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6. Januar – Tomorrow shall be my dancing day


Gestern, am Dreikönigstag, an dem in Schweden Trettondedag Jul, der dreizehnte Weihnachtstag, gefeiert wird, haben wir mit Göteborgs Vokalensemble unser drittes Weihnachtskonzert gegeben, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Vara. Das liegt knapp 60 km nordöstlich von uns und schon die Fahrt dorthin war spannend. Die Route über Autobahnen oder größere Straßen wäre unverhältnismäßig viel länger gewesen, deswegen nahmen wir die kürzere Strecke „durch den Wald“, die uns auch Google Maps empfohlen hatte. Nach etwa fünf Kilometern wurde aus der zweispurigen Landstraße eine einspurige, weitere fünf Kilometer weiter endete der Straßenbelag und wir fuhren auf Schotter. Schotterstraßen sind in Schweden nichts ungewöhnliches und auch diese war im Straßenatlas als normale rote Landstraße verzeichnet. Da wir uns auf dieser Straße im letzten Sommer schonmal verfahren hatten, wussten wir jedoch, was uns erwartete und hatten entsprechend viel Zeit eingeplant. Aus Angst um mein kleines altes Auto mag ich auf diesen Straßen nicht schneller als 50 km/h fahren, die Schweden brettern da aber oft locker mit 90 durch, auch wenn meistens 70 vorgeschrieben ist.

Je weiter wir uns auf dieser Straße von der Zivilisation entfernten, desto zauberhafter wurde es. Wir kamen höher und bewegten uns ins Inland und mit jedem Kilometer wurde die Welt weißer. Die Seen, die links und rechts der Straße lagen, waren zugefroren und die tiefstehende Nachmittagssonne tauchte alles in ein rosafarbenes Licht. Ab und zu standen kleine bunte Häuser mit Lichtern in den Fenstern in der Winterlandschaft und alles fühlte sich so unglaublich kitschig an. So klischeehaft wie ein Reiseprospekt. Aber es war echt. Ich kann kaum beschreiben, welches Glücksgefühl da auf einmal in mir kribbelte – manchmal kann ich immer noch nicht glauben, dass wir jetzt wirklich und echt hier in diesem wunderschönen Land leben.

Eigentlich hatten wir noch geplant, uns Vara anzuschauen, aber die Fahrt dauerte dann mit gut eineinhalb Stunden doch noch länger als geplant, so dass wir lediglich überpünktlich zum Einsingen ankamen. Obwohl (oder weil?) die Kirche weitab vom Schuss lag, war sie zum Konzert gut gefüllt.
Leider war der Chor ferien- und erkältungsbedingt etwas reduziert, trotzdem war es ein wunderbares Konzert.

Jonas hat das Konzert mit seinem neuen Spielzeug mitgeschnitten und die erste Aufnahme wollen wir euch nicht vorenthalten. Hier ist also Tomorrow shall be my dancing day von John Gardner mit Göteborgs Vokalensemble unter Leitung von Katarina Hiller. Sozusagen als kleines nachweihnachtliches Adventskalendertürchen…

Tomorrow shall be my dancing day:
I would my true love did so chance
To see the legend of my play,
To call my true love to my dance:
Sing O my love, O my love, my love, my love;
This have I done for my true love.

Then was I born of a virgin pure,
Of her I took fleshly substance;
Thus was I knit to man’s nature,
To call my true love to my dance:
Sing O my love, O my love, my love, my love;
This have I done for my true love.

In a manger laid and wrapped I was,
So very poor this was my chance,
Betwixt an ox and a silly poor ass,
To call my true love to my dance:
Sing O my love, O my love, my love, my love;
This have I done for my true love.

Then afterwards baptized I was;
The Holy Ghost on me did glance,
My Father’s voice heard from above,
To call my true love to my dance:
Sing O my love, O my love, my love, my love;
This have I done for my true love,
for my true love.

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Was die Schweden bewegt: Dubbdäck


Dieses Zeichen gibt es in Schweden gar nicht - warum wohl?

Pünktlich mit den ersten Frostnächten begann hier eine heiße Diskussion in den Medien wie auch in unserem – zugegebenermaßen noch recht kleinen – Bekanntenkreis: Dubbdäck oder nicht? Das Wort Dubbdäck klingt wie ich finde genauso lustig knubbelig wie das, was es bezeichnet: Winterreifen mit Spikes. Hierbei scheint es sich um eine ähnlich grundlegende Frage zu handeln wie die Frage nach Windows oder Mac, Lamy oder Pelikan, HSV oder St. Pauli, Popcorn süß oder salzig.

...Dafür dieses hier...

Nur für wenige Menschen lässt sich diese Frage eindeutig beantworten: Wer in der (Groß)Stadt wohnt und nur dort sein Fahrzeug braucht, sollte tunlichst dubbfritt (knubbelfrei) wählen, denn die Spikes zerstören den Straßenbelag und erhöhen die Feinstaubbelastung, außerdem werden die Straßen ja geräumt und gesalzen.
In Göteborg und inzwischen wohl auch einigen anderen Kommunen gibt es sogar Straßenzüge, wo das Fahren mit Spikes bei Strafe verboten ist.

Wo wird geräumt?

Was ist, wenn das Streusalz ausgeht?...

Wer aber wie zwei Kurskameradinnen aus meinem Schwedischkurs tief im Wald wohnt und auch unter normalen Bedingungen schon 10 km Schotterstraße bis zur nächsten geteerten Straße fahren muss, der darf wohl kaum damit rechnen, im Winter geräumte Straßen vorzufinden und sollte unbedingt vor dem ersten Wintereinbruch Dubbdäck aufziehen.

Brauchen wir Dubbdäck?

...ist das dann eine geeignete Alternative?...

Wenn die Welt doch so einfach wäre! Was aber machen all diejenigen, die weder tief im Wald noch mitten in der Großstadt wohnen, sondern so wie wir irgendwo auf dem Land, wo die Straßen zwar nicht mehr breit, aber immerhin noch geteert sind? Wo man aber trotzdem nicht ausschließen kann, im Winter mal die eine oder andere ungeräumte Straße fahren zu müssen oder zu wollen? Wo man aber trotzdem auch mal in die Göteborger Innenstadt muss?

Leider können wir auch noch überhaupt nicht einschätzen, wie hier in Västra Götaland der Winter und insbesondere die Räumverhältnisse sind. Die Göteborger sagen zwar, ihr Winter sei in erster Linie nasskalt und matschig, aber Göteborg liegt nochmal 40 km südwestlich von uns, ist eine Großstadt und außerdem am Meer gelegen.

... oder doch besser so?...

Unsere Nachbarn hingegen haben erzählt, dass sie im letzten Winter die Fenster im Erdgeschoss nicht mehr öffnen konnten, weil Schnee davor lag (die Fenster öffnen sich nach außen). Manche Straßen hier werden gesalzen, manche aber wohl auch eher planiert und gestreut. Und wenn es da an einem sonnigen Wintertag ein wenig antaut und wieder friert und das möglichst ein paar Tage hintereinander…???

Wenn die Wahl der Winterreifen zur ideologischen Frage wird…

Auf der Suche nach den richtigen Reifen haben wir hier noch keine vernünftige, neutrale Antwort bekommen, weil in der Frage nach Dubbdäck irgendwie jeder sein persönliches Glaubensbekenntnis abgelegt zu haben scheint. Die jeweils „falsche“ Wahl wird dann in Grund und Boden verdammt bzw. die Existensberechtigung der jeweils anderen Reifen lediglich für einen möglichst weit entfernt liegenden Teil Schwedens anerkannt. Demnach kann man also höchstens noch in Malmö ohne Dubbdäck fahren bzw. sind Dubbdäck nur was für die komischen Norrländer.

...sowas brauchen wir hoffentlich nicht!...

Göteborgs Posten, Schwedens zweitgrößte (seriöse) Tageszeitung forderte kürzlich, das Spikeverbot gänzlich aufzuheben: „Warum soll man sein Leben für einen nicht nachweisbaren Umwelteffekt riskieren?“ Puh, da hatte jemand die ganz harte journalistische Keule ausgepackt. Ungedubbte Reifen seien lebensgefährlich, und gerade sei eine neue Studie des staatlichen Weg- und Transportforschungsinstituts (VTI) herausgekommen, die beweise, dass Dubbdäck am sichersten seien. Der Vorwurf der erhöhten Feinstaubbelastung in den Städten sei hingegen nicht nachweisbar. Außerdem – und jetzt wird es kurios – täten die Dubbdäckfahrer den restlichen Verkehrsteilnehmern einen großen Gefallen, da durch die Spikes der Straßenbelag aufgerauht und somit die Rutschgefahr vermindert werde. Damit dieser Effekt eintreten könne, müssten aber mindestens 50% der Fahrzeuge gedubbt sein, sagen jedenfalls norwegische Studien.

Fragt man die Göteborger Verkehrspolizei, so fährt die den ganzen Winter durch mit Dubbdäck. Privat jedoch sind die meisten Polizisten ohne Spikes unterwegs. Abgesehen davon, dass Dubbdäck die Luftverschmutzung begünstigen und die Straßen kaputtmachen, sind sie wohl auch ziemlich laut und auf trockenem Asphalt ist die Haftung auch deutlich geringer gegenüber normalen Winterreifen – irgendwie naheliegend, da die Reibungsfläche ja auch viel kleiner ist.

Ich kann mich nicht entscheiden!

War ich vor ein paar Tagen noch der Meinung, dass wir mit der Kombination neue Winterreifen + Bus/Zug + Schneeketten für den Notfall + Daheim-bleiben-wenn’s-ganz-schlimm-ist gut bedient wären, komme ich jetzt doch wieder ins Wanken, wenn ich mich so im Internet umschaue. Der nächste Schritt wird wohl ein Besuch bei Däck-Lasse („Reifen-Lars“) sein, dem örtlichen Reifenhändler. Mal sehn, was der sagt…