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Und was macht Schweden?


Grob zusammengefasst: nichts. Oder besser gesagt: alles. Wir haben – Stand Dienstagmorgen 17. März – quasi überhaupt keine Einschränkungen durch das Corona-Virus, wenn man es mit anderen Ländern vergleicht. Ja, wir haben Plakate aufgehängt, dass man Händewaschen soll, Veranstaltungen über 500 Personen sind verboten, ebenso Besuche in Altenheimen und Krankenhäusern. Schweden fährt eine komplett andere Strategie als der Rest Europas, der Rest der Welt. Wenn man es denn Strategie nennen will.

Mein besonderes Hassobjekt in diesem Zusammenhang ist Anders Tegnell, Schwedens Staatsepidemiologe, angestellt bei der schwedischen Gesundheitsbehörde folkhälsomyndigheten. Der Mann ist in den schwedischen Medien omnipräsent und ganz Schweden folgt seinem Wort.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Ich fühle mich gerade nicht kompetent, die komplette Nachrichtenlage in Schweden wiederzugeben, aber ein wenig möchte ich zusammenfassen, wie ich die letzten dreei Wochen erlebt habe.

25. Februar: zum ersten Mal darüber geredet.

Das erste Mal, dass in meiner Umgebung überhaupt von Corona geredet wurde, war auf einem Treffen mit dem Elternverein am 25. Februar. Da planten wir ausführlich unsere Orchesterreise im Juni an den Gardasee. Am Ende des Treffens dachte ich, ich stelle mal die Frage, ob jemand schon von dem Virus in Italien gehört habe, und äußerte leichte Bedenken, dass das eventuell unsere Reise beeinflussen könnte. Viele hatten noch nichts davon gehört. Allgemeines Achselzucken, mal abwarten, wird schon nicht so schlimm sein ist die Devise. In der Öffentlichkeit: nichts.

2. März: Wir planen eine Orchesterreise nach Italien

Am Dienstag 2. März hatten wir großen Elternabend wegen der Reise. Aufgaben werden verteilt, wer verkauft bei welchem Konzert im Frühjahr Kuchen, wer steht am Tag der Offenen Tür am Grill, etc pp. Ja, Corona taucht unter sonstigen Fragen auf, aber mehr als Kuriosum, der allgemeine Tenor ist: ist doch nur Panikmache. Wir fahren im Juni nach Norditalien!

In den folgenden Tagen beginnt man in den Medien die Berichterstattung über Italien. Es waren gerade Ferien, viele Schweden waren in Italien im Urlaub. Irgendwann da tauchen die ersten Fälle in Schweden auf, glaube ich. (Ich kann es gerade nicht recherchieren, die Seite der folkhälsomyndigheten scheint kollabiert zu sein.)

6. März: Mund-zu-Mund-Beatmung üben

Am Freitag, 6. März haben wir beim Job eine Fortbildung: ein Vormittag lang Herz-Lungen-Rettung (viele schwedische Arbeitgeber schicken ihre Angestellten im 2-Jahrestakt auf solche Fortbildungen). Die Beatmungspuppen reichen nicht für alle, zwei bis drei Leute üben an derselben Puppe Mund-zu-Mund-Beatmung. Der Kursleiter stellt eine Flasche Desinfektionsmittel und Klopapier bereit, viele benutzen es, aber nicht alle. Beim Mittagessen mit dem Lieblingskollegen erreicht uns die Nachricht von schwedischen Auswärtigen Amt (UD – utrikesdepartement), dass von nicht notwendigen Reisen nach Norditalien bis auf Weiteres abgeraten wird. Am Nachmittag läuft die SMS-Gruppe des Vorstandes des Elternvereines heiß, ob wir die Italienreise absagen oder nicht. Wir einigen uns darauf, am Montag mal beim Reisebüro anzufragen, was für den Reiserücktritt gilt.

Am selben Tag erscheint in Dagens Nyheter, einer der großen Tageszeitungen Schwedens, ein Artikel, in dem Anders Tegnell verkündet, dass Schweden nun mit 96 Fällen den Peak erreicht habe, ab nun werden die Zahlen nicht mehr steigen. https://www.dn.se/nyheter/sverige/antalet-coronafall-i-sverige-kan-ha-natt-toppen-kommer-snart-att-klinga-av/

9. März: Wir hängen ein Plakat übers Händewaschen auf

Am Montag lautet die Antwort des Reisebüros: wartet mal ab mit dem Absagen der Reise, wir wissen ja nicht, ob das im Juni überhaupt noch aktuell ist und dann wäre es ja schade, wenn wir abgesagt hätten. Die Gesundheitsbehörde stuft das Risiko von 2 auf 3 auf einer Skala bis 5 hoch.
Unsere Chefin schickt eine Mail raus, wir sollen Plakate aufhängen über gute Handhygiene.

Am Dienstagabend ruft mein großer Bruder aus Deutschland an und füttert mich zwei Stunden lang mit Zahlen, Statistiken, Exponentialkurven, Logarithmuskurven und den neuesten Nachrichten aus Italien. Mein Kopf schwirrt und mir ist ein bisschen schlecht. Ich frage mich, ob wir in verschiedenen Welten leben, weil hier in Schweden nach wie vor wenig darüber geredet wird.

Am Mittwoch 11. März haben wir ein Konzert mit rund 80 Zuhörern. Als die Mitwirkenden am Schluss Blümchen kriegen, witzelt man darüber, dass es vielleicht nicht so gut wäre einander jetzt zu umarmen. Die meisten tun es trotzdem. Auf dem Heimweg höre ich im Auto in den Nachrichten, dass es den ersten Todesfall in Schweden gab und das Ansteckungsrisiko nun auf 5 erhöht wurde und frage mich kurz, ob ich jemanden umarmt habe. (Antwort: nein, ich bin introvertiert.) Veranstaltungen werden auf 500 Menschen begrenzt. Der erste bestätigte Fall in Borås.

12. März: „Bitte weiterarbeiten, trotz Erkältung“

Am Donnerstag 12. März wird der Karenztag bei Krankheit von staatlicher Seite aufgehoben. In Schweden kriegt man normalerweise am ersten Tag einer Krankschreibung kein Krankengehalt, erst ab Tag 2. Jetzt also Krankengehalt ab Tag 1., damit man auch bei leichter Krankheit zuhause bleibt.

In einer Mail informiert unsere Chefin:

„Det som är viktigt är att de som har hosta, feber eller andningssvårigheter stannar hemma och inte kommer till arbetet. Det är de tre faktorerna som gäller, inte om man känner sig lite förkyld. Denna information gäller tillsvidare inom Borås Stad.“ (Mail (Auszug) vom 12. März an alle Angestellten der Kulturschule)

Es ist wichtig, dass man bei Husten, Fieber und Atembeschwerden zuhause bleibt und nicht zur Arbeit kommt. Es sind diese drei Faktoren, die gelten, nicht, wenn man sich etwas erkältet fühlt. Diese Information gilt bis auf weiteres in Borås Stad. (Borås Stad = Stadtverwaltung)

Hallo?! Erkältung gilt nicht??! Mein erster What-The-Fuck?!?-Moment. Weitere werden folgen.

12. März: Blasinstrumente ausprobieren und rumreichen ist schon ok

In einer Konferenz mit Chefs und 7 Kollegen kommt am Rande die Frage auf, ob wir eigentlich nach wie vor Kulår wie gewohnt machen soll. Kulår heißt, man besucht eine erste Klasse, hat 3-4 Instrumente dabei und lässt die Kinder ausprobieren. Nach langem Hin und Her einigen wir uns schließlich darauf, dass die Lehrer, die ein Blasinstrument unterrichten und sich nicht dabei wohlfühlen, mehrere Kinder nacheinander in dasselbe Instrument blasen zu lassen, andere Sachen im Unterricht machen dürfen. Einige (Bläser!)Kollegen regen sich tierisch darüber auf, dass manche so übervorsichtig sind und damit nur Panik verbreiten würden. Ich denke: gut, dass ich kein Blasinstrument unterrichte. Für den Abend ist eine Pressekonferenz mit unter anderem dem Schulministerium anberaumt, die mit Spannung erwartet wird. Während des Nachmittags scheint sich die Stimmung im Kollegium etwas zu wandeln, manche erhoffen sich jetzt eine Schulschließung.
Das Ergebnis der Pressekonferenz: „Wir machen gar nichts, die Schule geht ganz normal weiter. Wir hören darauf was die Gesundheitsbehörde (Anders Tegnell) sagt und der sagt, Schulschließungen seien kontraproduktiv.“ Außerdem: es werden ab sofort nur noch ältere Menschen und Angestellte in den Krankenhäusern getestet.

Weiterhin verkündet die folkhälsomyndigheten (Anders Tegnell) in völligem Widerspruch zu dem, was zu diesem Zeitpunkt im Rest der Welt passiert:

„In der Inkubationszeit sei man nicht ansteckend. Nur Menschen mit Symptomen seien ansteckend. Kinder kriegen fast keine Symptome und würden daher kein Risiko darstellen. Ein Krankheitsfall in der Familie ist kein Grund, zuhause zu bleiben.“

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

(Ich weiß gar nicht, wieviel Konjunktive ich hier schreiben soll, damit ich nicht bei Google Treffer zu diesen Fakenews produziere.) Ich würde es screenshotten, aber die Seite der folkhälsomyndigheten liegt immer noch brach. Wahrscheinlich ein Virus.

Freitag bis Sonntag: Eigentlich sollte ich übers Wochenende für eine Fortbildung nach Arvika fahren (4 Stunden Autofahrt von hier). Die eine Dozentin, sowie die Hälfte der Teilnehmer, die aus Norwegen kommen, haben jedoch Reiseverbot. Morgens kommt die Nachricht, das Seminar werde ins Netz verlegt. Das ganze Wochenende sitze ich am Rechner und videokonferiere mit meinen 7 Kurskollegen und 2 Dozenten. Ohne Ironie: Es war großartig! Ich würde sagen, 90% des Unterrichtsstoffes kam unbeeinflusst an, auch die Kaffeepausen dazwischen. Lediglich das gemeinsame Musizieren war so naja, was vor allem daran lag, dass zwei Kursteilnehmer eine langsamare Internetverbindung hatten als der Rest. Ansonsten hätte das vielleicht auch funktioniert.

13. März: Es gibt noch Klopapier

Freitag der 13. März. Vormittags machen Jonas und ich unseren normalen Wocheneinkauf. Es gibt noch Klopapier. Freitagnachmittag Gesamtlehrerkonferenz beim Job (wie jede Woche): Eine ganz normale Konferenz, wir planen Konzerte, Tag der offenen Tür etc. 15 Minuten widmen wir Corona. Die Parole ist: „Wir folgen den Anweisungen der Behörden. Wascht euch die Hände.“

WTF.

Der Lieblingskollege fragt, was für die Blasorchesterproben gelte, da fliegen schon mal Speicheltropfen durch die Luft, wir sitzen auf engem Raum, schlechte Ventilation. Chefin: „Ich komme später auf die Frage zurück.“

Sonntagabend, Pressekonferenz. Man verkündet, dass ab Mitte der Woche Triageregeln „von ethischer Dimension“ veröffentlicht werden. Schluck.

16. Januar: „Wenn jeder in seine eigene Trompete sabbert, ist das kein Problem“

Montag 16. Januar. Das Wort des Tages in den Medien ist: Herdenimmunität. Anders Tegnell sagt, Schweden strebe eine Herdenimmunität an, deswegen solle das öffentliche Leben weiterhin so gut es geht aufrecht erhalten werden. Nur die Alten sollten isoliert werden, dann sei das alles gar nicht so schlimm.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Die Krankenhäuser warnen vor fehlender Schutzausrüstung.
Die Ansteckungszahlen gehen zurück (klar, es wird kaum noch getestet.)
Wir sagen eigenmächtig unsere Orchesterprobe für den Abend ein, weil wir immer noch keine Antwort von der Chefin haben. Später am Tag eine Email von ihr:

„Fråga: Hur gör vi med våra orkestrar, eleverna sitter tätt tillsammans samt att det läcker luft och saliv från blåsinstrumenten? Föräldrar hör av sig och undrar om eleverna skall komma på orkestern?
Svar: Vi fick till oss att om eleverna har egna instrument med sig så borde det inte vara någon fara. Och samma gäller ju här, är jag sjuk så kommer jag inte till orkestern.“ (Mail (Auszug) vom 16. März an alle Angestellten der Kulturschule)

Frage: Wie machen wir das mit den Orchestern? Die Schüler sitzen eng zusammen, aus den Instrumenten strömt Luft und Speicheltropfen. Die Eltern rufen an und fragen, ob die Kinder zum Orchester kommen sollen.
Antwort: Wir gehen davon aus, dass wenn die Schüler eigene Instrumente haben, das keine Gefahr darstellen sollte. Das gleiche gilt auch hier: Bin ich krank, komme ich nicht zum Orchester.

Außerdem in dieser Mail: Wir halten uns streng an die Vorgaben der Behörden.

WTF.

Die Folkhälsomyndigheten revidiert ihren Bullshit immer noch nicht, Anders Tegnell hält nach wie vor seine Nase in jede Kamera und erzählt seinen Bullshit, dass wenn wir nur Menschen über 70 ordentlich isolieren, dann können alle anderen mit leichten Einschränkungen normal weitermachen. Leute in Stockholm könnten ja mal überlegen, ob sie Homeoffice machen.

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Eine Freundin, Ärztin im Krankenhaus in Borås, ruft an und sagt, im Krankenhaus mache man sich auf das Schlimmste gefasst, OP-Säle werden zu Intensivstationen umgewidmet.

Abends nach Mitternacht kommt auf SVT eine Talkshow mit Anders Tegnell und Joacim Rocklöv, Epidemiologe an der Uni Umeå, der diametral andere Ansichten vertritt als Tegnell und dazu rät, wie der Rest der Weltbevölkerung auch, seine sozialen Kontakte drastisch einzuschränken. Eine Ärztin aus Stockholm verkündet stolz, dass man die Intensivplätze in der Region Stockholm leicht von 100 auf 150 erweitern könne. Rocklöv entgegnet, dass man Mitte Mai voraussichtlich 500-1000 Plätze in Stockholm brauchen werde. Tegnell sagt: „das wissen wir alles noch nicht.“

WTF.

17. März: „Eine Verbreitung in den Schulen ist nicht gefährlich“

Heute morgen, 17. März, die Schlagzeile: „Tegnell sagt: Eine Verbreitung in den Schulen ist nicht gefährlich“.

WTF! WTF!! WTF!!!

(Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

Jetzt habe ich hier zwei Stunden geschrieben, und versucht, mich nur darauf zu konzentrieren, keine Nachrichten, keine Mails, keine SMS, kein Whatsapp nebenher. Währenddessen hat sich die Welt draußen bestimmt ein paar Umdrehungen weiter gedreht. Ich muss jetzt aufhören, obwohl ich noch lange nicht fertig bin. Ich hab nämlich gleich Unterricht… Yay.

Bei Gelegenheit mehr.

(Ach ja, hier ein Link zu einer Unterschriftenliste, die Tegnells Rücktritt fordert: https://www.skrivunder.com/avga_anders_tegnell)

 

13. Dezember 2015 – Lucia


Fällt Lucia so wie dieses Jahr auf ein Wochenende, so finden die Luciafeiern an Schulen und Arbeitsplätzen bereits am Freitag statt. Dieses Jahr war ich an einer anderen Schule als die letzten zwei Jahre, denn die andere Schule war schneller und hatte mich bereits Anfang August für ihren Luciazug gebucht. Ich war nicht ganz undankbar dafür, nachdem die eine Schule mich letztes Jahr zwar eingespannt hatte, mit den Kindern die Lucialieder einzustudieren, mir dann am Luciamorgen (nachdem ich alleine Keyboard und Lautsprecher in die Turnhalle geschleppt hatte), aber eröffnete, dass es doch viiiiiel schöner wäre, die 15 Viertklässler unbegleitet singen zu lassen und mich stattdessen beorderte, den Wassereimer zu bewachen, falls mit den Kerzen etwas schiefgehen sollte. So bin ich bislang selten gedemütigt worden und ich hatte mir fest vorgenommen, nie wieder an dieser Schule Lucia zu feiern (Lucia 2013 an jener Schule war ja auch schon doof gewesen) und so sagte ich der anderen Schule gerne bereits im August mein Mitwirken an allen Luciafeierlichkeiten zu.

Wegen Sparmaßnahmen hat diese Schule gerade keinen Musiklehrer und daher die Einstudierung in die Hände der Klassenlehrerinnen der beiden sechsten Klassen gelegt. Die eine der beiden Lehrerinnen kam Anfang November leicht panisch zu mir, weil sie noch nie eine Luciafeier organisieren musste und selbst zugab, keine Ahnung zu haben, wie man aus 32 Sechstklässlern, die keinen Bock haben zu singen, einen Luciachor macht. Eine Frage schien ihr besonderes Kopfzerbrechen zu bereiten:

– „Annika, hier in den Noten aus dem Weihnachtsliederbuch, da stehen doch immer nur der Text und die Melodie. Ich habe früher ja mal Flöte gespielt und kann Noten lesen und ich finde auch alle Töne auf dem Klavier, aber wenn ihr von der Musikschule das spielt, dann klingt das immer nach viel mehr Tönen… wie macht ihr das?“

Ich erkläre ihr kurz das Prinzip „Liedbegleitung nach Akkordsymbolen“ und dass es im Musiklehrerstudium ein Pflichtfach gibt, das „Schulpraktisches Klavierspiel“ heißt. Es scheint sie zu trösten, dass ich noch hinzufüge, dass ich genauso wenig Ahnung hätte, wenn mein Chef mich plötzlich dazu verdonnern würde, Mathe und Chemie zu unterrichten.

– „Letztes Jahr, da hatten wir eine Praktikantin hier und die konnte ein bisschen Keyboard spielen, aber die hat dann gar keine Melodie gespielt und dann wussten die Kinder nie, auf welchem Ton sie anfangen sollten zu singen.“

– „Mhm, vermutlich hat die Praktikantin dann nur die Akkorde gespielt.“

(Ja, wenn man nur Akkorde spielt, womöglich nur in Grundstellung und dann noch möglichst im Bass, dann erschwert das das Singen erheblich, anstatt es zu erleichtern – vor allem, wenn man mit Kindern singt.)

Sie seufzt tief und fragt dann leicht verzweifelt:

„Könntest du denn beides gleichzeitig spielen, Melodie und Akkorde?“

Würde man einen Profifußballer fragen, ob er gleichzeitig rennen und den Ball dribbeln kann, was würde der wohl antworten? Ich bin zwar deutlich schlechter bezahlt als ein Fußballer, aber… nein, Melodie und Akkorde gleichzeitig zu spielen, stellt kein größeres Hindernis für mich dar. Ich kann dabei sogar singen, den Chorkindern Einsätze zunicken, den anderen Kindern strenge Blicke zuwerfern, wenn sie zu laut werden und wenn es sein muss auch noch gleichzeitig meinen Schlüsselbund aus der Hosentasche ziehen, weil jemand ganz dringend den Schlüssel zum Musiksaal braucht.

Ich verkneife mir jedoch ein Lachen oder einen sarkastischen Spruch, weil ich merke, dass sie ernsthaft verzweifelt ist und die Erwartung ihres Schulleiters schwer auf ihren Schultern lastet. Lucia, das ist nicht irgendein Schulfest, da gibt es so viele Erwartungen und Traditionen, so viele „Aber-das-ist-doch-immer-so-gewesen“, so viele Kollegen und Eltern, die am Ende im Zweifelsfall besser wissen wollen, wie alles hätte sein sollen – ich kann gut verstehen, dass man da verzweifelt, wenn dann auch noch die Klasse nicht singen will (oder auch nicht kann, weil sie keine Hilfestellung bekommt). Sechstklässler sind diesbezüglich außerdem deutlich schwieriger zu motivieren als die unteren Klassen. Und der „Oh-was-sind-die-süß-wenn-sie-singen-Faktor“, der auch trotz noch so schiefem Gejaule den Eltern Tränen der Rührung auf die Wangen zaubert, ist auch nicht mehr der gleiche, wenn ein Teil der „süßen Kleinen“ bereits auf dem Weg in den Stimmbruch ist.

Ich beruhige sie also und demonstriere ihr kurz, wie das klingt, wenn ich einen Chor begleite – mit Melodie und Akkorden. Vorspiel und Zwischenspiel zwischen den Strophen gibt es gratis als Sahnehäubchen dazu.

Danach wirkt sie deutlich entspannter und als ich ihr verspreche, vorher mit den Schülern zwei Proben zu machen und dass ich auch das Einsingen vor den drei Aufführungen übernehmen könne ist sie richtig erleichtert.

Die drei halbstündigen Vorstellungen – eine am Vorabend für die Eltern und zwei am Morgen für Schüler und Personal der Schule und Vorschule – liefen letztlich sehr nett ab. Ich war wirklich nur für den musikalischen Teil verantwortlich, die Lehrerinnen kümmerten sich um die weißen Luciagewänder mit den blauen und roten Bändern für die Mädchen, um Spitzhüte und Sternenstäbe für die Jungen, um Kerzen, Wunderkerzen und Batterien für die Luciakrone.

In der abgedunkelten Mensa stand ein ordentliches E-Piano, ich musste keine Lautsprecher spazieren tragen und sogar an eine Pultlampe für mich hatten sie gedacht. Ich wurde selbstverständlich zum Glöggfika hinterher eingeladen, der Schulleiter hat sich bei mir bedankt und ich bekam sogar noch ein Blümchen von den beiden Lehrerinnen.

Der Komiker Robert Gustavsson und die Schlagersängerin Lena Philipsson treffen in ihrer Luciaparodie den Kern einer klassischen Schulluciafeier ziemlich gut: überambitionierte Mädchen, Jungs, die nie genau wissen, wann sie ihr Solo mit dem Staffanslied haben, ein bisschen Rumgeschubse auf der Bühne und heruntergeleierte Gedichte. Aber so herzig…

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„Habt ihr das mit Trollhättan gehört?“ Mit diesen Worten stürmte einer meiner Kollegen am Donnerstag sichtbar erregt in unsere Konferenz. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, welche Ausmaße die Gewalttat an einer Grundschule in Trollhättan, nur eine Autostunde von hier entfernt, hatte. Wir gaben uns dennoch große Mühe, den Tag mit Planungen für eine anstehende Projektwoche in zwei Wochen und einem Schülerkonzert am Abend irgendwie zu Ende zu bringen.

Heute war dann für die Schüler der letzte Tag vor den Herbstferien und viele Schulen hatten Halloweenfeste geplant. Frühmorgens kam die erste Mail der Rektoren, dass Masken und generell angsteinflößende Kostümierungen an diesem Tag nicht erwünscht seien. Am Vormittag war ich an einer Grundschule und die Kollegen in den Klassen bemühten sich, für einen einigermaßen unaufgeregten Schultag zu sorgen, auch wenn die gestrigen Ereignisse natürlich das Tagesthema für Schüler und Lehrer war.

Um die Mittagszeit fuhr ich in die Musikschule, um dort mit zwei Kollegen zusammen Mittag zu essen, als uns der Anruf eines weiteren Kollegen erreichte, der gerade auswärts an einer Schule war. Jemand hatte auf Facebook eine anonyme Nachricht gepostet, dass er/sie sich durch die Ereignisse in Trollhättan inspiriert fühle, ähnliches in Borås durchzuführen. Daraufhin hatte die Schulverwaltung in Borås alle Schulen angewiesen, unmittelbare Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.

Also schlossen auch wir alle Türen ab und überlegten, was wir mit dem verbleibenden Freitagnachmittag vor den Ferien machen sollten. Nahezu im Minutentakt trudelten Mails der Rektoren und der Schulverwaltung ein, wie sich das Personal sich zu verhalten habe und dass es den Eltern frei stehe, ihre Kinder sofort aus der Schule abzuholen. Wir entschieden uns jedoch dafür, den Tag stundenplanmäßig zu Ende zu bringen um so ein bisschen Stabilität in der allgemeinen Aufregung zu geben und so fuhr ich nach meiner Mittagspause weiter zur nächsten Grundschule. Wie erwartet, so waren alle Türen verschlossen und ich musste erst eine der Klassenlehrerinnen anrufen und bitten, mich reinzulassen.

Die Schüler – zumindest an dieser Schule – hatten von der ganzen Aufregung glücklicherweise kaum etwas mitbekommen und so verlief mein Nachmittag einigermaßen normal, wenn auch zäh, was aber wohl eher den nahenden Ferien geschuldet war.

Am späteren Nachmittag fuhr ich dann für die letzten Schüler zurück in die Musikschule. Die Informationslage war nach wie vor undurchsichtig, keiner wusste, ob es sich bei dem Facebookposting um eine ernstgemeinte Drohung handelte oder um einen Trittbrettfahrer, aber die Polizei war mit verstärktem Aufgebot unterwegs und bewachte Schulen, Kindergärten, Horte und Asylunterkünfte. Meine Kollegen, die selbst alle Kinder im Schulalter haben, waren inzwischen mit den Nerven durch, die Stimmung war – gelinde gesagt – angespannt.

Aber irgendwie gingen auch die letzten Stunden vorbei und selten haben wir das Wochenende so sehr herbeigesehnt wie heute. Ferien haben wir Lehrer nächste Woche übrigens nicht, sondern stattdessen Fortbildungstage – einer davon ist in Trollhättan geplant, aber diese Fortbildung wird wohl abgesagt werden, vermute ich.

Am späten Abend verkündeten die Fernsehnachrichten, dass die Polizei in Borås eine junge Frau festgenommen hat, die reuevoll gestanden habe, die anonyme Drohung gepostet zu haben. Sie ist inzwischen wieder auf freiem Fuß, weil ihre Drohung als haltlos beurteilt wurde.

Manchmal verstehe ich diese Welt einfach nicht.

Unsortierte Gedanken


Je länger die Pause, desto schwieriger der Neuanfang. So ging es mir letzte Woche mit dem Schulstart und so geht geht es mir gerade auch mit unserem Blog. Aber wenn man dann mal wieder drin ist, isses ja meist gar nicht so schlimm. Also los!

Beginnen wir mit was Aktuellem: Wir hatten gerade vierjähriges Schwedenjubiläum. Vor vier Jahren hatten wir weder Job, noch Ehering, noch Katze, noch Freunde, die man abends mal eben schnell besuchen konnte. Ein Dach über dem Kopf hatten wir zwar, aber der Gedanke ein selbiges zu kaufen, lag uns damals mehr als fern. Noch ist es nicht ganz so weit, aber wer weiß…

Wenn wir uns jetzt noch einen Volvo kaufen, erfüllen wir nächstes Jahr wahrscheinlich die drei Grundqualifikationen für die schwedische Staatsbürgerschaft – Villa, Volvo, Vovve. (Wuffe darf man durch Mieze ersetzen, oder?) Puuuh… ich glaube, wir werden spießig (wenn wir es nicht schon längst sind…).

Gedankensprung.

Unser Sommer war dieses Jahr aus verschiedenen Gründen etwas zerpflückt. 16 Stunden in Norwegen, Orchesterreise in die alte Heimat nach Süddeutschland, Kurztrip nach Göteborg, Kurztrip nach Lübeck und Hamburg, ein Kajaktrip vor der Haustür und eine etwas längere, völlig ungeplante Reise, auf der wir uns einfach haben treiben lassen und beim Aufwachen selten wussten, wo wir abends einschlafen würden.

Auf der Festplatte warten ungezählte Bilder auf ihre Veröffentlichung, aber das hat noch Zeit – der nächste Winter kommt bestimmt. Nachdem der Sommer dieses Jahr bis Anfang August auf sich hat warten lassen, haben wir jetzt – pünktlich zum Schulanfang! – endlich Sommer. Nicht, dass ich diesen Mördersommer in Deutschland hätte verbringen wollen, aber es hätte hier im Juli wirklich nicht täglich regnen müssen.

Stellvertretend für die anderen Bilder und Geschichten, die gerade noch halbfertig in meinem Kopf und auf der Festplatte herumgeistern, hier einer der schönsten Augenblicke unseres Sommers:

Gipfel Åreskutan
Dem Himmel so nah: bei 5°C und Windstärke 6 (11 m/s) in viel zu dünnen Klamotten auf dem Gipfel des Åreskutan.

Bis auf Weiteres verbringen wir jetzt unsere Mittagspausen und Feierabende lieber am See statt am Rechner…

Blumenladen


Jonas und ich hatten beide am Freitag unseren letzten Unterrichtstag in diesem Schuljahr. Nächste Woche wäre zwar eigentlich noch normaler Unterricht, aber wir haben uns jetzt beide eine Woche kompledig genommen, will heißen: wir feiern unsere hart erarbeiteten Überstunden ab. Waren ja auch genügend Wochenenden, die wir in den letzten Wochen durchgearbeitet haben.

Für die Schüler beginnen die Sommerferien dieses Jahr am 10. Juni, aber in den letzten 10 Tagen sind noch Projektwochen, Klassenfahrten, Ausflüge etc. sodass der Unterricht an der Musikschule eh nur noch sporadisch stattfinden könnte. Stattdessen bereiten wir in der letzten Woche mit den Orchestern und Ensembles die Schulabschlussfeiern vor, die an den letzten zwei Schultagen stattfinden.

Daher also bereits vorgestern unser letzter regulärer Unterrichtstag und ein paar Schüler kamen tatsächlich mit einem kleinen Dankeschön für das vergangene Schuljahr in die letzte Stunde. Großer Kulturunterschied zu Deutschland: Während ich an meiner Musikschule im Badischen früher immer massenhaft Weinflaschen zum Schuljahresende bekam, sind alkoholische Getränke in diesem Zusammenhang ein absolutes No-Go. Nur Jonas überreichte seiner Gesangslehrerin (, die wir auch privat kennen) eine Flasche Wein, die zwar durchaus erfreut angenommen, aber sofort im Schrank versteckt und weggeschlossen wurde.

Bei uns zuhause könnten wir jetzt aber einen kleinen Blumenladen eröffnen:

IMGP6341

Passend dazu könnte ich hier jetzt Den Blomstertid nu kommer verlinken, aber das hatten wir schonmal – außerdem steht dieses Lied in Band 1 einer der meistgespielten schwedischen Klavierschulen und… naja lassen wir das. Stattdessen gibt es heute En vänlig grönskas rika dräkt, gesungen von der Real Group:

Fortbildung


Diese Woche sind für unsere Schüler Herbstferien, während für die Lehrer Montag-Mittwoch kompetensutvecklingsdagar oder studiedagar, Fortbildungstage sind. Wir Musikschullehrer sind dabei in jeder Hinsicht den Lehrern an den allgemeinbildenden Schulen gleichstellt.

Übers Schuljahr verteilt haben wir insgesamt 16 solcher Fortbildungstage, an denen unsere Schüler frei haben und wir unsere „Kompetenzen entwickeln“. Kompetenzentwicklung ist dabei ein sehr weit gefasster Begriff, eigentlich fällt darunter alles, was sonst im Alltag zu kurz kommt.

Klassischerweise sind die letzten Tage der Sommerferien solche Tage, da wird die Grobplanung fürs neue Schuljahr festgelegt, neue Kollegen eingearbeitet, fachübergreifende pädagogische Zielsetzungen erarbeitet und natürlich auch die individuelle Unterrichtsvorbereitung begonnen. Auch am Ende des Schuljahres liegen meist ein paar Fortbildungstage, in denen man das Schuljahr in Ruhe abschließen kann oder – wie wir letztes Jahr – Orchesterfahrten unternehmen kann. Die restlichen Tage liegen so wie jetzt in den Ferien oder auch mal mittendrin, die Schüler werden an diesen Tagen im Hort betreut.

Oft verbringt man die Fortbildungstage mit den engsten Kollegen, plant Konzerte und Projektwochen, probt gemeinsam oder macht endlich mal wieder Ordnung im Instrumentenvorrat und in der Notenbibliothek.

An zwei oder drei der Fortbildungstage werden Vorlesungen oder Seminare von externen Dozenten gehalten, in denen es ausschließlich um pädagogische Fragestellungen geht, z.B. den Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern. Sofern die Themen auch für uns Musikschullehrer relevant sind, sind wir bei den Vorlesungen der Grundschulen (Klasse 1-9) dabei.

Regelmäßig finden aber auch Fortbildungen nur für uns Musikschullehrer statt, in denen wir dann Kollegen aus den umliegenden Kommunen treffen, oft gekoppelt mit Vorträgen von Vertretern des schwedischen Musikschulverbandes oder Kulturpolitikern.

Unabhängig von den festgelegten Fortbildungstagen besteht aber auch sonst jederzeit die Möglichkeit, auf Fortbildungen zu fahren. Für Fortbildungen unter der Woche bekommen wir „frei“ und müssen die Stunden auch nicht nachholen, wenn nicht wirklich handfeste Gründe dagegen sprechen. Generell ist da die Haltung unserer Chefs die, dass eine Fortbildung ja keine Vergnügungsreise ist, sondern Arbeitszeit und außerdem eine Investition in die eigene Organisation, die sich langfristig wieder auszahlt in Form von motivierten und kompetenten Mitarbeitern. Erfreulicherweise sehen die Eltern der Schüler das genauso.

So war ich zum Beispiel kürzlich bei einem dreitägigen Kongress des schwedischen Klavierpädagogenverbandes. Die Kongressgebühr übernahm mein Arbeitgeber zur Hälfte, ebenso die Anreise. Als Jonas mit allen seinen Streicherkollegen letztes Jahr beim Kongress der Streicherpädagogen war, wurden sogar alle Kosten, inklusive Unterkunft, übernommen.

Der Klavierpädagogenkongress fand Freitag-Sonntag statt und selbstverständlich habe ich den Samstag und den Sonntag als Überstunden im Computersystem registriert.

Diese Woche ist daher für mich recht entspannt: am Montag haben meine Kollegen und ich die kommenden Wochen bis Weihnachten geplant und am Freitag habe ich zum ersten Mal seit 2009 mal wieder selbst Klavierunterricht – bei einem Hochschuldozenten in Göteborg, den ich beim Kongress kennengelernt habe.

Den Rest der Woche arbeite ich meine Überstunden ab:

Puzzle

Warum ich (gerne) zur Schule gehe


Eine Zweitklässlerin heute vormittag zu mir:

Eigentlich wollte ich heute morgen so tun als ob ich krank bin, damit ich nicht zur Schule gehen muss. Aber dann ist mir eingefallen, dass ich heute Klavier hab und dann bin ich doch gegangen.

(Bis zur 6. Klasse dürfen die Schüler bei uns während der Unterrichtszeit zum Instrumentalunterricht gehen.)