Schlagwort-Archive: Schwedisches Fernsehen

16. Dezember 2015 – Erkennen Sie die Melodie?


Würde heute jemand eine Fernsehsendung anschauen, die Erkennen Sie die Melodie heißt? Die Show gab es wirklich, sie lief im ZDF von 1969 bis 1985 – allerdings mit ziemlich langen Unterbrechungen – und in Schweden funktioniert das Prinzip Musikstück-erratenals-Fernsehshow sogar heute noch, wenn auch unter dem geringfügig sexierem Namen Doobidoo.

Heute dürft ihr euch auch mal daran probieren, und so lautet die Frage des Tages: erkennen Sie die Melodie?

Und, wer hat’s erkannt? Gar nicht so leicht, selbst die vertrautesten Melodien wiederzuerkennen, wenn alles dem etwas krummen 3/4-Takt der Polska untergeordnet wird…

Bei uns in Schweden läuft der Film übrigens bereits heute an.

Werbeanzeigen

TV-Tipp: Molanders


Nachdem unser Fernsehtipp mit dem Adventskalender ja bei vielen unserer Leser ziemlich gut ankam, können wir euch jetzt einen neuen TV-Tipp liefern: Molanders.

Die Molanders sind eine vierköpfige, vielbeschäftige Familie aus Stockholm. Papa Olof ist Konzertpianist und viel unterwegs, Mama Fanny erfolgreiche Kardiologin und der Stundenplan der musizierenden Kinder ist ebenfalls gut gefüllt. Als die Mutter einen Burnout erleidet und der Vater ein Jobangebot als Leiter einer Kulturschule erhält, beschließt man, in die tiefste Provinz zu ziehen – nach Alingsås (nur eine halbe Stunde von uns entfernt :-)).

Ab sofort ist das gemeinsame Abendessen heilig und „man braucht schon mindestens ein Attest vom Arzt, um der gemeinsamen Familienzeit fernzubleiben“ – so umschreibt es der 18jährige Linus. Auch Schwester Alva (13) fällt die Umstellung aufs Landleben nicht ganz leicht: „Hier leben 95% Dorftrottel und 5% Idioten“ schreibt sie der Freundin in Stockholm.

Dass Olofs Eltern nunmehr in der Nähe wohnen und sich auf gemeinsame Angelausflüge und Sonntagsbraten freuen, macht die Situation nicht einfacher – insbesondere nicht für Fanny, die nach ihrem Nervenzusammenbruch erst mal anderes im Kopf hat, als frische Handtücher im Gästeklo aufzuhängen. Der Schwiegermutter missfällt das.

Großartig fanden wir die Szenen, die in der Kulturschule spielen. Olof möchte eigentlich gleich ein großes Projekt (kABBAré, höhö) auf die Beine stellen, muss sich aber stattdessen erstmal mit der russischstämmigen Geigenlehrerin rumschlagen, die nicht im Raum neben dem gepiercten, angeblich schwerhörigen E-Gitarrenlehrer unterrichten will. Natürlich völlig realitetsfern, sowas…

Molanders ist eine in sich abgeschlossene Serie mit zwölf Folgen à 45 Minuten, die jeweils montags ausgestrahlt werden. Laut SVT sind die Folgen weltweit online abrufbar. Ein Klick aufs Bild bringt euch zur ersten Folge (neues Fenster), Untertitel kann man sich dazuklicken (das „T“ unten in der Leiste).

Molanders - Quelle: SVT
Molanders – Quelle: SVT

2. Dezember 2012 – SVTs julkalender


Öfters schon wurden wir nach Empfehlungen gefragt, wo und wie man in Deutschland Schwedisch lernen könne. Wir überspringen jetzt mal das Kapitel Sprachkurse und kommen mit einem ganz praktischen Tipp: Fernsehen! Auf dem öffentlich-rechtlichen Sender SVT 1 läuft jetzt wieder der Adventskalender – eine Geschichte in 24 Episoden à 15 Minuten. Macht 15 Minuten kostenlosen Sprachkurs am Tag.

Obwohl die Episoden auf schwedisch sind – dieses Faktum ist tatsächlich eine Erwähnung wert, denn die meisten Filme und Serien im schwedischen Fernsehen sind auf englisch mit schwedischen Untertiteln – kann man sich zusätzlich noch schwedische Untertitel dazuklicken, die der Lesefreundlichkeit halber den gesprochenen Text auf das Wichtigste reduzieren und so das Verständnis erleichtern. (Wer neugierig auf schwedische Gebärdensprache ist, wird ebenfalls fündig.)

In der gestrigen ersten Folge von Mysteriet på Greveholm (Das Geheimnis von Greveholm) besichtigt Familie Söderlund – bestehend aus einer Schicki-Micki-Mutter in der Midlife-Crisis, einem krimischreibenden Vater mit Rattenphobie, einer vampirbegeisterten Tochter, einem Sohn mit Angst vor Gespenstern und einer Wüstenratte mit Rückenproblemen – ein altes Schloss vom Typ „romantisches Mittelalter mit einem Touch Rokoko, Barock und Empire“, wie es die ehrgeizige Maklerin beschreibt.
Nachdem die Wüstenratte bei der Besichtigung schnell aufdeckt, was sich hinter der Formulierung „für den geschickten Handwerker“ verbirgt und die Tochter den verklemmten Vertreter der Kommune, der das Objekt schnellstmöglich loswerden möchte, mit der Entdeckung von „Gespensterrotze“ in die Ohnmacht treibt, wittert die Mutter ihre große Stunde, das Gemäuer, in dem möglicherweise einmal königliche Herrschaften residiert haben, zum sagenhaften Preis von einer Krone zu erwerben.
Nun, die Gespenster freut’s, denn endlich schmeißt mal wieder jemand den Kamin an. Kein Wunder, dass man sich in dem ollen Kasten erkältet – Hatschi! (Oder Atjo!, wie das auf schwedisch heißt.)…

Wer sich die täglichen Folgen auf einem Smartphone oder Tablet-PC anschauen möchte, braucht erst noch die kostenlose App von SVTplay. Es funktioniert definitiv auch in Deutschland, wir haben es bereits getestet testen lassen.

Alle anderen können sich die erste Folge per Klick auf das Bild sofort anschauen (neues Fenster):

greveholm-startbild1_0

Nachdem man auf den Play-Knopf gedrückt hat, kann man rechts unten im Player auf ein „T“ klicken und wählen, ob man die Folge mit Untertiteln (Textning på) oder ohne (Textning av) sehen möchte.

Verständnis- und Vokabelfragen beantworten wir gerne – einfach einen Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen!

Königskind


Prinsesstorta war heute knapp (Bild: Wikipedia)

Heute morgen kurz vor halb fünf war es soweit: Eine neue Generation der Bernadottes, des schwedischen Königshauses, hat das Licht der Welt erblickt. Am Hof ist hektisches Treiben ausgebrochen: Zunächst muss Staatsminister Fredrik Reinfeldt zusammen mit einigen anderen Offiziellen bezeugen, dass das Kind auch wirklich Victorias ist und nicht vertauscht wurde… wie auch immer die das rausfinden wollen. Dann muss der König die Geburt der Thronfolgerin sowie deren Namen und  Titel verkünden, außerdem wird ein Dankgottesdienst vorbereitet. Man erwartet Rekordanstürme auf die königliche Facebook-Seite.

Die Medien sind natürlich auch dabei, Zeitungen, Fernsehen, Radio, alles dreht sich nur um die Geburt. Auf SVT („ARD“) läuft eine Dauernachrichtensendung, allerdings mit der Anmerkung: »OBS! Ibland bryts sändningen för andra inslag än från den kungliga födseln.« (Achtung! Manchmal wird die Sendung für andere Themen als die königliche Geburt unterbrochen.)

Nachtrag aus den Abendnachrichten:

Prinsesstårta (Prinzessinnentorte), die schwedische Zu-allen-feierlichen-Anlässen-Torte ist fast überall ausverkauft.
An irgendeiner Tankstelle gab es pro Liter 50 Öre Prinzessinnengeburtstag-Rabatt.
Die königliche Garde, die heute 2 mal 21 Salutschüsse abgefeuert hat, war beim Schießen mit Ohrenschützern ausgestattet – Sicherheit am Arbeitsplatz gilt natürlich immer, auch wenn’s dämlich aussieht.

Maestro – Schweden sucht den Superdirigenten


Vor ein paar Tagen haben wir mal spaßeshalber unseren Fernseher in die vorhandenen Steckdosen eingestöpselt, uns aber eigentlich nicht viel davon versprochen. Doch siehe da, wir haben tatsächlich ein paar Programme, welche die Telia, das schwedische Pendant zur Telekom, uns anscheinend kostenlos zur Verfügung stellt. Dazu zählen SVT 1 und SVT 2, die als staatliche Sender vom Status her vergleichbar sind mit ARD und ZDF. Außerdem gibt es einen Sender, der den ganzen Tag ausschließlich Opern- und Konzertmitschnitte zeigt, einen Kinderkanal und zwei oder drei weitere Sender, deren Programmschwerpunkte sich uns noch nicht vollständig offenbart haben, weil jeder einzelne sich irgendwo zwischen Pro 7, Discovery Channel und arte bewegt. Ach ja, und wir haben Eurosport. Danke dafür…

Die Öffentlich-Rechtlichen: Nachrichten und Dokus

Auffällig ist, dass es auf allen diesen Sendern kaum Spielfilme gibt, weder schwedische noch internationale, die scheinen auf anderen Programmen zu laufen. Dafür gibt es gefühlt 30 Minuten pro Stunde irgendwelche Nachrichten: lokale, regionale, nationale, Wetter-, Sport-, Promi- und Kulturnachrichten. Wenig Börse, wenig Internationales. Auch amerikanische Serien, Seifenopern, oder Talkshows (sowohl „Anne Will“ als auch Krawalltalk) muss man auf unseren Sendern lange suchen. Dafür gibt es „Wer weiß am meisten?“, das Sendungskonzept wird im Untertitel mit frågesport umschrieben.
(Klammer auf: Bevor hier ein falscher Verdacht aufkommt: nein, wir sitzen nicht den ganzen Tag vor der Kiste, sondern ich beziehe mein wohlrecherchiertes Halbwissen gerade überwiegend aus dem Studium der Homepage von SVT :-) Klammer zu.)

Und es gibt Unmengen von schwedischen, englischen und amerikanischen Reportagen über menschliche Einzelschicksale, schwedische Geschichte, fremde Landschaften, Länder, Kulturen und Tierwelten sowie massenweise Magazine zu den Themen Gartenpflege, Inneneinrichtung und Essenszubereitung. Und: Maestro.

Chorleitungsunterricht als Bildungsfernsehen für die breite Masse

Maestro ist irgendwas zwischen „Deutschland sucht den Superstar“ für Promis und meinen ersten Semestern Dirigierunterricht. Das Konzept ist schlicht: sechs schwedische Prominente – eine Comedienne, eine Popsängerin, eine Kinderbuchautorin, ein Nachrichtensprecher vom Typ „Ulrich Wickert“, ein Kampfsportler und ein Schauspieler (ich kannte sie allesamt nicht) – werden innerhalb von sechs Wochen zu Dirigenten „ausgebildet“ und am Ende jeder Woche schickt eine Jury den oder die Schlechteste nach Hause. Vom ersten Teil haben wir nur die letzten Minuten gesehen, aber uns schon köstlich amüsiert. Heute war Teil 2: Chorleitung. Die komplette Folge kann man sich auf SVT.se drei Wochen lang online anschauen (ist auch ohne Schwedischkenntnisse über weite Strecken unterhaltsam).

Zu Beginn der Woche erhielt jeder Kandidat ein anspruchsvolles Chorstück, welches am Ende der Woche mit dem Schwedischen Rundfunkchor aufgeführt werden sollte. Dazu der Moderator: „Ich will euch nicht nervös machen, aber das ist der beste Chor der Welt.“ (Das ist tatsächlich keine Übertreibung, der Chor wurde über 30 Jahre lang von Eric Ericson, dem Chorleiter schlechthin geleitet.) Die Kamera begleitete die Kandidaten dann die Woche über, wie sie Unterricht in Schlagtechnik, Stimmbildung, Körperschulung und Rhythmik bei Professoren an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm erhielten. Und ich war ernsthaft überrascht, wieviele Elemente daraus ich in meinem Studium tatsächlich auch so erlebt habe. Zum Beispiel im Wasser zu dirigieren, um das „Wedeln“ zu verlieren und ein Gefühl für Klanggewicht zu bekommen. (Auch wenn ich manchmal dachte „gut, dass jetzt kein Außenstehender zuschaut“, wenn ich in chorischer Stimmbildung mit der Zunge am linken oberen Backenzahn auf einem Bein stehend mit den Armen fuchtelnd Vibratoübungen gemacht habe). Als „Probenopfer“ wurden Schul- und Kirchenchöre herangezogen, die die Stücke ohne störenden Möchtegern-Dirigenten wahrscheinlich genauso oder besser gesungen hätten. Aber egal. Großartig war dann die zweite Hälfte dieser Doku (ab Min. 34:30), als schließlich der Rundfunkchor dirigiert wurde. Gnadenlos ehrlich hat dieser Chor jeden Wedler der Kandidaten 1:1 umgesetzt, einschließlich unfreiwilliger Crescendi, Tempo- und Taktwechsel. So gelacht haben wir selten.

In der Jury saßen eine Chorleitungsprofessorin, der königliche Hoforganist sowie ein weiterer Chorleiter. Die Beurteilungen fielen – wie nicht anders zu erwarten – bei allen Kandidaten freundlich und zurückhaltend aus: „Ich glaube, sie hatte ein wenig Schwierigkeiten, das Tempo zu halten“, so eine Sängerin über die Kandidatin ab 37:15. Und den Profis hat man den Drang, während des Stücks zu lachen, wirklich fast nicht angesehen.

Singender Thaiboxer mit Fremdschämfaktor – aber kein Dieter Bohlen

Insgesamt fand ich diese Sendung jedoch trotz des hochtrabenden Titels erfreulich realitätsnah. Man hätte auch ein „Best of“ der peinlichsten Augenblicke der Woche daraus machen können (z.B. den singenden Thaiboxer in Endlosschleife) und eine misanthropische Jury hinsetzen können, die sich am liebsten selbst im Mittelpunkt sieht. Aber gar nicht. Vielmehr hat das schwedische Fernsehen hier auf eine unterhaltsame Weise gezeigt, wie an Musikhochschulen tatsächlich unterrichtet wird – zumindest manchmal. Auch wenn es natürlich lächerlich ist, dass in der Mensa eine Orgel steht, bzw. im Orgelsaal das Mittagessen serviert wird (ca. Min. 13:00). Das gibts noch nicht mal in Schweden…