwedischen Krabbenbrötchen, es wohl nicht mehr in meine persönliche Hitliste schaffen werden und wenn man weiterhin darüber hinwegsieht, dass ich im Geschichtsunterricht soviele Guido-Knopp-Dokus sehen musste, dass der Klang marschierender Schuhe in meinem Gehirn unweigerlich mit wackeligen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Nürnberger Parteitage verknüpft ist, dann kann ich sagen, dass aus mir kein ordentlicher Patriot mehr werden wird, egal in welchem Land ich lebe.

Ich fühlte mich nämlich gestern vor allem als – Europäer. Und das norwegische Triumphgemüse in rødt, hvitt og blått macht sich ganz ausgezeichnet auf unserem Frühstückstisch.

Norwegischer Blumenstrauß

Nachtrag: Hier noch eine englischsprachige Quelle aus Norwegen: Sweden ‘saves’ Norway 17 May following local row

Ein Weihnachtskonzert und der erste Schnee


Wenn die Blogkollegen aus Örebro und Skelleftehamn über ihre ersten Schneeflocken schreiben, dann will ich auch…

Jonas hatte gestern Weihnachtskonzert der Kulturschule mit gefühlten 300 Kulturschulkindern (wahrscheinlich waren’s nur 150, aber wenn jedes Kind noch einen Kontrabass oder ein Einrad mit sich rumträgt, ist die Bühne gleich doppelt so voll). Der Saal mit 800 Plätzen war ebenfalls knackevoll.

Nix da popeliges Weihnachtsvorspiel mit 5 Blockflöten… was eine ordentliche Kulturschule ist, da fährt man schon die ganz große Lightshow und einen ganzen LKW für die Soundanlage auf. Im übrigen war das bereits das dritte Weihnachtskonzert in diesem Jahr – alle Bläser, der Großteil der Rockmusikabteilung, die Zeichentrickfilmer sowie die Tänzer waren bereits in den letzten Tagen zugange gewesen, sodass jetzt nur noch vier Streichorchester, 15 Pianisten, die Zirkuskinder, vier Chöre und natürlich die Lucia-Zeremonie ausstanden. Wäre doch gelacht, wenn man das nicht in drei Stunden über die Bühne kriegen würde!

Ich war übrigens nicht nur als Schlachtenbummler dabei, sondern habe auch ehr(enamt)lich gearbeitet und Jonas‘ Streichorchester vom Klavier aus bei der Titelmusik von The Simpsons und We will rock you unterstützt. Bei den zwei Sätzen aus der Peer-Gynt-Suite wollte er mich und das stylische Stagepiano nicht dabei haben – ich weiß auch nicht, wieso.

Als Organisatorin von diversen AStA-Festen graute mir schon vor dem Abbau der ganzen Bühnentechnik, aber meine Befürchtungen erfüllten sich zum Glück nicht: wirklich alle Kollegen, die an diesem Abend beteiligt waren, blieben bis zum Schluss beim Abbau – wer schon mal eine LKW-Ladung Verstärker und Schlagzeug-Equipment quer durch eine Schule zum Parkplatz raus- und hinterher wieder aus dem LKW in eine Musikschule reingeschleppt hat, weiß was ich meine. Mit 15 Leuten war das jedoch in gut 90 Minuten geschafft.

Gegen 11 waren wir dann soweit, dass wir heimfahren konnten. Der Flüssignebel hatte sich inzwischen in dickflüssige Schneetropfen verwandelt, aber wir waren ja noch unten in Borås. Unser Heimweg führt jedoch über zwei Höhenzüge und dafür müssen wir jeweils knapp 200 Höhenmeter überwinden. Und dort oben war dann munteres Schneegestöber angesagt. Unten in Alingsås wieder Regen, oben auf dem Alefjäll wieder Schnee, zuhause wieder Regen. Fünf Klimazonen in sieben schwedischen Meilen, nicht schlecht für einen Abend. Wenigstens musste ich nur 5 Mal wegen Gegenverkehrs abblenden (soll ja Leute geben, die sowas zählen, ne, Olaf?) und den einen statistischen Elch, den wir pro Monat auf der Strecke sehen, hatten wir auch kürzlich schon abgegolten. Trotzdem waren wir froh, als wir um halb eins daheim waren.

Noch 9 Mal die Strecke. Und der gute Vorsatz: Im neuen Jahr verfahren wir keine vier Tankfüllungen pro Monat mehr.

Frisch verliebt


Nachdem mich ja mein Ex vor kurzem verlassen hat, tändle ich mit seit einer Weile wieder mit einem Neuen. Zuerst ein paar vorsichtige Emails, dann das erste Blind Date. Dann das Warten auf seinen Anruf. Der dann auch kam – am Abend, bevor ich nach Deutschland geflogen bin. Na toll… ob ich ihn wohl noch eine Woche hinhalten konnte? Würde er das mit sich machen lassen…? Ja, er wartete auf mich, aber er hatte noch eine andere, die ihm auch ganz gut gefiel und bevor er sich für eine von uns entscheiden könne, wolle er uns beide nochmal treffen. (Nicht so schön das, aber wenigstens war er ehrlich.)
Dann gestern unser zweites Date… Und die alles entscheidende Frage: Willst Du mit mir gehen? Ja. Nein. Vielleicht.

Er wolle mit seiner Familie drüber reden und eine Nacht drüber schlafen, sagte er, und sich dann heute melden. Meine Nacht hingegen war eher schlaflos. Ab acht Uhr hielt ich krampfhaft das Telefon in der einen, das Handy in der anderen Hand. Nicht mal aufs Klo wollte ich gehen. Als es sich dann nicht mehr vermeiden ließ, lagen beide Telefone auf der Klorollenhalterung.

Endlich klingelte es… mööörp, Fehlalarm – bloß irgendein Heini, der mir ein neues Telefonabo an die Backe quatschen wollte. Und damit blockierst Du meine Leitung, du Doofkopp?!

Um zwei hatte er sich immer noch nicht gemeldet und ich war in der Stimmung, mir die Decke über den Kopf zu ziehen und die nächsten Monate im Niemandsland zwischen Herbstdepression und Winterschlaf zu verbringen.

Um halb vier hatte das ungewisse Warten dann endlich ein Ende. Ich fasse den Inhalt des Gesprächs und meinen aktuellen Gemütszustand kurz zusammen:

Er ist übrigens Musiker und will, dass ich seinen Kindern Klavierunterricht gebe. Und ein bisschen Blockflötenunterricht. Und ein bisschen korrepetieren. Ein Orchester hat er auch, da soll ich auch ab und an dirigieren.  Wenn ich will, darf ich seine Kinder auch für Musiktheorie begeistern. Oder sie beim Komponieren unterstützen. Oder einen Chor gründen. Oder, oder, oder… Gut, dass ich das alles mal in der Bräuteschule gelernt habe. Mein Neuer wirkt da sehr freizügig, was meine ehelichen Pflichten angeht.

Toll ist auch sein Wohnort: ganz in der Nähe von Jonas‘ Nebenfrau – die beiden sind sogar miteinander verwandt! – in einem Stadtteil, der wegen seiner Lage und seiner Einwohnerschaft liebevoll „Beverly Hills“ genannt wird. Damit steht jetzt definitiv wieder ein Umzug an, das hatten wir ja schon lange nicht mehr. Oder so.

Nächste Woche unterschreiben wir den Ehevertrag, die Hochzeit ist dann Anfang Januar. Bis dahin sollte sich mein Endorphinspiegel wieder normalisiert haben, sodass ich mich wie ein gesitteter Mensch aufführe und nicht unvermittelt aufspringe und qietschend durch die Gegend hopse.