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Sommerurlaub 2020 (mit Abstand)


Seit zweieinhalb Wochen arbeiten wir wieder.

„Wieder“ nicht im Sinne von „nach Corona“ sondern im Sinne von „nach den Sommerferien“. Acht Wochen hatten wir davon. Einen Teil davon haben wir im Wohnmobil verbracht (mit unserer Campingkatze), ein paar Tage mit Freunden zusammen gecampt, andere Freunde in Umeå besucht, sind viel durch einsame Natur gewandert, haben in einsamen Seen gebadet und gepaddelt, auf einsamen Stellplätzen gestanden, in Sommercafés mit viel Abstand Kuchen und Eis gegessen. Besonders schön war die Zeit mit zwei Gästen aus Deutschland, die sich Anfang August bei niedrigen Infektionszahlen in beiden Ländern hierher getraut haben und mit uns zusammen wandern, baden, paddeln und Kuchen essen wollten.

Wahrscheinlich hätten wir den Sommer auch ohne Corona kaum anders verbracht.

(Aufs Bild klicken zum Vergrößern und Text lesen.)

Valborgsmässoafton


Das Wichtigste zuerst: der Link zu unserer kleinen Valborgsmässoaftonsendung. Heute Abend um 18.00. Mit unter anderem dem Orchester, dessen Leitung ich mir mit dem Lieblingskollegen teile und unserem Duo, Duo Clariano. Außerdem die beiden Pfarrer im Ort (die vier Kinder des einen habe/hatte ich alle als Schüler) und zwei sehr engagierten Damen aus dem Ort.

Valborgsmässoafton ist kein religiöses Fest. Es ist nur Zufall, dass dieses Jahr die eine Kirche für die Ausrichtung des Festes verantwortlich war und das Festkommittee den Pfarrer der anderen Kirche als Festredner bestimmte, daher die hohe Dichte an Pfarrern an diesem weltlichen Feiertag.

Ansonsten gibts hier nicht viel Neues zu berichten. Ich huste und habe leichtes Fieber, Jonas ist fit wie ein Turnschuh und bei der Arbeit. Er war gestern nochmal Großeinkauf für zwei Wochen machen, für alle Fälle. Er ist ins Gästezimmer umgezogen und ich habe ihm verboten, die Virenhöhle aka Schlafzimmer zu betreten. Essensmäßig bin ich auf die 3P-Diät umgestiegen: Pizza, Pfannkuchen und Plattfisch. Hilft das gegen Covid? Nein, aber man kann es unter der Tür durchschieben.

Im Ernst, er darf mir das Essen nur vor die Tür stellen und ansonsten skypen wir zwischen Nordflügel und Südflügel unseres Anwesens. Hust hust.

Apropos Essen: Jonas fantastische Kochkünste sind gerade Perlen vor die Säue, mein Geruchssinn ist quasi unbefindlich. Der Apfelzimt-Milchreis, den er mir zum Frühstück kredenzte, hatte zwar eine augezeichnete Konsistens, schmeckte aber ansonsten nach Pappe. Ähnliches galt für die Kartoffelsuppe, die schmeckte immerhin noch nach Salz.

 

Herdenimmunität – und ich bin dabei!


Es war ja nur eine Frage Zeit, bis auch ich meinen persönlichen Beitrag zur Herdenimmunitätsstrategie unseres Staatsepidemideologen Anders Tegnell leisten würde. Aber dass ich gleich solch ein early adopter sein würde… wer hätt’s gedacht.

Ich dachte ja, das fängt an damit, dass man jemanden kennt, dessen Arbeitskollege jemanden kennt, der… Aber – nein. Außer meinen deutschen Ärztefreunden, die hier auf der Intensivstation arbeiten, kenne ich niemanden, der von sich sagt, dass er/sie Covid-19 hatte oder jemanden kennt, der es hatte oder oder jemanden kennt, der jemanden kennt… Nun kann das ja auch niemand wirklich sicher von sich behaupten, der nicht einen positiven Test gemacht hat, aber ich dachte wirklich, ich würde erst mal eine Zeit von Fällen hören, bevor… naja, whatever. War nicht so. Bin die erste.

Am Dienstag wachte ich mit einem leichten Kratzen im Hals auf und dachte zunächst, dass ich am Montagabend bei unserer Orchesterprobe draußen im Regen zuviel, zu lange, zu laut geredet hatte und deswegen heiser sei. Im Laufe des Vormittags kamen dann Halsschmerzen, also den Unterricht für den Tag abgesagt. Am Nachmittag gesellte sich dann Husten dazu, am Abend Fieber.

Heute habe ich den ganzen Tag quasi ununterbrochen gehustet, sehr trocken, sehr schmerzhaft. Dazu leichtes Fieber und starke Kopfschmerzen. Klingt nach Jackpott.

Aber ich werde es wahrscheinlich nie erfahren, denn ich werde nicht auf Covid-19 getestet werden – zumindest, solange ich nicht ins Krankenhaus muss.

Ich habe heute bei der nationalen Gesundheitshotline angerufen – 55 Minuten Wartezeit – da der Selbsteinschätzungstest auf der Seite des Gesundheitsportals mir einen Anruf aufgrund meiner Symptome empfahl. Die Krankenschwester am anderen Ende der Leitung war sehr professionell nett und offensichtlich sehr Callcenter-geschult, hat mich aber auch nur mit den erwartbaren Floskeln abgefüttert. Ja, alle meine Symptome würden zu Covid-19 passen, aber ich solle mir keine Sorgen machen, es könnte ja auch ein normaler Schnupfen sein. Testen? Nur wenn ich in der Pflege arbeiten würde, allen anderen würde der Test „nichts bringen“.

Außerdem solle ich mir die Hände waschen und in die Armbeuge husten und auf keinen Fall unter Leute gehen. Mein Mann könne jedoch weiter arbeiten gehen, solange er keine Symptome habe.

Zu meiner Frage, ob ich die Leute, die ich am Montag noch getroffen habe, informieren sollte, meinte sie, dass sei nicht nötig, schließlich sei man ja nur ansteckend, wenn man Symptome habe (!).

Zur Linderung meiner Symptome empfahl sie mir regelmäßig essen, viel Tee trinken und bei Bedarf fiebersenkende Mittel. Soforn es mir nicht nennenswert schlechter gehe, solle ich die Sache zuhause aussitzen. Abwarten und Tee trinken. Buchstäblich. Das kann ich durchaus kaufen, was will man auch machen. Ich weiß selbst nicht genau, was ich mir von dem Anruf eigentlich erwartet habe, außer den üblichen Floskeln.

Natürlich ging ich im Kopf die letzten Tage durch, wenn ich zuletzt getroffen habe und ob ich jemanden vor Ausbruch der ersten Symptome angesteckt haben könnte. Schließlich entschied ich mich, drei Leute anzufrufen, die ich am Montag länger getroffen habe und von denen ich weiß, dass sie wiederum viele Kontakte haben.

Erst im zweiten Schritt kam mir die Frage „woher hab ich den Scheiß eigentlich?“ Ich habe mich die letzten zwei Wochen nur zwischen Zuhause und Schule aufgehalten und einmal ein Besuch im Supermarkt, ansonsten nur im leeren Wald. Ich habe immer brav Abstand gehalten, mir die Hände wundgewaschen und mir von niemandem ins Gesicht husten lassen. Ich habe keine singuläre Situation erlebt, wo ich dachte „oh, oh, das war jetzt nicht gut“ – kein erkälteter Schüler, keine Gedrängesituationen oder Ähnliches, wo die schwedischen Maßgaben sagen würden, dass es zu vermeiden sei. Keine singuläre Situation, das nicht, dafür mein permanentes („deutsches“) Grundunwohlsein, über das ich hier ja auch mehrfach geschrieben habe. Klavierschüler treffen. Gesamtlehrerkonferenzen mit 48 Lehrern. Blasorchesterproben im Freien.

Nun hab ich also aller Wahrscheinlichkeit die Scheiße an der Backe Covid-19. Zu eurer Beruhigung: im Moment gehts mir „den Umständen entsprechend gut“. Ich halte euch auf dem Laufenden. Hab ja jetzt Zeit dazu.

Valborgsmässoafton im Netz


Normalerweise feiert man in Schweden am Abend des 30. April Valborgsmässoafton, Walpurgisnacht. Bei uns sieht das in Nicht-Corona-Zeiten so aus, dass im Park ein paar Zelte aufgestellt werden, wo lokale Vereine ihre Vereinkassen aufputzen durch Würstchen- und Popcornverkauf usw., mein Orchester wechselt sich auf der Bühne mit dem Kirchenchor ab, zwischendurch hält die Lokalprominenz die sogenannte Vårtal, (Frühlingsrede) und die Pfadfinder kümmern sich darum, gesammelte Gartenabfälle in ein großes OsterWalpurgisfeuer zu verwandeln. Zur Tradition gehört auch, dass es vorher wochenlang warm und sonnig ist, aber just an diesem Tag Regen, Wind und einstellige Temperaturen herrschen.

Da sogar in Schweden zur Zeit keine Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern stattfinden dürfen, wird unsere diesjährige Valborgsmässoaftonfeier ins Netz verlegt.

Dafür standen der Lieblingskollege und ich gestern vormittag einige Stunden vor der Kamera. Da der Kirchenchor aufgrund seiner Altersstruktur gerade gar nicht probt, sprangen wir als Duo Clariano kurzfristig ein und nahmen ein paar Stücke auf. Das klingt jetzt so locker fluffig, aber wir haben dafür kein Tonstudio zur Verfügung, sondern die Aufnahmen fanden in der Kirche statt. Woran weder wir noch der Tontechniker-Kameramann-Pastor vorher gedacht hatten, war, dass im Vorraum der Kirche gerade die Toiletten renoviert und umgebaut werden, so mit Wände einreißen und so. Und bevorzugt, wenn wir gerade den Schlussakkord oder leise Passagen spielten, fiel draußen wieder ein Stück Wand dem Vorschlaghammer zum Opfer und wir konnten wieder von vorne beginnen. Vor der Mittagspause hatten wir dann aber doch knapp dreißig Minuten Programm im Kasten. Ich bin so mittelmäßig zufrieden mit der (musikalischen) Qualität, aber in Anbetracht der kurzen Vorbereitungszeit war das eben das, was gerade drin war.

Abends hatten wir Probe mit unserem Orchester (draußen, wegen Abstand und so) und auch hier war der Plan, ein paar Stücke aufzunehmen. Natürlich begann es pünktlich zu Probenbeginn an zu regnen, auch online wird diese Tradition nicht vernachlässigt. Wir haben aber ganz tolle Jugendliche, die das ohne Murren und Klagen mitgemacht haben. Herzchenaugensmiley.

Die ganze Sendung mit Frühlingsrede, Musik und Musikquiz zum Mitmachen wird am Donnerstag nachmittag/abend auf den Youtubekanälen der Kirchen bei uns im Ort online gestellt: Klick.

„Komische Handlungsregularien“


Trotz unserer vielen schönen Wanderungen hier im Blog – es ist nicht so, dass uns Corona inzwischen kalt lässt. Und mit „uns“ meine ich Jonas und mich. In unserer Umgebung nimmt das Thema hingegen gefühlt mehr und mehr ab. Wir haben einen wundervollen Frühling (wenn auch zu trocken), die Menschen sind draußen, Restaurants, Cafés und Frisörsalons sind geöffnet. Lediglich Oberstufenschüler und Studenten müssen von zuhause aus lernen und studieren. Homeoffice ist inzwischen wieder eher ein nettes Gimmick für die, die das möchten und wo der Arbeitgeber mitmacht (erfreulicherweise ist die Arbeitswelt in Schweden im Allgemeinen sehr gut digitalisiert). Aber nach ein paar Wochen finden viele das jetzt auch nicht mehr so geil wie am Anfang, also geht man doch wieder zum Job.

In der Kulturschule hatten wir ja vor gut einem Monat immerhin die Direktive bekommen, Gruppenunterricht mit über 10 Schülern zu pausieren. Sogar das wurde jetzt nach Ostern wieder aufgehoben. Wir Lehrkräfte sollen jetzt nach eigener Fantasie den Gruppenunterricht so gestalten, dass wir dabei den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde nachkommen (die da im Wesentlichen nach wie vor unverändert sind: Hände waschen, in die Armbeuge husten, Abstand halten, bei Symptomen zuhause bleiben).

Ich habe losgeprustet vor Lachen (natürlich in die Armbeuge) über die Absurdität, als ich heute Abend den neuesten Drosten-Podcast hörte:

„Dann haben wir zusätzlich gerade diese vielen relativ freien Interpretationen von allen Seiten der Gesellschaft, die plötzlich kommen. […] ich sehe daran, wie viel Fantasie in allen Bereichen der Wirtschaft entsteht, wie man durch komische Handlungsregularien, die man sich selber auferlegt – mit Masken oder Händewaschen und so weiter – Situationen beeinflussen will, wo man offensichtlich sagen muss: Nein, das geht einfach nicht. Das nützt nichts, wenn man sich da ab und zu mal die Hände wäscht. Oder wenn man manchmal eine Maske aufsetzt. Es ist eine Situation, das ist eine Massenansammlungen von Menschen. Das kann man nicht machen, wenn man will, dass die R in Deutschland nicht wieder über eins kommt. Ich würde mich bei diesen vielen Einzelauslegungen dieser Maßnahme nicht wundern, wenn wir über den Mai und Ende Juni hinein plötzlich in eine Situation kommen, die wir nicht mehr kontrollieren können, wenn wir nicht aufpassen.“

Quelle: Christian Drosten, Coronavirus-Update, Folge 34, 22.4.2020

Komische Handlungsregularien, das trifft den Nagel auf den Kopf. Es kleidet mein eigenes Unbehagen in Worte, wenn ich mit Zollstock bewaffnet 30 Stühle und Notenständer in die Wiese stelle, um in der Abendsonne zu proben. Blasorchester, ausgerechnet. Aber mit dem Wort Aerosol können hier nur wenige etwas anfangen. (Ja, ich habe überlegt, das Orchester ausfallen zu lassen, aber das wäre Arbeitsverweigerung und ein Kündigungsgrund. Das kann ich mir gerade nicht leisten. Der Arbeitsmarkt für freiberufliche Musiker, der ist nämlich gerade definitiv am Boden. Auch in Schweden.)

Oder wenn ich vor jeder neuen Unterrichtsstunde die Tasten meines Klavieres mit Fensterreiniger „desinfiziere“. Manchmal bekomme ich vom Arbeitgeber auch Desinfektionstücher.

Oder wenn ich meinen Chef frage, ob wir denn eigentlich gerade wirklich jede Woche eine Gesamtlehrerkonferenz in geschlossenen Räumen abhalten müssen, da wir doch definitiv die Strukturen für digitale Meetings hätten und ich zur Antwort bekomme, dass die Grenze für Versammlungen bei 50 Personen sei, unser Arbeitsplatz aber nur 48 Mitarbeiter habe und er jetzt meine Frage nicht verstehe, man folge ja schließlich den Empfehlungen der Gesundheitsbehörde.

Apropos Gesundheitsbehörde, apropos Absurdität, apropos Unbehagen: Am Dienstag wartete die Gesundheitsbehörde mit Knüllerzahlen in der täglichen Presskonferenz auf. Meistens lese ich nur einmal am Tag die Zusammenfassung, just am Dienstag saß ich aber im Auto und hörte den größten Teil der Pressekonferenz. Da haben die doch tatsächlich verkündet, dass nach ihren Modellierungen auf jeden bestätigten Fall 1000 milde, nicht getestete Infektionen stattfinden würden. Schweden hatte an dem Tag knapp 16 000 bestätigte Fälle (und 10 Millionen Einwohner).

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Ich rechnete kurz im Kopf nach: 16 000 x 1000 = 16 000 000.
16 Millionen Infektionen und das bei nur 10 Millionen Einwohnern in Schweden, das ist eine beeindruckende Durchseuchungsrate von 160 Prozent. Klassenziel Herdenimmunität mit Bravour erreicht, würde ich sagen!

Ironiemodus wieder aus: Heute wurde die Zahl in der Modellierung auf 75 korrigiert, es war tatsächlich ein Eingabefehler, das gab man auch zu. Nun also pro 1 bestätigtem Fall 75 unentdeckte Fälle. Immerhin. Mit den heutigen (23. April) 16 755 Fällen wären das immer noch 1,25 Millionen Infektionen bei 10 Millionen Einwohnern. Für den 1. Mai erwartet man, dass 26 Prozent der Einwohner Stockholms infiziert sein werden.

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Was sagt Drosten eigentlich zum Thema Herdenimmunität?

„Aus all diesen Gründen will ich hier keine exakten Zahlen rechnen, sondern ich will nur sagen, die Botschaft aus dieser Studie ist, die können wir auch für uns annehmen: Wir haben im ganz niedrig einstelligen Bereich die Antikörper-Prävalenz. Und das ist das, was man auch aus anderen Ländern im Moment hört, in anderen europäischen Ländern. Auch in Deutschland gibt es erste Kollegen im Labormedizinbereich, die sagen, wie ihre Zahlen aussehen, und wir selber betreiben auch ein großes Labor. Wir haben einige Tausend ELISA-Teste gemacht. Das ist auch der Eindruck, den ich hier nennen kann, ohne genaue Zahlen nennen zu wollen. Wir bewegen uns in all diesen Situationen, nicht nur in Deutschland, immer dort, wo Labore sind, die schon viel getestet haben, in diesem Bereich bei zwei Prozent, vielleicht mal drei Prozent. Aber dann muss man dazusagen, eigentlich sind bestimmte Sachen, die man abziehen muss, noch nicht abgezogen. Also wir haben keine Situation, wo man sagen könnte, hier besteht schon eine nennenswerte Herdenimmunität. Wir sind überhaupt nicht in der Nähe einer Herdenimmunität.“

Quelle: Christian Drosten, Coronavirus-Update, Folge 33, 20.4.2020

Ich bin keine Virologin, keine Ärztin, keine Wissenschaftlerin. Ich bin nur neugierig. Ich lese viel, ich konsumiere viel (zu viele) Nachrichten, deutsche wie schwedische, und ich beobachte, was um mich herum geschieht. Und ich kriegs im Kopf nicht überein. Ich kann nicht beurteilen, wer da recht hat, aber „26 Prozent“ vs „ganz niedrig einstelliger Bereich“, das ist schon ein ziemlicher Unterschied.

Ich höre auf der Pressekonferenz Menschen fragen, wann denn in Schweden der Lockdown gelockert werde, die anderen Länder in Europa würden ja jetzt auch ihre Restriktionen lockern und denke: welcher Lockdown??? Das bisschen Abstand halten und Händewaschen?

Ich sehe beim Joggen eine Traube von 25, vielleicht 30 Senioren auf dem Wanderparkplatz stehen. Sollen sie wandern wenn ihnen gut tut, es gibt nichts Schöneres gerade und es gibt soooo viele Flecken wo man dabei niemandem auf die Füße tritt. Aber dafür extra ein Treffen mit 25 anderen organisieren?

Gleichzeitig hört man aus den Krankenhäusern nichts Gutes. Ja, Intensivbetten und Respiratoren gibt es noch, wenn auch zum Teil aus den 80ern vom Krankenhausdachboden runtergeholt. Aber kaum Schutzausrüstung, Beatmungsschläuche, Betäubungsmittel und vor allem intensivmedizinisch ausgebildetes Pflegepersonal. Und Menschen über 80 werden einfach mal gar nicht intensivmedizinisch versorgt.

Bei Markus Lanz war gestern ein deutscher Arzt aus Nordschweden zugeschaltet, der die Lage sehr anschaulich beschreibt (ab 54:48). (Lanz‘ Geplapper hingegen finde ich unerträglich, die Überleitung „Weil Sie sagen ‚Gastronomie‘, ich habe da einen interessanten Gesprächspartner für Sie, einen Arzt aus Lappland“ war ööööh… ja.)

Wie kann man nach einer noch weiteren Lockerung der Maßnahmen fragen, wenn die Kurve der Todesfälle pro Einwohner steil nach oben geht?

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Corona-Wanderungen: Autobahnraststätte Boråstorpet


Vor zwei Wochen mussten wir mit dem Wohnmobil zur besiktning, zum TÜV. Da wir wegen der Fahrzeughöhe damit in eine Werkstatt müssen, die ein Stück außerhalb von Borås liegt, mussten wir ein Stück Autobahn fahren. Wenn ihr mal die Autobahn „Riksväg 40“ von Göteborg Richtung Jönköping fahrt, empfehlen wir einen Stopp an der Raststätte „Boråstorpet“, die bereits mehrfach zu Schwedens schönster Raststätte gekürt wurde.

Raststätte Boråstorpet an der Autobahn R40 Göteborg-Jönköping. Bild: https://hemslojden.org/forening/borastorpet/

Während der Sommermonate wird in dem historischen Gebäude der Raststätte „hantverk“ verkauft: Geschnitztes, Geschmiedetes, Gestricktes, Genähtes und man kann sehr schön seinen Kaffee am See trinken. Es gibt auch ein paar kleinere Spazierwege. Einer davon führt einen Fußgängertunnel unter der Autobahn, durch einen Trollwald an einen See, den Stora Kolsjö, ca 1 km von der Raststätte. Hier könnte man im Sommer sogar baden, doch als wir Mitte März dort waren, war der See noch gefroren.

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Wenn es nicht so nahe an zuhause wäre, ich würde meine Reisen immer so planen, dass ich hier anhalten müsste!

Corona-Wanderungen: Am Fluss entlang


Am gestrigen Freitag mussten wir irgendwie den Beginn unserer Osterferien feiern. Auf dem Heimweg vom Job, 3 km vor zuhause, fuhren wir einen kleinen Umweg, ließen das Auto am Wegesrand stehen und wanderten eine für uns völlig neue Strecke. Dass wir nach über 7 Jahren so nah von zuhause noch unbekannte Strecken finden, sagt mehr über unsere Umgebung als über uns!

Der Weg führte über sonnige Wiesen, immer am Fluss entlang. Dann über ein idyllisches Brückchen und auf der anderen Flussseite wieder zurück. 3,2 km, ein netter Feierabendspaziergang.

Die Strecke war kein beschilderter Weg, sondern ein Geheimtipp von Freunden, die dort wohnen. Daher auch keine genauere Wegbeschreibung, sondern nur ein kleines Video (Zum Vergrößern draufklicken.)

Dringend wiederholenswert!

Corona-Wanderungen: Um den Pickesjön


Es ist ja nicht so, dass wir hier in Schweden nach wie vor das ganz große Freizeitangebot hätten, auch wenn wir hier keinen Lockdown haben wie viele andere Länder. Gerade kulturmäßig geht hier in Schweden auch nichts mehr, jedenfalls nicht offline. Bleibt uns noch das andere: raus in die Natur. Und – ich weiß, das ist jetzt für viele von euch schwer zu hören – was das angeht, sind wir hier wirklich privilegiert. Nach über sieben Jahren am selben Ort sind Jonas und ich zwar auch schon etwas „hemmablind“ geworden – also blind für die Schönheit dessen, was vor der eigenen Haustür liegt – aber nach wie vor können wir hier immer noch neue Wege entdecken, ohne vorher weite Strecken mit dem Auto zurücklegen zu müssen. Und das Angebot ist groß, man tritt sich also nicht auf die Füße.

Weil wir unsere Hausstrecke – eine Runde ab Haustür von ca 60 Minuten durch überwiegend Naturschutzgebiet – aber gerade auch etwas satt haben, haben wir dieses Frühjahr sehr aktiv begonnen, neue Gebiete zu erkunden. Zusammen mit dem Lieblingskollegen und seiner Frau haben wir jetzt einen ganzen Stapel an Wanderungen vor uns, die wir dieses Jahr abarbeiten wollen.

Heute zum Beispiel haben wir den Pickesjön umrundet.

 

Vom Parkplatz am „Regementet“, der alten Kaserne, ging es am Schießübungsplatz vorbei (dort tummelten sich die Rentner), teils über geschotterte Waldwege, teils Wanderwege bis zum Wanderparkplatz Pickesjön. Ca 30 Autos, aber das verläuft sich dort. Um den See einige schöne Grillplätze und Aussichtsplätze. Leider hört man die Autobahn bei ungünstigem Wind ziemlich gut und der See ist relativ stadtnah, daher an Sommerabenden vermutlich alles andere als einsam…

Frühlingszeichen: Huflattich und Wildgänse. Wiederholenswert!

Vom Zusammenhang zwischen Klopapier und Anwesenheit beim Klavierunterricht und andere (Nicht-)Neuigkeiten


Stand 31. März:

4435 bestätigte Fälle, davon 358 auf den Intensivstationen. Bisher 180 Todesfälle. Allein die Region Stockholm hat rund 2000 Fälle und 103 Todesfälle. (Zahlen von der schwedischen Folkhälsomyndighet).

Das Leben für uns geht im Wesentlichen unverändert weiter. (Was für ein unglaublich mitreißender Einleitungssatz!)

Die Nachrichtenlage

Am Freitag wurden Versammlungen über 50 Personen verboten. Die Nachricht kam nachmittags, während ich mit knapp 50 Kollegen in der wöchentlichen Konferenz saß. Die Nachricht wurde mit allgemeinem Schmunzeln aufgenommen, Konsequenzen hatte sie bis heute nicht.

Auf Landesebene wurde heute ein generelles Besuchsverbot für Alten- und Pflegeheime ausgesprochen. Von Reisen in den Osterferien wird abgeraten, verboten sind sie aber nicht.

Erfreulicherweise kam heute die Nachricht, dass die Skigebiete jetzt doch vor Ostern geschlossen werden – ab dem 6. April, man kann also übers Wochenende noch hochfahren…

Ansonsten beginnen die Nachrichten inzwischen nicht mehr mit den aktuellen Corona-Zahlen, sondern mit der neuesten Arbeitslosenstatistik. Natürlich sind auch in Schweden die Reise-, die Gastronomie- und die Kulturbranche am stärksten betroffen. Auch die Autobranche, aber da versucht man gerade die Produktion umzustellen – auf Respiratoren. Absolut Vodka hingegen stellt auf Desinfektionsmittel um.

Für Ärzte und Pflegepersonal wurden kürzlich die Hygienerichtlinien in Sachen Schutzkleidung „dem neuesten Forschungsstand angepasst“. Es wurde als „sicher“ deklariert, Patienten mit Covid-19 mit kurzen Ärmeln und ohne Mundschutz zu versorgen. Und nein, das habe angeblich nichts mit fehlender Schutzausrüstung zu tun, sondern damit, dass die Behörden eine neue „Beurteilung“ vorgenommen haben, welche Schutzausrüstung wirklich im Umgang mit Coronapatienten benötigt werde. Ein anonymer Arzt beschrieb es mit den Worten: „wie Feuerwehrleute in Badehose“. In Stockholm, zur Zeit dem schwedischen Zentrum der Epidemie, werden bereits zwei Krankenschwestern und drei Ärzte intensivmedizinisch versorgt. Natürlich können die sich alle auch privat angesteckt haben, sagen die Behörden.

Der Alltag

In dem Maß, in dem das Klopapier in die Supermärkte zurückkehrt, kommen auch meine Schüler wieder zum Unterricht. Vorletzte Woche war die Klopapierpanik recht groß und rund die Hälfte der Schüler blieb zuhause. Letzte Woche gab es wieder Klopapier und die Schüler kamen wieder zum Unterricht. Ich sehe da eine deutliche Korrelation…

Jonas und ich haben uns letzten Donnerstag Auffrischimpfungen gegen Tetanus und FSME gegönnt. Beides vermeidbare Dinge, für die man dieses Jahr definitiv nicht ins Krankenhaus möchte. Die Impfung hat uns beide etwas ausgeknockt, Jonas lag bereits am Wochenende platt, ich blieb heute zuhause.

Ob es die Impfung war oder die Gesamtsituation – ich weiß es nicht, aber wir beide sind gerade total erschöpft. Ich merke, wie mein Grundstresslevel ein paar Umdrehungen hochfährt, sobald ich das Haus verlasse. Obwohl ich mich – die wöchentlichen Gesamtlehrerkonferenzen ausgenommen – im Alltag ohnehin selten in Räumen mit mehr als 5 Leuten aufhalte, stresst mich der normale Schüler-, Eltern- und Kollegenkontakt gerade deutlich mehr als sonst. Ich singe alle 20 Minuten mit meinen Schülern am Waschbecken Bruder Jakob im Kanon und fahre zum Mittagessen nach Hause. Und mein Orchester – jobtechnisch mein wöchentliches Highlight – fehlt mir, obwohl es natürlich vernünftig ist, gerade nicht zu proben. Ab und an habe ich einzelne Schüler per Videokonferenz, aber mir fehlt die Zeit, um konkrete Konzepte für Online-Unterricht für einzelne Schüler zu entwickeln, was meinen Videounterricht nur dröge macht – für mich und  für den Schüler vermutlich auch.

Vernünftigerweise haben wir alle Veranstaltungen bis zu den Sommerferien abgesagt. April, Mai und Juni sind in der Musikschulzeitrechnung die „Erntezeit“, wo eigentlich alle Wochenenden mit Konzerten und Auftritten gespickt sind. Jetzt haben wir zwar weiterhin Unterricht, aber überhaupt kein Ziel mehr. Natürlich sollte ich als Lehrer jetzt erst recht mit Ideen und Motivation um mich werfen, um meine Schüler bei der Stange zu halten, obwohl die Konzerte, auf die sie sich wochen- oder monatelang vorbereitet haben, plötzlich ausfallen. Schwierig, wenn man selber auf dem Zahnfleisch geht.

Auch das Leben in zwei Welten schlaucht. Einerseits verfolge ich regelmäßig die Nachrichtenlage in Deutschland und habe gerade mehr Kontakt als die letzten 8 Jahre mit Freunden und Familie in Deutschland. Andererseits habe ich hier meinen ganz normalen Alltag und bin von Berufs wegen dazu angehalten, das zu sagen, was alle Schweden gerade sagen: „Wir vertrauen unseren Behörden und folgen deren Empfehlungen“.

Noch drei Arbeitstage bis zu den Osterferien, dann dürfen wir endlich auch zu Hause bleiben, wenigstens für eine Woche.

Schüler in den Restaurants, Senioren in den Bibliotheken


Stand 25. März:

2510 bestätigte Fälle (aber getestet wird eh kaum noch), davon 144 auf den Intensivstationen, bisher 42 Todesfälle.  (Zahlen von der schwedischen Folkhälsomyndighet).
Allein die Region Stockholm hat über 1000 Fälle und die Hälfte der Todesfälle.

Mein Alltag: Ganz normal. In dem Maß, in dem die Supermarktregale wieder mit Klopapier aufgefüllt wurden, kommen die Schüler auch wieder zur Schule. Die Unruhe der letzten Woche hat sich wieder gelegt, scheint es. Es gibt wieder Klopapier, das heißt, die Welt muss wohl wieder in Ordnung sein.

Gestern wurden die Regeln für Restaurants und Cafés leicht verschärft: Die in Schweden übliche Selbstbedienung ist jetzt nicht mehr erlaubt, nur noch Bedienung am Tisch, die Tische müssen 1,5 Meter auseinander stehen. Die Skigebiete in Åre aber haben nach wie vor geöffnet und demnächst hat ganz Schweden Osterferien, da geht das halbe Land skifahren. Man könnte zynisch sagen: ein Skierlebnis wie in Ischgl…

Deutsche Welle: Schwedens Skilifte laufen weiter
Süddeutsche: Das nächste Ischgl

Man rät zwar einerseits von Reisen innerhalb des Landes ab, andererseits spricht man eine ausdrückliche Empfehlung für Training an der frischen Luft aus, gerne auch in (Kinder-)Gruppen.

Die Oberstufenschüler (16-19 Jahre) im ganzen Land wurden ja letzte Woche in den Heimunterricht geschickt. Heute hat man in Borås im Gemeinderat einen Beschluss gefasst, dass alle Oberstufenschüler ab sofort gratis in den Restaurants der Stadt essen können, die Kommune steht für die Kosten. Damit sollen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: einerseits die Restaurants vor der Insolvenz retten, andererseits das Recht der Schüler auf eine kostenfreie warme Mahlzeit während der Schulzeit sichern.

Bebildert wurde Artikel in Borås Tidning folgendermaßen – finde den Fehler:

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Quelle: https://www.bt.se/boras/elever-glads-at-fria-luncher-pa-restaurang-underlattar/

Nun ist glaube ich, für viele Familien das kostenfreie Mittagessen in der Schule tatsächlich ein wichtiger Anker, sowohl finanziell wie auch organisatorisch. Ich will das gar nicht kleinreden. In Stockholm hat man es wohl so gelöst, dass die Schüler (wir reden hier immer noch von Oberstufenschülern, 16-19 Jahre) 25 Kronen pro Tag ausbezahlt kriegen, um sich davon Zutaten kaufen zu können um selbst zu kochen. Das ist sicherlich auch nicht optimal, aber was ist in diesen Zeiten schon optimal… Immerhin besser, als zwischen 12-14 Uhr alle Schüler in die Stadt zu locken, die man vorher zwecks Social distancing an den heimischen Schreibtisch geschickt hatte. Gerechter ist dieses Boråsmodell auch nicht, schließlich ist Borås eine recht weitläufige Kommune und diejenigen Schüler, die draußen in den Käffern wohnen, haben von dieser Regelung nichts – außer einem Anreiz, sich in den öffentlichen Nah(kontakt)verkehr zu setzen.

Heute hatte ich ein Gespräch mit einer Schülermutter, die in der Hauptstelle der Bibliothek arbeitet – wie auch die Kulturschule, so sollen auch die Bibliotheken so lange wie möglich geöffnet bleiben – und sie erzählte mir, dass die Bibliotheken deutlich weniger besucht seien. Nur eine Besuchergruppe sei quasi unvermindert vertreten: Senioren. Ähnliches erzählte mir eine Schülerin, die im Supermarkt jobbt.

Wir erinnern uns: die Strategie der Schwedischen Gesundheitsbehörde ist: die Senioren und andere Risikogruppen isolieren, damit im nahezu uneingeschränkten Alltag alle anderen einander fröhlich anstecken herdenimmunisieren können. Funktioniert ja anscheinend prima. Mannomann.

Die Zeit: Die Welt steht still. Nur in Schweden nicht

Gleichzeitig liest man die ersten Berichte, dass in Stockholm Krebsoperationen und Kaiserschnitte nicht mehr durchgeführt werden können, weil Personal und Ausrüstung fehlen. Eine befreundete Gynäkologin sagte neulich zu mir: „die Behörden müssten eigentlich viel deutlicher damit rausgehen, dass man jetzt bloß nicht schwanger werden soll. Wir haben zur Zeit keine Ressourcen, eine vernünftige Schwangerschaftsüberwachung durchzuführen.“

Die täglichen Pressekonferenzen geben eigentlich auch nichts Neues mehr… oder doch: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell schickt seit Freitag seinen Chef vor, um dem Volke zu verkünden, man möge bitte in die Armbeuge husten und zuhause bleiben, wenn man krank ist. Er selbst möchte nicht mehr vor die Kameras, weil er ja soooo böse kritisiert wurde für sein Hochrisikoexperiment mit 10 Millionen Menschen und alles was von außen käme, seien doch „nur Dummheiten“.

Dummheiten, wie zum Beispiel die Aufforderung einer Reihe Virologen, Epidemiologen, Statistiker etc., einen unabhängigen Expertenrat einzusetzen, der die Politik beraten solle, anstatt weiterhin nur auf die Meinung Anders Tegnells zu hören. Bisher allerdings ohne Erfolg.

Und so lauschen wir weiterhin den frommen Ermahnungen der Folkhälsomyndigheten, uns die Hände zu waschen und nach dem Arbeitstag die Frühlingssonne draußen bei gemeinsamem Picknick mit Freunden im Grünen zu genießen…