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Schüler in den Restaurants, Senioren in den Bibliotheken


Stand 25. März:

2510 bestätigte Fälle (aber getestet wird eh kaum noch), davon 144 auf den Intensivstationen, bisher 42 Todesfälle.  (Zahlen von der schwedischen Folkhälsomyndighet).
Allein die Region Stockholm hat über 1000 Fälle und die Hälfte der Todesfälle.

Mein Alltag: Ganz normal. In dem Maß, in dem die Supermarktregale wieder mit Klopapier aufgefüllt wurden, kommen die Schüler auch wieder zur Schule. Die Unruhe der letzten Woche hat sich wieder gelegt, scheint es. Es gibt wieder Klopapier, das heißt, die Welt muss wohl wieder in Ordnung sein.

Gestern wurden die Regeln für Restaurants und Cafés leicht verschärft: Die in Schweden übliche Selbstbedienung ist jetzt nicht mehr erlaubt, nur noch Bedienung am Tisch, die Tische müssen 1,5 Meter auseinander stehen. Die Skigebiete in Åre aber haben nach wie vor geöffnet und demnächst hat ganz Schweden Osterferien, da geht das halbe Land skifahren. Man könnte zynisch sagen: ein Skierlebnis wie in Ischgl…

Deutsche Welle: Schwedens Skilifte laufen weiter
Süddeutsche: Das nächste Ischgl

Man rät zwar einerseits von Reisen innerhalb des Landes ab, andererseits spricht man eine ausdrückliche Empfehlung für Training an der frischen Luft aus, gerne auch in (Kinder-)Gruppen.

Die Oberstufenschüler (16-19 Jahre) im ganzen Land wurden ja letzte Woche in den Heimunterricht geschickt. Heute hat man in Borås im Gemeinderat einen Beschluss gefasst, dass alle Oberstufenschüler ab sofort gratis in den Restaurants der Stadt essen können, die Kommune steht für die Kosten. Damit sollen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: einerseits die Restaurants vor der Insolvenz retten, andererseits das Recht der Schüler auf eine kostenfreie warme Mahlzeit während der Schulzeit sichern.

Bebildert wurde Artikel in Borås Tidning folgendermaßen – finde den Fehler:

Skärmavbild 2020-03-25 kl. 21.50.39
Quelle: https://www.bt.se/boras/elever-glads-at-fria-luncher-pa-restaurang-underlattar/

Nun ist glaube ich, für viele Familien das kostenfreie Mittagessen in der Schule tatsächlich ein wichtiger Anker, sowohl finanziell wie auch organisatorisch. Ich will das gar nicht kleinreden. In Stockholm hat man es wohl so gelöst, dass die Schüler (wir reden hier immer noch von Oberstufenschülern, 16-19 Jahre) 25 Kronen pro Tag ausbezahlt kriegen, um sich davon Zutaten kaufen zu können um selbst zu kochen. Das ist sicherlich auch nicht optimal, aber was ist in diesen Zeiten schon optimal… Immerhin besser, als zwischen 12-14 Uhr alle Schüler in die Stadt zu locken, die man vorher zwecks Social distancing an den heimischen Schreibtisch geschickt hatte. Gerechter ist dieses Boråsmodell auch nicht, schließlich ist Borås eine recht weitläufige Kommune und diejenigen Schüler, die draußen in den Käffern wohnen, haben von dieser Regelung nichts – außer einem Anreiz, sich in den öffentlichen Nah(kontakt)verkehr zu setzen.

Heute hatte ich ein Gespräch mit einer Schülermutter, die in der Hauptstelle der Bibliothek arbeitet – wie auch die Kulturschule, so sollen auch die Bibliotheken so lange wie möglich geöffnet bleiben – und sie erzählte mir, dass die Bibliotheken deutlich weniger besucht seien. Nur eine Besuchergruppe sei quasi unvermindert vertreten: Senioren. Ähnliches erzählte mir eine Schülerin, die im Supermarkt jobbt.

Wir erinnern uns: die Strategie der Schwedischen Gesundheitsbehörde ist: die Senioren und andere Risikogruppen isolieren, damit im nahezu uneingeschränkten Alltag alle anderen einander fröhlich anstecken herdenimmunisieren können. Funktioniert ja anscheinend prima. Mannomann.

Die Zeit: Die Welt steht still. Nur in Schweden nicht

Gleichzeitig liest man die ersten Berichte, dass in Stockholm Krebsoperationen und Kaiserschnitte nicht mehr durchgeführt werden können, weil Personal und Ausrüstung fehlen. Eine befreundete Gynäkologin sagte neulich zu mir: „die Behörden müssten eigentlich viel deutlicher damit rausgehen, dass man jetzt bloß nicht schwanger werden soll. Wir haben zur Zeit keine Ressourcen, eine vernünftige Schwangerschaftsüberwachung durchzuführen.“

Die täglichen Pressekonferenzen geben eigentlich auch nichts Neues mehr… oder doch: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell schickt seit Freitag seinen Chef vor, um dem Volke zu verkünden, man möge bitte in die Armbeuge husten und zuhause bleiben, wenn man krank ist. Er selbst möchte nicht mehr vor die Kameras, weil er ja soooo böse kritisiert wurde für sein Hochrisikoexperiment mit 10 Millionen Menschen und alles was von außen käme, seien doch „nur Dummheiten“.

Dummheiten, wie zum Beispiel die Aufforderung einer Reihe Virologen, Epidemiologen, Statistiker etc., einen unabhängigen Expertenrat einzusetzen, der die Politik beraten solle, anstatt weiterhin nur auf die Meinung Anders Tegnells zu hören. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Und so lauschen wir weiterhin den frommen Ermahnungen der Folkhälsomyndigheten, uns die Hände zu waschen und nach dem Arbeitstag die Frühlingssonne draußen bei gemeinsamem Picknick mit Freunden im Grünen zu genießen…

Nazivergleiche und ein Brief


Gestern wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben als Nazi beschimpft. Weil ich in einem informellen Gespräch mit ein paar Kollegen feststellte, dass alle Länder in Europa deutlich anders mit dem Virus umgehen und ich skeptisch gegenüber der Folkhälsomyndigheten und insbesondere Anders Tegnell sei, fühlte sich ein Kollege bemüßigt, darauf hinzuweisen, dass ich und alle anderen Deutschen genauso argumentieren würden wie Jimmie Åkesson, Parteivorsitzender der rechten „Sverigedemokraten“. Nun ja, Jimmie Åkesson hat tatsächlich das Vorgehen der Gesundheitsbehörde kritisiert, die zur Zeit politische Entscheidungen trifft, anstatt der Regierung beratend zur Seite zu stehen und der Politik die Entscheidungen zu überlassen. Åkesson kritiserte auch, dass Schweden mit seinem Nichtstun gerade ein hochriskables Spiel mit Menschenleben betreibe, während alle anderen europäischen Länder deutlich stärkere Maßnahmen ergreifen.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in einer Sache mit Schwedens oberstem Rechten einer Meinung sein würde. Nun ja, auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn, oder, wie man auf schwedisch sagt: „da hatte er mal Glück beim Denken“. Aber daran sieht man auch, wie politisch explosiv der schwedische Kurs gerade ist: wenn wir in ein paar Monaten Zehntausende Leichen vergraben müssen, können sich die Rechten auf die Schulter klopfen und „Siehste!“ sagen. Und was das für die nächste Wahl 2022 heißt, das will ich mir gar nicht ausmalen…

Ich merke, wie mich das permanente Gegen-die-Wand-Argumentieren in meinem Umfeld mich unglaublich erschöpft. Aber was klage ich über Erschöpfung… wenn ich da an die Ärzte, Krankenschwestern, und alle anderen denke, die bereits jetzt und in den kommenden Wochen und Monaten an vorderster Front kämpfen…

Jonas schrieb gestern eine Email an Joacim Rocklöv. Rocklöv ist Professor für Epidemiologie an der Universität Umeå und argumentiert hartnäckig für einen Strategiewechsel: weg von Herdenimmunität hin zu social distancing*, wie es alle anderen in Europa machen, um den R0-Wert unter 1 zu drücken.

„Wenn mir schon keiner zuhört, weil ich kein Experte bin, dann will ich wenigstens die Experten unterstützen, die dafür kämpfen, dass Schweden umdenkt“ sagte Jonas und schrieb gestern Abend an Joacim Rocklöv: (Übersetzung weiter unten)

20 mars 2020 kl. 21:44 skrev Jonas:

Hej Joacim!

Jag läste återigen en av dina informativa debattartiklar i SvD och jag vill tacka dig och dina kollegor för er insats. Som tysk och svensk medborgare följer jag utvecklingen i båda länderna väldigt intensivt och jag tycker att Sveriges hantering av situationen är förfärlig – inte bara hur man väljer att inte bekämpa viruset tillräckligt mycket, men även hur Folkhälsomyndigheten försöker att trycka ner varje kritisk röst.

Jag behöver inte förklara alla fel som Folkhälsomyndigheten gör just nu. Vetenskapliga fel kan jag som lekman inte bedöma och alla de brister i kommunikationen är ju uppenbara. Jag är inte heller rädd för att bli sjuk. Jag är ung och hyfsat frisk. Resten av min familj är i Tyskland och Schweiz och inte utsatt för vår situation. Men jag är rädd för vad som kommer att hända i vårt samhälle om några veckor om det visar sig att Folkhälsomyndighetens optimism var felaktig och konsekvenserna av regeringens (icke)-agerande kommer att visa sig. Jag är också rädd för ett samhälle som kallar sig för demokratiskt och samtidigt tystar ner en debatt kring ett ämne som kräver drastiska politiska beslut. Hur annorlunda är situationen i Tyskland där media i lugna toner ger medborgarna möjlighet att hänga med i utvecklingen och forskningen så att alla kan bilda sig en uppfattning om situationen istället för att blind tro på en myndighet.

Det är farligt när ett samhälle bara tillåter en enda röst, även och framförallt i en krissituation. Därför ber jag dig och er att inte ge upp debatten, att kämpa vidare för en öppen kommunikation från myndigheten och i media och att regeringen tar ansvar genom att rådfråga den expertisen som finns i Sverige och utomlands.

Jag vet att du måste ägna dig åt annat än att läsa oviktiga mejl, så jag förväntar mig inget svar. Men jag vill säga tack och håll ut!

Med vänliga hälsningar,
Jonas

Übersetzung:

Hej Joacim!

Ich habe gerade wieder einen deiner interessanten Kommentare in SvD [Svenska Dagbladet] gelesen und ich will dir und deinen Kollegen für euren Einsatz danken. Als deutscher und schwedischer Staatsbürger verfolge ich die Entwicklungen in beiden Ländern sehr intensiv und ich finde, dass Schwedens Umgang mit der Situation erschreckend ist – nicht nur wie man entscheidet, das Virus nicht ausreichend zu bekämpfen, sondern auch, wie die Folkhälsomyndigheten versucht, kritische Stimmen unter den Teppich zu kehren.

Ich brauche nicht alle Fehler aufzählen, die die Folkhälsomyndigheten gerade macht. Wissenschaftliche Fehler kann ich als Laie nicht beurteilen und die Mängel in der Kommunikation sind offensichtlich. Ich habe auch keine Angst, krank zu werden. Ich bin jung und einigermaßen gesund. Meine restliche Familie befindet sich in Deutschland und der Schweiz und ist nicht unserer Situation ausgesetzt. Aber ich habe Angst vor dem, was in unserer Gesellschaft in einigen Wochen geschehen wird, wenn sich zeigen wird, dass der Optimismus der Folkhälsomyndighet falsch war und sich die Konsequenzen des (Nicht-)Agierens der Regierung zeigen werden. Ich habe auch Angst vor einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt und gleichzeitig eine Debatte um einen drastischen politischen Beschluss  zum Schweigen bringt. Wie anders ist die Situation in Deutschland, wo die Medien in ruhigem Ton den Bürgern die Möglichkeit geben, die Entwicklungen und den Forschungsstand nachzuvollziehen, so dass jeder sich ein eigenes Bild von der Situation machen kann, anstatt blind einer Behörde zu glauben.

Es ist gefährlich, wenn eine Gesellschaft nur eine einzelne Stimme zulässt, auch und vor allem in einer Krisensituation. Daher will ich dich und euch bitten, die Debatte nicht aufzugeben, weiter zu kämpfen für eine offene Kommunikation durch die Behörden und Medien und dafür, dass die Regierung ihre Verantwortung wahrnimmt und die Expertise zur Kenntnis gibt, die es in Schweden und im Ausland gibt.

Ich weiß, dass du gerade besseres zu tun hast als unwichtige Mails zu lesen und erwarte mir keine Antwort. Aber ich will danke sagen und halte durch!

Mit freundlichen Grüßen,
Jonas

Keine 30 Minuten später kam eine Antwort:

Von: Joacim Rocklöv
Betreff: Aw: Tack!
Datum: 20. März 2020 um 22:12:17 MEZ
An: Jonas
Tack Jonas! Det hjälper.
//

Joacim Rocklöv
Professor of Epidemiology
Umeå University
Nicht schwer zu übersetzen:
Danke Jonas! Das hilft.

*Eine Freundin – ebenfalls Ärztin – wies mich darauf hin, dass physical distancing eigentlich der bessere Begriff sei. Soziale Nähe brauchen wir gerade mehr denn je, auf allen denkbaren Kanälen, nur eben keinen physischen Kontakt.

Bevor wir die Schulen schließen, entscheiden wir, wen wir sterben lassen.


Stand 19. März:

11 Tote in Schweden, 35 Coronafälle auf den Intensivstationen, davon der/die Jüngste 27 Jahre alt. Über 1400 bestätigte Fälle, aber man testet ja auch nur noch neue Patienten im Krankenhaus und das Pflegepersonal – in Stockholm und weiteren 4 Regionen nicht mal mehr das.

Neues Gesetz ermöglicht Schulschließungen

Heute wurde ein neues Gesetz erlassen, das der Regierung die Möglichkeit gibt, bei Bedarf alle Schulen des Landets zu schließen. Man betont gleichzeitig, dass Schulschließungen bis Klasse 9 im Moment keine aktuelle Frage sei. Gleichzeitig arbeitet man an Triageregeln: Alter, Geschlecht und soziale Stellung sollen keine Rolle spielen, wenn man entscheiden muss, wenn man an die zu knappen Beatmungsmaschinen legt. Ausschlaggebend sollen sein das biologische Alter und der allgemeine Gesundheitszustand. Man entscheidet schonmal, wen man sterben lässt, bevor man die Schulen schließt.

Ansonsten das übliche: Keine Schutzausrüstung in den Krankenhäusern, das was es noch gibt, wird im Narkotikaschrank weggeschlossen, hoher Krankenstand in allen Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, die Krankenhausleitungen warnen, dass es katastrophal werden wird und holt pensioniertes Personal aus dem Ruhestand zurück. Oh the irony.

Schweden und der Chefideologeepidemiologe Anders Tegnell setzen weiter auf die Strategie Herdenimmunität. Er lehnte sich heute sogar so weit aus dem Fenster zu behaupten, in Schweden seien bereits über 100.000 Menschen infiziert – woher der alte weiße Mann diese Zahl hat, wenn doch kaum noch getestet wird, ist schwer nachzuvollziehen. Nur die Alten, bestätigte Fälle und wer sonstwie krank ist, sollen zuhause bleiben. Wir anderen sollen unsere Hände waschen und in die Armbeuge husten. Immerhin rät man jetzt auch von Reisen innerhalb Schwedens ab, insbesondere in und aus den Großstadtregionen.

Herdenimmunität, ich kanns nicht mehr hören

Anders Tegnell wird zwar immer lauter von anderen Wissenschaftlern kritisiert (SVT, Svenska Dagbladet), aber dieser Mann ist solch ein Narzisst, der ist vollkommen immun (höhö) gegen jede Form von Kritik. Stattdessen nutzt er die Aufmerksamkeit, die ihm die Kritik einbringt, um weiter seine Parolen zu verbreiten: Kinder würden nicht erkranken und seien keine ernstzunehmende Ansteckungsquelle, wir flachen die Kurve durch Händewaschen ab, niemand wisse, ob die krassen Maßnahmen im Rest von Europa überhaupt etwas bringen würden, blablabla. Es ist UN. ER. TRÄG. LICH.

Im Spiegel lese ich, dass sowohl Großbritannien und die Niederlande von ihrer Herdenimmunität-Strategie ablassen, nur Schweden führt dieses Experiment weiter. Ein Hochrisikoexperiment mit 10 Millionen Versuchskaninchen.

Jetzt kommen die Rechten…

Am ekelhaftesten ist, dass jetzt Jimmie Åkesson, Parteivorsitzender der rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) vor die Presse geht und das Vorgehen der schwedischen Gesundheitsbehörden kritisiert und Schulschließungen fordert. Es ist einfach nur bizarr.

Ein ganz normaler Arbeitstag, irgendwie.

An meinem Arbeitsplats waren wir heute nach wie vor zu zweit. Morgens hatten wir unsere normale Donnerstagskonferenz mit einem unserer Chefs, da waren wir noch drei. Der eine Kollege war aber – nach eigenen Angaben wegen Heuschnupfen – dermaßen am rumschniefen und -rotzen, dass der Chef ihn heimschickte. (Soviel zu: wer irgedwelche Symptome hat, bleibt bitte daheim…) 7 von 10 Schülern kamen heute zum Klavierunterricht, viele erzählen, dass man sich in den Schulen darauf vorbereitet auf Distanzunterricht umzusteigen. Ich hatte heute meine erste Unterrichtsstunde per Videokonferenz mit einer Zweitklässlerin. Es war so naja, wir müssen da alle noch viel lernen, was geht und was nicht.

Ein kurzes Gespräch mit einer Kollegin von der Kulturschule, die es ganz fantastisch findet, dass Schweden so mutig ist, einen anderen Weg zu gehen als der Rest der Welt. Herdenimmunität sei ja sowas tolles, das hätte die Natur ja so vorgesehen. Ich entgegnete, dass die Natur auch vorgesehen hätte, dass jetzt mal ein paar Tausend oder Zehntausend Menschen an diesem Virus sterben werden und der Mensch und die Wissenschaft seit Jahrhunderten daran arbeiten, dass genau das nicht passiert. Beliebt macht man sich so auch nicht bei seinen Kollegen.

Abends ging ich noch bei unserer 86jährigen Nachbarin vorbei und fragte – mit 2 Metern Sicherheitsabstand – ob sie noch was aus dem Supermarkt brauche. Brauchte sie. Klopapier. Wenns geht, gerne das mit den Eichhörnchen drauf. Ich war zunächst besorgt, dass ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen konnte, aber es gab alle Sorten Klopapier: 2lagig, 3lagig, 4er-Pack, 10er-Pack, 20er-Pack, mit Bären, mit Lämmern, mit Eichhörnchen und Unmengen von Schmirgelpapier.

Es gibt wieder Klopapier

Im gleichen Takt wie das Klopapier wieder zunimmt, nimmt die Berichterstattung ab. Die Nachrichtenseiten und Fernsehnachrichten sind nicht mehr ausschließlich monothematisch Corona, sondern nach drei, vier, fünf Corona-Nachrichten kommen wieder Nicht-Corona-Nachrichten. Der Einzelhandel verlegt jetzt mit dem einziehenden Frühling seine Geschäfte auf die Straße, um mehr Leute in die Innenstädte zu locken. Hurra.

What. The. Fuck.

Après-Ski und Distanzunterricht


Jeder Tag beginnt gerade mit einem WTF-Moment, wenn man das erste Mal die Seite von SVT (vergleichbar mit ARD/ZDF) aufmacht. Die erste Schlagzeile, die ich heute (18. März) las, war folgende:

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„Trysil geschlossen – Sälen macht Après-ski mit bis zu 499 Gästen“. Trysil ist ein Skigebiet in Norwegen, Sälen ist Schwedens zweitgrößtes Skigebiet, wo sich ganz Schweden während Februar bis April, Mai tummelt. Apropos regionale Begrenzung…

Anderswo fehlt Klopapier, mir gehen langsam die Tischplatten aus, auf die ich meinen Kopf hauen möchte.

Man befolgt also auch in Sälen die Empfehlungen der Folkhälsomyndigheten. Schön. Nur dass die ja im Wesentlichen immer noch nix anderes sagen als Händewaschen und bei Krankheit zuhause bleiben.

Christian Drosten: „Das kann man vergessen“

Gerade höre ich den sehr empfehlenswerten Podcast von Christian Drosten im NDR (Danke an A. in Umeå für den Tipp!). In der heutigen Folge (Folge 16) zerpflückt er zwischen Minute 24:00-27:00 die Herdenimmunität-Strategie, von der England sich ja am Wochenende verabschiedet hat. Schweden macht weiterhin exakt das, was er in seinem Podcast beschreibt – die Generation 70+, sowie einzelne, bestätigte Fälle isolieren. Nach Drostens Berechnungen kann das bis zu einer achtfachen Überbelegung der Beatmungsgeräte führen. In Deutschland, wohlgemerkt, wo man pro 100.000 Einwohner 29 Intensivbetten hat. In Schweden sind es 5,8 (Quelle). Huiiiii…

Die Situation in den Krankenhäusern

Das Schutzmaterial hier wird knapp, man sucht händeringend nach Desinfektionsmittel und nach allem anderen. Die häusliche Pflege in Borås schickte gestern einen verzweifelten Aufruf an alle Verwaltungen, ob es in irgendwelchen Vorräten noch Desinfektionsmittel gibt. Im Keller vom Kunstmuseum fand sich eine Kiste. Durch Krankheitsausfälle arbeiten gerade sehr viele Vertretungskräfte in der häuslichen Pflege und manche Ältere kriegen innerhalb einer Woche Besuch von 10-15 verschiedenen Pflegepersonen. Apropos die Generation 70+ isolieren…

Meine Freunde, die hier in den Krankenhäusern arbeiten, haben teilweise richtig Angst vor dem, was sie in 2-3 Wochen erwarten wird.

Man warnt davor, dass Blutkonserven knapp werden (nicht wegen des Virus, sondern weil die Leute gerade an anderes denken als ans Blutspenden) und sucht nach Spendern. Ich habe mich heute morgen mal als Blutspender registriert, vielleicht kann ich ja noch spenden gehen, bevor es mich erwischt.

Der Alltag in den Schulen

Rund 50% der Schüler sind im Moment zuhause, immer mehr Klassen werden zusammengelegt, weil auch etwa ein Drittel der Lehrer fehlen. Für mich, die ich hauptsächlich Einzelunterricht betreibe, sind das viiiiiele abgesessene Hohlstunden. Laut Chefs sollen wir in dieser Zeit Konzepte zum Distanzunterricht entwickeln, es herrscht weiterhin physische Anwesenheitspflicht am Arbeitsort für alle Gesunden, unser Einsatz sei ja so wahnsinnig wichtig für die Gesellschaft. Heute nachmittag waren nur der Lieblingskollege und ich in der Musikschule, die anderen 5 Kollegen, die im selben Haus arbeiten, blieben zuhause. Über den Tag verteilt hatte ich heute 4 Schüler. Ich sach mal so: das ist auch ne Art von Quarantäne.

Stichwort Distanzunterricht: Ich experimentiere nach wie vor mit Zoom und Skype und habe heute mit Freunden in Deutschland zusammen über Skype musiziert. Jaahaa, es ist nicht optimal, aber ich denke immer, es ist ja nicht für immer und besser, als meine Schüler jetzt auf unbestimmte Zeit gar nicht treffen, ist es allemal. Es scheint viel am richtigen Equipment – Lautsprecher, Mikrofon, schnelles Internet – zu liegen, ob man miteinander musizieren kann oder nicht. Alles was sprachbasiert ist, funktioniert super, jedenfalls mit Zoom. Spontan denke ich, ich möchte lieber „live“ vor der Kamera unterrichten als Videos für Youtube (oder eine beliebige andere Plattform) zu produzieren, da mein Unterricht sehr stark individualisiert ist. Meinungen dazu?

Ideen sammeln

Man wird ja kirre, wenn man den ganzen Tag Nachrichten liest und so saßen der Lieblingskollege und ich heute in unseren Hohlstunden bei selbstverordneter Medienabstinenz und überlegten ganz pflichttreu, wie man die Zeit mit den Schülern, die kommen, sinnvoll füllen könnte. Minikonzerte ohne Publikum war eine Idee, die wir in unser örtliches Altenheim streamen. Grundsätzlich ermuntere ich gerade alle meine Schüler dazu, sich aufzunehmen und die Filmchen an Oma und Opa zu schicken, die gerade nicht raus dürfen.

Eine weitere Idee war, mit kleineren Gruppen auf dem Hof vor unserem Altenheim zu spielen. So ein Saxofonquartett tönt ja auch unter freiem Himmel recht ordentlich, vielleicht reicht es, dass man einfach das Fenster aufmacht. Wettertechnisch ist das aber sowieso erst nach Ostern aktuell und wer weiß, was bis dahin so los ist.

Selbst gedachten wir, mit unserem Duo Clariano mal bei der Kirche anzufragen, ob es da Interesse für ein gestreamtes Konzert gibt.

Habt ihr weitere Ideen für Distanzunterricht in der Musikschule? Tipps für datenschutzkonforme Streaminglösungen?

Ich und mein Aluhut


Ein kurzes Update am Abend: Dänemark begrenzt Versammlungen auf 10 Menschen. In Schweden machen die Busse nur noch die hinteren Türen auf. (Letzteres mit ausdrücklicher Erklärung, dass das keine Anweisung der Gesundheitsbehörde sei und nichts mit dem Ansteckungsrisiko zu tun habe, sondern nur auf Wunsch der Busfahrer geschehe.)

Bei der heutigen Presskonferenz wurde dann tatsächlich verkündet, dass jetzt die Gymnasien (im schwedischen Schulsystem bedeutet das: alle Schulen für 16-18-jährige) und die Universitäten auf Distanzunterricht umsteigen. Kindergärten und Grundschulen (also bis Klasse 9) machen normal weiter. Eine Schließung von Kindergärten und Grundschulen sei weiterhin nicht aktuell, was in der Zukunft geschehe, wisse man aber nicht.

Bei unserem Arbeitsplatz hat Jonas heute in seiner Funktion als Personalrat und Arbeitsschutz-Ansprechpartner (skyddsombud) eine Mail an unsere Chefs geschrieben und gefordert, dass wir aufhören, mit der Kulturschule weiterhin einen Treffpunkt für alle Kinder und Jugendlichen der Kommune Borås zur Verfügung zu stellen, wo man fröhlich seine Viren miteinander austauscht. Daraufhin wurde tatsächlich ein spontanes Treffen mit allen Gewerkschaftsvertretern/Personalräten einberufen und über die nähere Zukunft diskutiert. Der Kompromiss, der schließlich dabei rumkam war: Keine Konzerte bis zu den Sommerferien und keine Gruppen über 10 Teilnehmer bis Ostern. Ansonsten machen wir weiter wie gehabt. Es gibt tatsächlich Stimmen von Kollegen, die da sagen: „Wenn jetzt die Schulen zumachen, ist es wichtig, dass wir als Kulturschule extra viele Aktivitäten anbieten, die Kinder und Jugendlichen haben ja sonst keine Möglichkeit, sich zu treffen.“ Kopf -> Tischplatte.

Jonas kam aus der Konferenz und sagte: „die glauben jetzt alle, ich hätte einen Aluhut auf, weil ich sage, dass es auch noch andere wissenschaftliche Meinungen als Anders Tegnell gibt.“ Er hat sich dem Beschluss, weiter Unterricht stattfinden zu lassen, widersetzt, war damit aber in der Minderheit. Zumindest bestand er darauf, dass es im Protokoll festgehalten werde, dass er diesen Beschluss nicht unterstützt. Aber nutzen tut das auch niemandem, außer seinem Gewissen, diesen Wahnsinn nicht unterstützt zu haben.

Ich hatte abends Treffen mit dem Vorstand vom Elternverein wegen unserer Italienreise im Juni. Auch hier kein einheitliches Meinungsbild, manche halten immer noch daran fest, dass wir im Juni mit 45 Jugendlichen eine Woche an den Gardasee fahren sollten. Den Ausschlag gab schließlich eine Mutter, die sehr deutlich sagte, dass sie niemals ihr Kind auf eine Reise mitschicken würde in ein Land, dessen Gesundheitssystem und Infrastruktur bis dahin wahrscheinlich nicht voll funktionsfähig seien und dass wahrscheinlich viele Eltern ähnlich denken würden.

Praktisch sah es heute so aus, dass in den Schulen ungefähr 50% der Schüler fehlten und auch etwa 1/3 der Lehrer. Zu mir kam heute ebenfalls nur knapp die Hälfte meiner Schüler, den Rest der Zeit sitzt man dumm rum. Eine ganz treue Schülerin, die starke immunsupprimierende Medikamente nimmt, rief an und fragte, ob viele Leute da seien, und ob sie den Hintereingang nehmen könnten, damit sie nicht durch mein Wartezimmer müssten. Meine Antwort war: kommt, wann ihr wollt, das Haus ist leer. Sie kamen und die Mutter desinfizierte erstmal meine Tasten. Das würde ich auch gerne nach jedem Schüler machen, aber es gibt kein Desinfektionsmittel mehr. Ich probiere es gerade mit Fensterreiniger, für die Psyche.

Die oberste Chefin der Kulturverwaltung gibt derweil Durchhalteparolen an alle Angestellten aus, wie unglaublich gesellschaftswichtig wir doch seien, wir, die wir noch gesund zur Arbeit erscheinen und dass wir keine Fake-News verbreiten sollten, sondern nur die Vorgaben der Gesundheitsbehörde weiterkommunizieren sollen. Es ist surreal.

Nationalfeiertag 2019 – mit Diplom


Schon vor einigen Wochen hatten wir im Briefkasten eine offizielle Einladung der Kommune zu den Nationaltagsfeierlichkeiten am 6. Juni. Am Tag der Schwedischen Flagge (Svenska flaggans dag) heißt das Land seine neuen Staatsbürger*innen willkommen. Unsere schwedische bzw. doppelte Staatsbürgerschaft und unsere Pässe haben wir seit Oktober letzten Jahres.

Im Stadtpark war ein große Bühne aufgebaut, sowie ein eigenes Zelt just für sogenannte „Neuschwed*innen“ wie uns. Dort erwarteten uns einige Lokalpolitiker*innen mit Kaffee und Sahnetörtchen und jede*r Neuschwed*in bekam ein Stofftüte mit Borås-Devotionalien (Werbebroschüren, Schlüsselband, etc.), sowie einen Anstecker. Auch die obligatorische Urkunde (schwed.: Diplom) durfte natürlich nicht fehlen.

Am Nachmittag marschierte dann die Boråser Hemvärnet, der schwedische Reservistenverbund in Flecktarn bzw. das Blasorchester in Gardeuniform ein.
Kann man mögen. (Muss man aber nicht.)

Auf der großen Bühne im Stadtpark war dann eine gute Stunde Festakt mit Kinderchor, Militärorchester, Gesangssolist, und Festrede. Letztere wurde gehalten von der Vorsitzenden des regionalen Feuerwehr- und Rettungsverbundes und handelte von Präventivmaßnahmen bei Brand und anderen Unglücksereignissen und endete mit der Ermahnung, dass man die 112 nicht zum Spaß anrufen solle. Eine sehr festliche Themenwahl… Oder so.

Die letzten Jahre hatte ich jedes Jahr am Nationalfeiertag einen Gig in der Nachbarstadt Ulricehamn und bin froh, dass der Tag nicht überall so militärisch begangen wird wie in Borås, sondern der Aspekt der Integration in anderen Kommunen weitaus mehr betont wird.

Wie auch immer, es ist der Gedanke, der zählt. Für uns ist das Kapitel Einbürgerung damit jedenfalls endgültig abgeschlossen, zumindest formal.

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Saisoneröffnung auf dem Eis


Am Samstag beim Spaziergang bot sich uns von „unserem“ Vogelturm diese Aussicht:

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Fast der gesamte See war zugefroren, nur um die Flussmündung am Vogelturm war noch offenes Wasser. Wir sind ja seit einer Woche wieder voll am Arbeiten, wir hatten irgendwie gar nicht mitbekommen, dass es offensichtlich doch so kalt gewesen war.

In unserer Badebucht, wo es sehr flach ist, waren auch schon Spuren auf dem Eis, allerdings nur in der Uferzone. Das ist kein gutes Zeichen, wir verlassen uns da lieber auf den Menschenradar. Wenn viele auf dem See sind, trauen wir uns auch, sonst nicht. Es fiel wirklich schwer gestern, denn es wäre perfektes Eis zum Schlittschuhlaufen gewesen: quasi schneefrei und ganz klar, sodass der See darunter ganz schwarz leuchtete. Das Bild oben ist im Gegenlicht fotografiert, daher wirkt das Eis eher weiß, in der anderen Richtung war das Eis quasi blau (aber mein Akku leer).

Heute morgen textete ich einen Kollegen an, der regelmäßig Schlittschuh läuft und der empfiehl uns einen kleineren See, den wir bisher noch nicht kannten, etwa 25 Minuten mit dem Auto entfernt. Und siehe da…

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Viel los war auch dort nicht, aber das lag wohl eher daran, dass der See so abgelegen liegt. Aber offensichtlich waren wir nicht die ersten: mindestens ein Quad war schon auf dem Eis gewesen und wenn Leute ihre Kinder im Schlitten übers Eis ziehen, dann ist es wohl sicher.

Zwar hatte es auf dem Eis etwas geschneit und es war nicht so superglatt, aber für eine Saisoneröffnung reichte es trotzdem:

 

Der Vorteil von Eislaufen gegenüber normalen Winterspaziergängen ist, dass man so viel Sonne abkriegt. Die meisten Wanderwege hier führen ja irgendwie durch Wald oder am Waldrand entlang, da muss man schon Glück haben, im Winter ein paar Sonnenstrahlen abzukriegen. Aber heute, bei knapp unter 0°C und strahleblauem Himmel auf dem Eis – herrlich!