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Na toll…


…da zieht man extra neun Breitengrade weiter in den Norden, um der Karlsruher Hitze zu entfliehen und was hat man davon? Wir sitzen um viertel vor elf abends im T-Shirt draußen und haben die ersten Hitzegewitter hinter uns. Im Mai. Suuuper, gaaaanz toll…

Heute morgen bin ich aufgewacht und habe einen riesigen Schreck gekriegt, weil ich dachte, ich hätte verschlafen. Die Sonne schien zwar nicht in unser Schlafzimmerfenster, aber dafür auf die hellgraue Wand des Nachbarhauses, was mich so blendete, dass ich davon aufgewacht bin. Mitten in der Nacht. Halb fünf oder so, ich hab die Augen nicht richtig aufgekriegt. Ich weiß ja nicht, warum alle immer so vom skandinavischen Licht schwärmen… Hallo?! Morgens? Vor fünf! Wenn ich doch bis sechs ausschlafen will. Mannmannmann…

Nach dem Gewitter am frühen Abend ist es jetzt etwas kühler (das ist wirklich anders als in Karlsruhe) und alles duftet unglaublich frisch und lecker. Ein paar Möwen kreischen und außer ein paar Ameisen sind keine Insekten in Sicht.
Jetzt um elf ist es ist noch hell genug, um ohne Lampe draußen auf der Terrasse vor unserem rot-grauen Holzhaus zu sitzen und bei einem kühlen Glas alkoholfreiem Honigcider vom Wikingermarkt das ZEIT-Rätsel zu lösen. Macht mindestens eine 9 auf der Schwedenklischeeskala. (Einen halben Punkt Abzug gibt es dafür, dass der nächste See mindestens 10 Minuten weit weg ist und weitere 0,5 für die deutsche Zeitung.)

Lange werd ich hier allerdings nicht mehr sitzen, sonst verschlafe ich morgen wirklich… Aber wie kann man denn bei so einem kitschrosa Abendhimmel schlafen gehen? Bei knapp 20 Grad?!

Man hats schon schwer, hier in Schweden.

Unverhofft kommt oft


Eigentlich hatte ich den Job als Kontrabasslehrer schon fast abgeschrieben, denn keine meiner Referenzen hatte mir von einem Anruf berichtet – und da sich die Musikschule schon sehr bald entscheiden wollte, war ich davon ausgegangen, dass man sich für einen anderen Kandidaten entschieden hatte.

Wie man doch falsch liegen kann! Gestern bekam ich den Anruf: die Musikschule möchte mich gerne einstellen. Zu 50 Prozent, mit Einzelunterricht, Orchester, Ensembles, Klassenmusizieren, Unterrichtsvorbereitung, Verwaltung, Konferenzen… Alles, was man als echter, angestellter Musikschullehrer so macht. (Leider werden in Deutschland die meisten Musikschullehrer nur noch mit Honorarverträgen angestellt. Geld gibt es dann nur für den tatsächlich gegebenen Unterricht, und wenn ein Schüler mal krank wird, bekommt man entsprechend weniger.) Nächsten Mittwoch werde ich wieder hinfahren, dann muss ich die genauen Anstellungsbedingungen aushandeln und bekomme eine Masse neuer Informationen, wie dann mein Alltag als Musikschullehrer ab dem 18. August aussehen wird. Ich freue mich auf jeden Fall riesig!

Von Baby-Elefanten und Bewerbungsgesprächen


Kurz nachdem Annika wusste, dass sie den neuen Job bekommen würde, entdeckte ich eine spannende Anzeige auf der Seite der arbetsförmedlingen: Die dortige Kulturschule suchte zum neuen Schuljahr einen Kontrabasslehrer, Teilzeit und tillsvidare (unbefristet). Zum Glück darf man in Schweden gleichzeitig arbeiten und studieren, was in Deutschland meines Wissens nur eingeschränkt möglich ist, so dass ich mich bedenkenlos bewerben konnte. Als ich einige Tage später bei der Kulturschule anrief, um zu fragen, wie weit denn die Auswahl schon gediehen sei, bekam ich meinen Termin für das Bewerbungsgespräch gleich per Telefon durchgegeben. Zusätzlich sollte noch eine kleine Probeprobe mit einem Ensemble der Schule stattfinden. Meine Freude war natürlich groß, denn zum einen vermisse ich das Kontrabassspiel, zum anderen aber auch, überhaupt unterrichten zu können. Außerdem fände ich es schön, nach dem Studium nicht in das große „Und-was-mache-ich-jetzt?“-Loch zu fallen, sondern zumindest teilweise zu wissen, wie es weitergeht.

Erst einige Wochen später, nachdem ich mir schon Sorgen gemacht hatte, ob ich mich denn jetzt wirklich vorstellen dürfte, bekam ich endlich auch die schriftliche Einladung inklusive der Noten für die Probe.
Gestern war es dann soweit. Das Vorstellungsgespräch verlief ziemlich genau so, wie ich es mir ausgemalt hatte: Eine ziemlich große Kommission – sechs Menschen in unterschiedlichen Funktionen – saß mit mir an einem runden Tisch. Wir redeten über alles mögliche, freundlicher Smalltalk wurde mit jobrelevanten Fragen vermischt. Neben meinen Erfahrungen als Kontrabasslehrer ging es ebenso um mein Studium und Annikas Job; sogar unser VW-Bus wurde zum Thema, denn der Schulleiter träumt anscheinend schon lange von einem Wohnmobil. Als er mich dann fragte, was wir denn im Sommer damit vorhätten, fragte ihn die Geigenlehrerin: »Warum, willst du es dir ausleihen?« Angenehm fand ich übrigens, dass mir ohne Nachfrage mitgeteilt wurde, dass es insgesamt nur drei Bewerbungen auf die Stelle gab – alle Geigen- und Klavierlehrer dürfen jetzt gerne neidisch gucken.

Am Nachmittag war dann die Probe angesetzt: Zuerst stand Henry Mancinis Baby Elephant Walk aus dem Film Hatari! auf dem Programm, gespielt vom Streichorchester der Kulturschule, danach ein klassisches Streichquartett von Johann Georg Distler. Leider waren sie mit dem Zeitplan anscheinend schon ziemlich im Verzug, da man aber die Kinder trotzdem pünktlich wieder entlassen wollte, hatte ich sehr wenig Zeit und konnte keinen wirklich schönen Bogen schlagen. Insgesamt habe ich mich aber nicht ganz schlecht geschlagen, glaube ich.

Nächste Woche wollen sie mir Bescheid geben. Außer dem Kontrabassunterricht könnte ich auch noch andere Aufgaben übernehmen, zum Beispiel E-Bass, Orchester, Band, Vorstellung der Streichinstrumente in Grundschulen, vielleicht sogar etwas Kompositionsunterricht.
Das alles ist sehr spannend, aber jetzt heißt es vorerst Bangen und Hoffen. Andererseits muss ich mir aber auch sagen, dass das mein erstes „echtes“ Bewerbungsgespräch außerhalb einer Hochschule war und dass ich noch ein Jahr Zeit habe, um mich umzugucken und hier und da zu bewerben, bevor mein Studium zu Ende ist. Ich habe also nichts zu verlieren.

Aber trotzdem…

Kinnekulle


Nach unserer Wanderung auf Hindens Rev ging’s via Lidköping weiter zum Kinnekulle, einem Tafelberg mit sensationellen 306 m. Da das Umland aber überwiegend aus Wasser und Pfannkuchenlandschaft besteht, machen die 306 m überraschend viel her.

An Ostern sind die meisten Campingplätze noch geschlossen, deshalb standen wir auch die zweite Nacht mit unserem Bus in freier Landschaft, was ja in Schweden dank Allemansrätt (Jedermannsrecht) mit gewissen Einschränkungen erlaubt ist. Ohne dass wir danach gesucht hätten, landeten wir abends auf diesem Platz in der Nähe von Hällekis:

Logenplatz

Einfach nur traumhaft… Der Platz war nach drei Himmelsrichtungen offen, und lag ein ganzes Stück oberhalb des Vänern, Schwedens größtem und Europas drittgrößtem See, sodass man eine sagenhafte Aussicht hatte. Schloss Läckö mit seinen schneeweißen Türmen, die Insel Kållandsö mit dem vorgelagerten Schärengarten von Eken und die Värmlandsnäs, aber auch die ganze Westküste zwischen Mellerud und Åmål konnten wir sehen, also über 70 km weit. Lediglich nach Norden war nur der blaue Horizont zu sehen. Zumindest solange, bis vor unserem Panoramahotel die Sonne unterging…


Die gängige schwedische Interpretation eines Osterfeuers scheint ein klassisches Feuerwerk zu sein. Und als es gegen halb 10 dann dunkel wurde, ging es los: Die komplette Küstenlinie war mit bunten Lichtern gesprenkelt und man konnte anhand der Raketen deutlich erkennen, wo Städte, Dörfer oder auch nur einzelne Häuser lagen.
Sogar Karlstad am nördlichen Vänernufer, das bei Tageslicht noch unter dem Horizont versteckt lag, ließ sich auf einmal erahnen, denn die Raketen kamen offensichtlich hoch genug, um die Erdkrümmung zu überwinden. Wenn ich dann mal ganz groß bin, habe ich vielleicht eine Kamera, die auch sowas einfangen kann…

Am Ostersonntag waren wir dann endlich oben auf dem Kinnekulle und haben eine schöne Schneewanderung gemacht. Schade nur, dass der Aussichtsturm noch geschlossen war. Aber das ist nur einer der Gründe, warum wir unbedingt nochmal in diese Ecke müssen.

Königskind


Prinsesstorta war heute knapp (Bild: Wikipedia)

Heute morgen kurz vor halb fünf war es soweit: Eine neue Generation der Bernadottes, des schwedischen Königshauses, hat das Licht der Welt erblickt. Am Hof ist hektisches Treiben ausgebrochen: Zunächst muss Staatsminister Fredrik Reinfeldt zusammen mit einigen anderen Offiziellen bezeugen, dass das Kind auch wirklich Victorias ist und nicht vertauscht wurde… wie auch immer die das rausfinden wollen. Dann muss der König die Geburt der Thronfolgerin sowie deren Namen und  Titel verkünden, außerdem wird ein Dankgottesdienst vorbereitet. Man erwartet Rekordanstürme auf die königliche Facebook-Seite.

Die Medien sind natürlich auch dabei, Zeitungen, Fernsehen, Radio, alles dreht sich nur um die Geburt. Auf SVT („ARD“) läuft eine Dauernachrichtensendung, allerdings mit der Anmerkung: »OBS! Ibland bryts sändningen för andra inslag än från den kungliga födseln.« (Achtung! Manchmal wird die Sendung für andere Themen als die königliche Geburt unterbrochen.)

Nachtrag aus den Abendnachrichten:

Prinsesstårta (Prinzessinnentorte), die schwedische Zu-allen-feierlichen-Anlässen-Torte ist fast überall ausverkauft.
An irgendeiner Tankstelle gab es pro Liter 50 Öre Prinzessinnengeburtstag-Rabatt.
Die königliche Garde, die heute 2 mal 21 Salutschüsse abgefeuert hat, war beim Schießen mit Ohrenschützern ausgestattet – Sicherheit am Arbeitsplatz gilt natürlich immer, auch wenn’s dämlich aussieht.

Seit sechs Monaten in Schweden – II


Byråkrati – Bürokratie
Hielt sich bisher eigentlich in Grenzen. Die wichtigen Schritte – Skatteverk und Migrationsverk – verliefen erfreulich zügig und komplikationsfrei. Übrigens ist Papier in Schweden geduldiger, als wir dachten. Als Jonas beispielsweise seine Bewerbungen fürs Studium fertigmachte, hätte er laut Zulassungsordnung sämtliche Unterlagen inklusive Bachelor-Zeugnis bereits vor den Aufnahmeprüfungen einreichen müssen– um die allgemeine Genehmigung zum Masterstudium zu überprüfen. Das ging natürlich nicht, also hieß es, die Unterlagen müssten spätestens bei der Einschreibung vorliegen. Da war mein Zeugnis aber immer noch nicht eingetroffen. Als ich es schließlich im Dezember vorlegen konnte, kam nur ein knappes: „Ok, dann lege ich das zu den Akten.“

Aktuell beschäftige ich mich mit Fragen nach a-kassa (in Schweden gibt es über 26 verschiedene Arbeitslosenkassen, da muss man erstmal durchblicken) und Gewerkschaftszugehörigkeit (ca. 80% der Schweden sind gewerkschaftlich organisiert). Mitglied im Mieterbund wurden wir ganz unkompliziert, die kamen unaufgefordert zu uns nach Hause. Tolle Sache: für einen geringen Aufschlag auf die Mitgliedsgebühr bekommt man die Sicherheit, dass der Mieterbund die Hälfte der Miete übernimmt, wenn man mehr als 14 Tage krank ist. Der nächste Schritt ist dann, dass wir mal langsam die Autos ummelden – aber das posten wir dann wahrscheinlich zum Jahrestag unter Äventyr

Ein Intervju und ein Ausflug an die Küste


Letzten Samstag hatte ich ein anställningsintervju für eine Vollzeitstelle in Bohuslän und da wir die lange Fahrt (nach deutschen, nicht nach schwedischen Maßstäben) dann schon mal hinter uns hatten, haben wir den Rest des Tages für ausgiebiges Sightseeing genutzt.

Es war zwar nicht so kalt wie in Piteå, wo an diesem Tag -34° gewesen wären (Piteå stand ja im Zusammenhang mit unserem Umzug nach Schweden eine Zeitlang ganz oben auf der Wunschliste), aber auch bei uns kletterte das Thermometer an diesem Tag in der Mittagssonne auf der Fensterbank gerade mal auf -12°.

Beim Frühstück haben wir -19°C – zum Glück nur draußen

Nach dem Intervju am Vormittag kamen wir an einem See vorbei. Da nur Tierspuren auf dem Eis waren, haben wir uns nicht weiter hinaus getraut, sondern blieben brav am Ufer.

Winterschilf am Aspen

Dann gings weiter Richtung Küste. Unterwegs fuhren wir an einigen zugefrorenen Wasserfällen vorbei. Eigentlich waren das gar keine richtigen Wasserfälle, sondern nur Rinnsale; ich fand es trotzdem ziemlich beeindruckend.

Wer ist größer?
Warum hast du so ein großes Maul?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Glitzerndes Eis
In der Halle des Bergkönigs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schließlich kamen wir in Bovallstrand an, einem kleinem Fischerort. In dieser Gegend gibt es einige Fjorde und die waren alle zugefroren, aber das offene Kattegat ist natürlich eisfrei. Die Küstenorte in Bohuslän, die im Sommer ziemliche Touristenmagnete sind, sind jetzt im Winter menschenleer, aber deshalb nicht weniger idyllisch – im Gegenteil.

Bovallstrand
Strand und Steg

Auch wenn ich den Job letztendlich nicht bekommen sollte, so hat sich die Fahrt doch wenigstens für diesen wunderschönen Tag gelohnt. Abends zeigte der Kilometerzähler im Auto übrigens über 200km an. Also läppische 20 schwedische mil (Meilen)…

Was haben der schiefe Turm von Pisa, das Kriegsschiff Vasa und die Passion Jesu gemeinsam?


Als ich ein Teenager war – vielleicht sogar noch etwas früher – gab es eine Sendung im Fernsehen, in der lustige Werbespots aus aller Welt gezeigt wurden. Schon damals ist mir aufgefallen, dass skandinavische Länder in dieser Sendung besonders häufig vertreten waren. Ein Eindruck, der durch das schwedische Fernsehen bestätigt wird. Natürlich gibt es auch unlustige Werbung, z. B. die tierisch nervigen Kampagnen von Siba und Media Markt (Siba ist auch ein Elektrohändler), die einen ähnlich anschreien wie Media Markt und Saturn in Deutschland. Außerdem gibt es sehr nüchterne Werbungen, die einem das Produkt erklären, oder solche, die ein warmes Gefühl zusammen mit der Werbebotschaft übermittlen wollen: Iss unsere neue fettreduzierte Margarine, dann geht es dir viel besser!

Aber es gibt eben im Vergleich zu Deutschland auch überdurchschnittlich viel wirklich lustige Werbung. Großartig ist die folgende der schwedischen bemanningsföretag (Zeitarbeitsfirma) Poolia.

– Schief? Findest du? Nee. Na gut, vielleicht ein bisschen. Aber er wird gerade wirken, wenn wir fertig sind.

– Was ich beim Kriegsschiff Vasa vorhabe, ist, zwei weitere Decks hinzuzubauen. So schaffen wir Platz für mehr Kanonen. Und vielleicht machen wir das Schiff noch ein wenig schmaler und höher.*)

– Das hier ist der neue Jünger, von dem ich erzählt habe.
– Ja, jetzt fragt ihr euch vielleicht, wer ich bin. Also, ich heiße Judas und ich war unheimlich glücklich, als Jesus mich kontaktiert hat.

Die falsche Personalbeschaffung kann Dich teuer zu stehen kommen. Wenn Du Hilfe brauchst, frag Poolia.

*) Die Vasa war eines der größten und am schwersten bewaffneten Kriegsschiffe seiner Zeit und der Stolz der schwedischen Flotte – bis es auf seiner Jungfernfahrt noch in Sichtweite Stockholms kenterte. Grund waren zahlreiche Konstruktionsfehler: Der Schwerpunkt des Schiffes war zu hoch, sein Rumpf zu schmal, die Kanonenluken zu nah an der Wasserlinie – der Baumeister hatte einfach zu hohe Ambitionen bei diesem Projekt.
Die Vasa wurde 1960 gehoben und kann heute in Stockholm im Vasamuseet besichtigt werden.