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ABIIIII!!!


Alle schriftlichen Prüfungen, die ich seit meinem Abitur absolviert habe, liefen eigentlich immer nach dem gleichen Schema ab: ich hatte monatelang vorher den Termin und das Thema und schob die Prüfungsvorbereitung je nach Prüfung bis zu drei Wochen oder drei Tage vor der Prüfung vor mir her, natürlich mit wöchentlich schwärzerem Gewissen. Dann folgte eine Phase der intensiven Vorbereitung, in der ich weitgehend auf Schlaf, Essen und soziale Kontakte verzichtete. Die Nacht vor der Prüfung war ich zwar meist so vernünftig nicht mehr zu lernen, geschlafen habe ich aber trotzdem wenig.

Am Prüfungsmorgen war mir dann vor Aufregung (und Schlafmangel) so schlecht, dass an Frühstück nicht zu denken war. Stattdessen hatte ich dann für die Prüfung Fresspakete, die für eine siebentägige Fjällwanderung ausgereicht  hätten.

Die vier- oder fünfstündige Prüfungszeit habe ich dann bis zur letzten Sekunde ausgenutzt um an meinen Texten zu feilen und ohne auch nur einen Bissen zu essen. Nach der Prüfung saß man dann mit den Kurskollegen zusammen und diskutierte über Fragestellung und ob 16 Seiten nicht doch ein bisschen wenig waren um die Geschichte der Schriftentwicklung in ihrer vollen Komplexität zu erörtern. Anschließend folgten einige Wochen des Wartens auf das Ergebnis, dessen Veröffentlichung nochmal fast genauso aufregend war wie die Prüfung selbst.

Die anschließenden Saufgelage, Autokorsos und das steinzeitliche Urgebrüll meiner Klassen- und Studienkameraden habe ich allerdings nie richtig nachvollziehen können, ich Spaßbremse…

Heute hatte ich meine nationale Prüfung in Svenska som andraspråk B. Die Prüfung ist die gleiche wie die, die schwedische Schüler am Ende ihrer Gymnasialzeit ablegen – unabhängig davon, ob ihre Muttersprache Schwedisch oder eine andere Sprache ist. Zwar gibt es unterschiedliche Kurse für Muttersprachler und Nichtmuttersprachler, die Prüfungsaufgaben und -anforderungen sind jedoch schlussendlich die gleichen und werden zentral vom Skolverket herausgegeben.

In dieser Prüfung ging es daher auch nicht mehr um Vokabel- oder Grammatikkenntnisse, sondern vor allem um die Fähigkeit, einen sinnvoll aufgebauten Text zu produzieren – also eine Fähigkeit, die meines Erachtens ziemlich unabhängig von der Frage Fremd- oder Muttersprache ist.

Aus organisatorischen Gründen (dazu demnächst mehr) musste ich meine Prüfung etwas vorziehen, denn der offizielle Prüfungstermin ist eigentlich erst im Mai. Dank des familiären Klimas und der wenigen Schüler an unserem kleinen Ale komvux (Erwachsenengymnasium) war das aber glücklicherweise kein Problem. Mein jetziger Schwedischlehrer hat mich von Anfang an als Kollegin betrachtet, die die gleiche Qualifikation hat, wie er selbst – nur eben in einer anderen Sprache.

Und was soll ich sagen… seit vier Wochen standen Termin und Oberthema meiner „Schwedisch-Abiturprüfung“ fest. Ich bekam ein 20seitiges Heft mit verschiedenen Texten zum Thema „Engagement und Einfluss“, das ich mir gestern Abend durchgelesen habe. Dann habe ich gut geschlafen, normal gefrühstückt und meinen achtseitigen Text über die Frage „Was beeinflusst unser Verhalten mehr: biologische Faktoren oder unsere Umwelt?“ nach zwei statt fünf (möglichen) Stunden abgegeben.

Eine halbe Stunde später erhielt ich per SMS das Ergebnis: „Guter Text und gute Note. Lass dir von Gunilla dein Zeugnis mit MVG ausdrucken. Viele Grüße, S.“

Damit habe ich in sieben Monaten drei Schwedischkurse durchgezogen und darf mit diesem Zeugnis z.B. ohne weitere Sprachprüfung an einer schwedischen Uni studieren.

Seitdem ich im Januar angefangen habe zu arbeiten, habe ich jedoch nicht mehr viel für den Kurs getan. Zuletzt ging es ohnehin nur noch um Literatur- und Sprachgeschichte und kaum noch um den Ausbau von Wortschatz oder Grammatik. Das fand ich persönlich etwas schade, weil Literatur“wissenschaft“ auf Grundkursniveau für mich – gelinde gesagt – sterbenslangweilig war. Umso schöner, dass die Prüfung so herrlich unkompliziert, erfreulich und vor allem: stressfrei! lief. Ganz ohne Mangelernährung und Schlafentzug.

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Seit sechs Monaten in Schweden – I


Heute vor sechs Monaten, an einem Dienstag im August, sind wir in Schweden angekommen. Zeit also für einen kurzen Zwischenstand. Ausgehend von unseren Kategorien in der rechten Spalte werden wir die nächsten Tage ein wenig auf das letzte halbe Jahr zurückblicken.

Arbeta och studera – arbeiten und studieren:

Jonas:
Als Komponist habe ich fantastische Bedingungen an der Göteborger Musikhochschule. Meine Auftragskomposition für großes Orchester wird im April uraufgeführt und demnächst beim Sirén-Festival, bei dem drei Tage lang die ganze Hochschule im Dienste der Kompositionsklasse steht, stehen drei meiner Stücke auf dem Programm (mehr dazu). Die Chemie zwischen mir und meinen drei Hauptfachlehrern (Komposition, Komposition und Komposition) stimmt ebenfalls und mit meinen Kommilitonen komme ich immer mehr in Kontakt – ich bin ja nicht so oft in Göteborg und daher ergeben sich auch nicht so viele Möglichkeiten für Diskussionen mit den anderen Kompositionsstudenten der Hochschule.
Auch hier bei uns in der Kommune bin ich bereits als Komponist angekommen und erhielt von unserer Kommune Ale das Kulturstipendium 2011, was die Lokalpresse auch gebührend würdigte

Annika:

Die Dinge gehen vielleicht nicht immer gerade, aber immer irgendwie vorwärts...

Es hat zwar fünf Monate gedauert, aber im Januar hat es dann endlich mit einer Anstellung geklappt. Fünf Monate waren länger als erhofft, aber kürzer als befürchtet. So richtig fest im Sattel sitze ich zwar noch nicht, weil der Job nur teilzeit und befristet ist, aber dennoch fühlt es sich für den Moment gut an. Zumal sich allmählich zeigt, dass ich immer öfter zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werde und eine unbefristete Festanstellung in einer Position, in der ich mich weder über- noch unterfordert fühle, nicht völlig außer Reichweite ist. Also alles im gelben Bereich mit Tendenz ins Grüne.
Außerdem profitiere ich von den zahllosen kostenlosen Weiterbildungsangeboten hier in Schweden. So viele Sprachkurse und eine Weiterbildung im Projektmanagement hätte ich mir in Deutschland nicht leisten können.


Kalt und sonnig


… und schön. Endlich ist er da, der Winter. Der richtige, echte, schöne Winter. Mit Temperaturen im zweistelligen Minusbereich und viel Sonne. Jetzt, Ende Januar, bekommen wir um die Mittagszeit schon wieder etwas Sonne durchs Küchenfenster. Während der acht dunkelsten Wochen schaffte es die Sonne den ganzen Tag nicht über den Hügel zu klettern, und wenn sie nachmittags endlich den Hügel umrundet hatte, stand das Nachbarhaus im Weg.

„Leider“ sehe ich die Mittagssonne in der Küche nicht so oft – und das „leider“ muss hier wirklich in dicken Anführungszeichen stehen – weil ich ja seit zwei Wochen wieder arbeite. Viermal die Woche fahre ich dafür nach Göteborg, ich habe jetzt drei Gymnasialklassen, in denen ich Deutsch unterrichte. Eine 10. und eine 11. Klasse und der dritte Kurs besteht aus genau einer Schülerin, die im Sommer mit der Schule fertig ist. Vieles ist noch sehr ungewohnt, zum Beispiel der allmorgenliche kritische Blick in den Spiegel, ob ich denn auch dem Dresscode der Schule entspreche. Ich vermisse auch ein bisschen das typische „Lehrerzimmerfeeling“, den Austausch mit und Kontakt zu Kollegen. Da die Schule ein Platzproblem hat, gibt es kein richtiges Lehrerzimmer und man hat keinen festen Arbeitsplatz. Es gibt zwar einige kleinere Arbeitsräume, die jeweils mit 4-6 Computern ausgestattet sind, aber die Fluktuation dort ist hoch und es ist selten, dass man den gleichen Kollegen wiedertrifft, bevor man nicht 20 andere „kennengelernt“ und den ersten längst wieder vergessen hat. Kennenlernen heißt in dem Fall: „Hallo, ich heiße x und unterrichte y. Und tschüss.“  Allerdings haben mir inzwischen ganz viele Lehrer aus unserem Chor bestätigt, dass das sehr untypisch für Schweden sei, diese Anonymität sei ja fast „kontinental“… Einzig meine Deutschlehrerkollegin kenne ich etwas besser, aber wir treffen uns meist auch nur, wenn wir uns vorher verabreden.

Mit Beginn des neuen Jahres hat sich bei mir so etwas wie ein „Ketchup-Effekt“ eingestellt: Lange ist gar nichts passiert, obwohl ich die Flasche von allen Seiten geklopft, geschüttelt und gequetscht habe und nun kam plötzlich alles mit einem dicken Schwall.
Weil ich im Dezember noch nicht wusste, wie lange ich noch arbeitslos sein würde, habe ich mich nicht nur für den nächsten (und letzten) Schwedischkurs bei Ale Komvux, unserem örtlichen Erwachsenengymnasium, angemeldet, sondern auch noch für einen Kurs in Gesellschaftskunde und eine Distanzweiterbildung als Projektmanagerin. Konnte ja nicht ahnen, dass ich in alle Kurse direkt reinkomme :-)

Den Politikkurs werde ich ohne viel Wesens wieder canceln, wenn es mir zuviel wird, aber die Projektmanagement-Ausbildung will ich auf jeden Fall durchziehen. Diese wird von Komvux Göteborg ausgerichtet und ist damit kostenlos. Man kann sowas auch bei privaten Instituten machen, dann reißt das aber sehr tiefe Löcher ins portmonnä. Ich mache diesen Kurs vor allem deshalb, weil in so vielen für mich interessanten Stellenanzeigen immer wieder stand, dass Kenntnisse in Projektmanagement von Vorteil seien. Außerdem möchte ich mein geisteswissenschaftlich-künstlerisches Studium noch mit etwas Bodenständigem ergänzen. Die Ausbildung ist größtenteils als Distanzausbildung angelegt, mit insgesamt achteinhalb Tagen Präsenzzeit, verteilt auf die kommenden fünf Monate. Dazwischen ackert man sich durch Finanzierungsstrategien, Kommunikationsmodelle und Risikobeurteilungen.

Nächsten Samstag habe ich ein Vorstellungsgespräch als Projektleiterin, rund 60km von hier entfernt. Nicht in Göteborg, sondern in die andere Himmelsrichtung. Ich hoffe sehr, dass das Wetter bis dahin so wunderbar kalt und sonnig bleibt, damit ich auch noch ein bisschen davon habe – zur Zeit sitze ich auch am Wochenende hauptsächlich an Unterrichtsvorbereitungen. Der Ort, in dem das Vorstellungsgespräch ist, ist nämlich ebenjener, wo Jonas im Sommer 2008 zum ersten Mal schwedischen Boden betreten hat (vom Umsteigen am Göteborger Bahnhof mal abgesehen) und zumindest das Projekt, Jonas für Schweden zu begeistern war auf jeden Fall ein sehr erfolgreiches…

Nationale Prüfung – das war’s


Heute hatte ich den mündlichen Prüfungsteil meiner nationalen Prüfung. Zuerst hörte ich einen sechsminütigen Ausschnitt aus einem Hörbuch und anschließend stellte Anna mir einige Fragen dazu, die weitaus tiefergehenden Charakter hatten, als die im gestrigen Lesetext. Ich sollte die beiden Hauptfiguren des Textausschnittes und ihre Beziehung zueinander charakterisieren und ihr Lebensumfeld beschreiben. Da es um zwei autovernarrte Teenager ging, die in einer Oldtimerwerkstatt arbeiteten, fielen im Text zwar einige Wörter, die jetzt nicht gerade zu meinem schwedischen Alltagswortschatz gehören, aber darum gings letztendlich auch nicht. Anschließend sollte ich noch meine Meinung dazu äußern, ob ich den Text für eine angemessene Lektüre für 15jährige halte. Nein, ich finde natürlich, 15jährige sollten klassische Dramen lesen…

Anschließend durfte ich meine gestrigen Prüfungsergebnisse einsehen, welche sich mit meinem Bauchgefühl deckten. Jetzt bleibt also nur noch der schriftliche Teil – dachte ich. Denn zum Schluss zug Anna einen meiner letzten Aufsätze heraus und sagte, sie habe ihn nach den Kriterien für die nationales Prüfung korrigiert. Damit sei ich nun mit dem gesamten Kurs fertig und könne nächste Woche mein Zeugnis abholen. Mit Höchstnote, ohooo… Es gibt nämlich genau drei Noten: icke godkändgodkänd und väl godkänd (nicht bestanden, bestanden und gut bestanden). Auch das ein großer Unterschied zu Deutschland, aber in Sachen Noten wurde in Schweden in den letzten Jahren viel reformiert und sich durch ein differenzierteres Notensystem eher in Richtung Deutschland bewegt. Schade eigentlich – ich finde das so viel entspannter.

Außerdem wurde im Wahljahr 2010 heiß debattiert, ob die Schüler zukünftig ab Klasse 6 oder ab Klasse 8 die ersten Noten bekommen – die aktuelle bürgerliche Regierung beschloss letztendlich, dieses Schuljahr erst in Klasse 8 Noten einzuführen und ab Herbst 2012 schon in Klasse 6. Und jetzt denken wir nicht daran, dass in einigen deutschen Bundesländern spätestens ab der dritten Klasse Eltern und Schüler anfangen, für bessere Noten notfalls auch die Hobbys zu streichen, damit die Noten auch für das Übertrittszeugnis fürs Gymnasium reichen… (Stichwort „Grundschulabitur“)

Nationale Prüfung und Gedanken zum Muttersprachunterricht


Als Anfang September mein Schwedischkurs begann, bin ich ja direkt in den Kurs SAS grund eingestiegen, der kommenden Juni mit der nationalen Prüfung abschließt, die auch schwedische Neuntklässler am Ende ihrer Grundschulzeit ablegen. Sowohl im „normalen“ Schulsystem als auch in der kommunalen Erwachsenenbildung komvux (kommunala vuxenutbildning) wird zwar der Schwedischunterricht für Muttersprachler und Nichtmuttersprachler getrennt durchgeführt, die Prüfung am Schluss ist aber für alle gleich. Als erwachsene Nichtmuttersprachlerin schreibe ich also exakt die gleiche Prüfung mit den gleichen Texten und Aufgaben wie die schwedischen Jugendlichen am Ende ihrer neunjährigen Grundschulzeit.
Die Prüfung SAS grund besteht aus drei Teilen (Leseverständnis, Textproduktion und eine mündliche Prüfung), die an verschiedenen Tagen stattfinden, welche vom Skolverket, der Schulbehörde, festgelegt werden. Aber wer jetzt an den Staatsakt denkt, der z.B. beim Zentralabitur in Baden-Württemberg mit Sicherheitstransportern, versiegelten Umschlägen und anderem Bürokraborium zelebriert wird, der liegt falsch. Irgendwie wird das hier eine Nummer lockerer gehandhabt…

Seit drei Wochen besuche ich parallel den Kurs SAS A – das ist sozusagen eine Klassenstufe höher – weil Anna, meine Lehrerin in SAS grund bald gemerkt hat, dass ich mich etwas langweile. Deswegen hat sie auch beschlossen, dass ich die nationella prov schon jetzt machen könnte. Gestern drückte sie mir zu Beginn der Stunde ein 16seitiges Heft in die Hand, das Pflichtlektüre für die nationale Prüfung ist. Darin waren Sachtexte, Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Gedichte und auch ein paar Bilder. Die Texte sind Grundlage für die Leseverständnisprüfung und eigentlich dazu gedacht, sie im Unterricht mehrere Wochen lang durchzukauen. Nach einer halben Stunde war ich damit durch und hatte nicht das Bedürfnis, mich noch nennenswert länger damit zu beschäftigen. (Endlich zahlt sich mein Germanistikstudium mal aus…!) Ich ging also wieder zu Anna, um sie nochmal genauer zum Aufbau der Prüfung zu befragen, die ich kommenden Montag ablegen sollte. Sie schaute erst etwas ungläubig, ob ich wirklich schon mit dem Heft durch wäre, akzeptierte das dann aber und bot mir an, die Prüfung schon am nächsten Tag zu machen. Und so habe ich heute die erste Teilprüfung abgelegt und ich bereue bislang nicht, mich nicht länger vorbereitet zu haben. Soviel also zum Thema nationale Prüfung…
Spannend finde ich aber, dass ich die offiziellen Prüfungstexte und den offiziellen Prüfungsbogen fürs Schuljahr 2011/12 hatte. Ob die Teenies im Februar dann wirklich die die gleiche Prüfung schreiben wie ich heute…? Irgendwie kann ichs mir ja nicht vorstellen. Aber vielleicht erschließt sich mir da gerade eine ungeahnte Einnahmequelle auf schwedischen Schulhöfen…

Als ich meine Prüfung abgab, meinte Anna dann, dass wir doch auch gleich morgen den mündlichen Teil machen könnten. Klar, warum nicht… Und der dritte Teil kommt dann Anfang November, wenn mein Kurs gerade seine erste Zwischenprüfung schreibt.

Die Prüfung heute war… nun ja… einfach. Einige Multiple-Choice-Fragen, viele Fragen, die sich mit ein paar Worten beantworten ließen und zwei bis drei tiefergehende Fragen nach Text-Bildzusammenhängen. Knietief, nicht schwimmtief. Offentlich scheinen schwedische Kinder in den ersten neun Jahren noch sehr viele andere Dinge im Schwedisch-Unterricht zu lernen die nicht abprüfbar sind, denn ansonsten wäre diese Prüfung – mit Verlaub – ein Witz. Die Texte selbst, allesamt authentisch, waren an sich angemessen was Inhalt und Sprachniveau angeht, aber die Fragen dazu waren teilweise grenzwertig naiv.

So sehr ich mich auch darüber freue, wie unkompliziert das mit Schwedischlernen hier ist, so sehr wundere ich mich aber auch über die Inhalte und das Niveau. Nein, ich kritisiere es nicht, ich wundere mich. Und ich stelle Tag für Tag den Muttersprachunterricht in Deutschland mehr in Frage. Gut, von innen kenne ich nur baden-württembergische Gymnasien und das ist ja auch nur ein Bruchteil der 16 deutschen Schulsysteme. Dafür kenne ich da sowohl die Anforderungen, die an die Schüler, als auch die, die an die Lehrer gestellt werden, aus eigener Erfahrung.

Schwedisches Schulbuch für die 9. Klasse, Schwedisch als Zweitsprache

Ich frage mich, warum sich dort die 15jährigen durch den Kanon der deutschen Klassiker und Barocklyrik durchackern müssen, während hier Jugendliteratur der letzten 15-20 Jahre im Unterricht gelesen wird. Warum dort Reimschemata, Versmaße und verschiedene Strategien der Dramenanalyse und -interpretation gepaukt werden und man hier erklärt, welche Gefühle man bei der Lektüre eine bestimmten Buches hatte und ob einem das Buch gefallen hat. Warum dort ein Autor mindestens tot oder Nobelpreisträger sein muss, bevor man ihn als Schullektüre würdigt und hier Håkan Nesser und Henning Mankell im Unterricht gelesen werden.

Offensichtliches Unterrichtsziel hier scheint die Freude am Lesen und der Abbau eventuell vorhandener Berührungsängste mit Zeitungen zu sein, denn jede Woche schreibe ich mehrere fiktive Zeitungstexte – Leserbriefe, Kommentare, usw. – die vor allem darin bestehen, seine persönliche Meinung zu irgendeinem Thema auszudrücken. (Vielleicht müssen die konsensorientierten Schweden das wirklich üben?)

Die Germanistin und Musikerin in mir erinnert sich natürlich an zahllose Seminare, die der Einübung der Rechtfertigung des eigenen Faches dienten. Warum es so wichtig ist, unsere Kinder an Bach und Kant, Schiller und Mozart, Schönberg und Goethe geistlich und sittlich reifen zu lassen.
Natürlich habe ich das nicht vergessen und die „klassische Bildung“ (was auch immer das letztendlich ist) steckt auch zu tief in meiner Seele als dass ich ihren Nutzen völlig in Frage stellen möchte. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob diese Haltung nicht an der Mehrheit der Schüler vorbeigeht, mögen die Lehrer auch noch so toll ausgebildet und motiviert sein. Und ob der Sache letzten Endes nicht mehr dadurch gedient wäre, wirkliche Begeisterung für Literatur durch spannende Jugendbücher zu wecken als den Götz von Berlichingen mit ach-so-schülerzentrierten Methoden wie Standbildern nachzutanzen oder den  Werther als Foto-Love-Story im Bravo-Stil oder als Manga nachzuerzählen.

Sfi – Svenska för invandrare


Als Einwanderer in Deutschland kann man ziemlich viel Geld für Sprachkurse lassen, wenn man ihn bei einer privaten Sprachschule macht. (Das meiste Geld dabei verdient die Sprachschule, nicht der Sprachlehrer, denn der wird üblicherweise nur auf Honorarbasis bezahlt und das Einstiegsniveau liegt bei 11-12€/45 min für jemanden der sein Fach studiert hat und frisch von der Uni kommt.) Wenn man nicht gerade mit einem dicken Geldbeutel gesegnet ist und sich Einzel- oder Kleingruppenunterricht leisten kann, sitzen in diesem Sprachkurs Menschen mit riesigen Bildungsunterschieden nebeneinander. Die iranische Ärztin neben dem kasachischen Gebrauchtwagenhändler, der chinesische Ingenieur neben der chilenischen Reinigungskraft, der Arabisch-Englisch-Dolmetscher neben dem Flüchtling aus Somalia, der gerade den Alfabetisierungskurs abgeschlossen hat. Die Aufzählung mag klischeehaft klingen, habe ich aber tatsächlich mal so in einem Sprachkurs gehabt. Und weitere 19 Schüler.

Sfi-Schema (Quelle: skolverket.se)

Der schwedische Staat verpflichtet seine Kommunen, jedem Einwanderer kostenlosen Sprachunterricht, sogenannte Sfi-Kurse zu gewähren. Dabei gibt es drei Schienen (Sfi 1/2/3), die das Lernvermögen nach Grad des Schulabschlusses der Schüler berücksichtigen. Sfi 1 ist für Menschen mit wenig bis gar keiner Schulbildung und Analphabeten, Sfi 3 für Menschen mit 12 oder mehr Jahren Schulbildung. Jede Kursschiene ist wiederum in zwei Teilkurse aufgeteilt, jeweils in einen Anfänger- und einen Fortgeschrittenenkurs. Aber auch, wenn man als Analphabet mit Kurs A anfängt, darf man bis Kurs D weiterlernen, dauert dann eben länger, aber das ist den Schweden egal.

Für Sfi kann man sich anmelden, sobald man eine Personnummer hat. Also war ich gleich noch letzten Freitag bei Komvux, so heißt hier in Ale die kommunale Einrichtung für Erwachsenenbildung. Weil gerade Semesterstart ist, war am Montag direkt die Info-Veranstaltung dazu. Zusammen mit etwa 25 anderen Menschen, die überwiegend aus Asien und arabischen Ländern stammten, soweit ich das von Aussehen und Namen her beurteilen konnte, ließ ich mich also von Anna, der Schwedischlehrerin belehren, dass ich Wörterbuch, Stift und Papier im Kurs brauche und erhielt mein Kursbuch. Die letzte Lektion darin behandelte die Wochentage. Ich sah mich schon im falschen Film, weil ich doch schon eine Weile über dieses Stadium raus bin, da beendete Anna die Veranstaltung auch schon wieder, bat aber mich und fünf andere, noch zu bleiben. Bei uns war sie sich nicht sicher, ob wir in diesem Kurs richtig seien. Sie fragte dann jeden von uns, ob und wo wir schon Schwedisch gelernt hatten und nachdem ich dann meine Schwedischbiografie aufgesagt hatte, schaute sie mich bestürzt an und meinte, ich dürfe gar nicht an Sfi teilnehmen. Mir sank das Herz in die Hose – kein Schwedischkurs? Dann bat sie mich, mich etwas abseits zu setzen und einen ausformulierten Lebenslauf zu schreiben, während sie die anderen Fälle durchging. Als die anderen dann alle schon weg waren, las sie sich mein Geschreibsel durch und schüttelte den Kopf: „Kein Sfi… du gehst direkt in Schwedisch als Zweitsprache.“

Svenska som andraspråk – Schwedisch als Zweitsprache

Svenska som andraspråk (SAS) besteht aus drei Stufen (Grund, A und B) und soll drei Jahre dauern, wobei eine bestandene Prüfung in SAS Grund dem schwedischen Grundschulabschluss nach der 9. Klasse entspricht und SAS B gleichbedeutend mit der schwedischen Abiturprüfung oder TISUS ist. Grund und B werden jeweils mit einer nationalen Zentralprüfung abgeschlossen. Ich war ein bisschen stolz, direkt so hoch eingestuft zu werden, gleichzeitig heißt es aber auch, dass ich weniger Unterricht bekomme und mehr zuhause machen muss. Wie es aussieht, habe ich zweimal die Woche 100 Minuten Unterricht und es werden zusätzlich 2-3 Stunden tägliches Selbststudium vorausgesetzt. Und wenn man ganz besonders fleißig ist, darf man die Prüfung für Grund auch schon nach einem halben Jahr machen, also im Februar. Dann muss man sich allerdings die Inhalte des zweiten Halbjahres selbstständig aneignen. Ist ja klar, was jetzt mein Ziel ist…

Ein schönes Fleckchen zum Lesen...
Ein schönes Fleckchen zum Lesen...

Im Kurs arbeiten wir natürlich an Grammatik und Wortschatz, aber wir werden auch mehrere Bücher lesen und vorstellen, die wir aus einer Liste auswählen dürfen. Ich war gestern gleich in der Bibliothek und habe meinen ersten schwedischen Henning Mankell auch schon halb durch. Wenn Annas Unterricht so ist, wie ihre Erwartungen, die sie uns schriftlich mitgegeben hat, dann wird das nächste halbe Jahr super. Und super anstrengend. Wir sollen natürlich ganz viel lesen, aber auch viel fernsehen und Radio hören. Damit kann ich leben… Deswegen habe ich auch den gestrigen Nachmittag in der Sonne am Göta Älv gesessen und – gelesen.

Mein gestriger Besuch bei der Arbeitsvermittlung war auch ganz erfreulich. Noch kein Job, aber Perspektiven. Zumindest  war der Arbeitsvermittler einigermaßen entsetzt, als ich gesagt habe, zur Not würde ich auch Burger bei McDoof einpacken oder Briefe austragen. „Aber warum denn, du hast doch studiert! Da nimmst du doch anderen den Job weg, die wirklich nichts anderes machen können.“ Das find ich gut, das seh ich nämlich eigentlich auch so.

Zum Schluss: das Wetter.

...und ein anderes zum Reinspringen!

Als Einwanderer in Schweden hat man aber nicht nur Anrecht auf Sprachkurse, sondern auch die Möglichkeit, abends in einen schönen See zu springen. Auch wenn sich die Anzeichen des nahenden Herbstes langsam nicht mehr ignorieren lassen, machen wir davon nach wie vor Gebrauch. Tagsüber ist es zwar noch wunderbar warm, aber nachts wird es doch empfindlich kalt, deshalb ist unser See inzwischen auf 16°C abgekühlt. Egal, damit war er gestern Abend immer noch vier Grad wärmer als die Luft… :-)

Der hellerleuchtete Bürger


Mein Elternhaus steht in einem kleinen Dorf in Bayerisch-Schwaben. Meine Eltern, beide von der „Waterkant“ „Roig’schmeggde“ oder „Zuag’roisde“ (Reingeschmeckte oder Hinzugereiste) hatten – im Gegensatz zu unserer Nachbarschaft – nicht die Angewohnheit, abends nach Einbruch der Dunkelheit sofort die Jalousien zuzuziehen. In unserem Vierpersonenhaushalt führte das manchmal dazu, dass vier unserer Zimmer, die alle zur Straße hin ausgerichtet waren, gleichzeitig beleuchtet waren. Einmal kam abends Besuch, der im Dorf nach dem Weg fragte. Die Antwort lautete: „den Berg rauf, dann das hellerleuchtete Haus, können Sie gar nicht übersehen.“ Dazu muss man sagen, dass die Beschreibung „den Berg rauf“ auf mindestens 50 Häuser zutraf.

Geht man abends im Dunkeln durch unser Viertel hier, so gibt es eigentlich nur zwei Gründe, warum ein Fenster nicht erleuchtet ist: 1. dahinter ist die Waschküche und der Raum damit völlig uninteressant, weil die Einrichtung der Vermietungsfirma ohnehin überall die gleiche ist oder 2. es ist keiner zuhause – wobei letzteres nicht zwingend zu einem dunklen Fenster führt. Und Gardinen gibt es wenige, jedenfalls nicht vor, sondern allenfalls zur Deko neben den Fenstern. Im Gegenteil, man unterstützt den Einblick in Küche, Wohn- oder Schlafzimmer noch dadurch, dass man kleine Lampen ins Fenster stellt oder hängt, was von außen unglaublich gemütlich aussieht. Im Winter wird das bestimmt noch viel wichtiger sein, wenn es lange dunkel ist. Viele scheinen für die Fensterlampen sogar Zeitschaltuhren zu haben, denn auch, wenn die normale Zimmerbeleuchtung aus und niemand im Raum ist, brennt oft noch das Fensterlicht. Es scheint da in der schwedischen Lampenindustrie einen Zweig zu geben, der zumindest in Süddeutschland schnell pleite gehen würde. Auch in unserer Wohnung haben wir an jedem Fenster eine extra Lampensteckdose und seit vorgestern auch beleuchtete Fenster, wir haben extra ein paar Lampen im Second-Hand-Shop erstanden.

Billy oder Ivar? Kartoffeln oder Nudeln?

Dahinter steht wohl eine – uns sehr sympathische – „Wir-haben-nichts-zu-verbergen-Mentalität“. Ob ich abends fernsehe oder am Computer sitze, was es zum Abendessen gibt und ob ich im Wohnzimmer lieber Eichen- oder Kiefernmöbel habe, ist schließlich nichts, was mein Nachbar nicht wissen dürfte. Gleichzeitig gibt man sich größte Mühe, die eigene Neugier auf fremde Wohnzimmer nicht allzu deutlich zur Schau zu stellen. Einen offensichtlichen Blick in ein fremdes Haus zu werfen, den Kopf zu drehen oder gar stehenzubleiben, ist undenkbar, aber verschämt linsen, das geht schon, auch wenn jemand im Zimmer ist. Und bestimmt gucken die Schweden auch mal länger in Zimmer, die gerade leer sind. Ist ja auch nicht schlimm, man hat schließlich nichts zu verbergen.

Offentlighetsprincipen

Was im Kleinen richtig ist, kann im Großen nicht falsch sein: die schwedische Politik und Verwaltung funktionieren seit 1766 (!) nach dem Öffentlichkeitsprinzip, einem der Grundpfeiler des schwedischen Demokratieverständnisses. Prinzipiell stehen alle Akten und Verwaltungsdokumente jedem Bürger zur Einsicht bereit, ohne dass dafür ein besonderes Interesse daran nachgewiesen werden muss.  Zu diesen Dokumenten gehört natürlich auch das Melderegister. Und damit sind wir bei der großen Nachricht des Tages: Wir haben jetzt eine Personennummer und sind dadurch folkbokförd, also „volksbuchgeführt“. Obwohl es bei Antragstellung letzte Woche noch hieß, es würde mehrere Wochen dauern, bis wir die Nummer bekämen, ging es jetzt doch erstaunlich schnell. Damit können wir jetzt ein Konto eröffnen, Handy-/Internet-/Telefonverträge abschließen, kostenlos Schwedischkurse besuchen, ein Nutzerkonto bei der Bibliothek einrichten, eine schwedische ID-Karte (sowas Ähnliches wie ein Ausweis, aber das würde jetzt zu weit führen) beantragen, Noten im Internet bestellen, eine Steuererklärung machen, zum Arzt gehen, sich sozialversichern, und viele praktische und/oder lebensnotwendige Dinge mehr tun.

Die Nummer besteht aus dem Geburtsdatum und einer dreistelligen persönlichen Kennzahl (davon ist die letzte Ziffer für Frauen gerade und für Männer ungerade) und einer Prüfziffer, die sich höchst kompliziert aus den vorhergehenden Ziffern berechnet. Man muss sich also nur eine vierstellige Zahl merken.

Wer bin ich und wer sind meine Nachbarn?

Mein Alter und mein Geschlecht sind also in Zukunft kein Geheimnis mehr, wenn ich irgendwo meine Nummer angeben muss. Als ob ich jemals daraus ein Geheimnis gemacht hätte, aber egal. Spannend ist jedoch, was man mit der Nummer noch so machen kann. Auf der Seite www.ratsit.se kann man mit der Personennummer auch die Adresse der jeweiligen Person herausfinden. Oder umgekehrt. Ich kann die Adresse unserer Nachbarn eingeben und schauen, wie sie heißen (Monika und Per), wie alt sie sind (63 und 77) oder ob sie verheiratet sind (sind sie). Ich kann suchen, wieviele Menschen es in Schweden gibt, die den gleichen Nachnamen haben wie ich (es gibt noch einen in Stockholm) oder den gleichen Vornamen (38 602 in der gleichen Schreibweise, mit den Annicas, Anicas, etc. sind es 47 323). Ich kann rausfinden, wie alt die älteste Frau in Skepplanda ist (102) und dass sie an einem Freitag geboren wurde. Ich kann suchen, wieviele Schweden am selben Tag wie ich geboren sind (305) und kann feststellen, dass die meisten von ihnen noch nicht verheiratet sind. Und das sind nur die kostenlosen Funktionen dieser Website.

Das Leben der anderen

Wenn man bereit ist, dafür ein wenig zu zahlen, bekommt man auch eine Art Schufa-Auskunft, ein Kreditrating, Informationen zu Grundbesitz, das zu versteuernde Jahreseinkommen, und ein Lohnrating, mit dessen Hilfe man feststellen kann, ob andere Schweden im gleichen Alter/im gleichen Ort/der gleichen Kommune/der gleichen Län/in ganz Schweden durchschnittlich mehr oder weniger verdienen. Und das natürlich nicht nur für sich selbst, sondern für jeden, der eine schwedische Personennummer hat. Immerhin wird man wohl benachrichtigt, wenn jemand die kostenpflichtigen Daten über einen selbst abfragt. Verhindern kann man es jedoch nicht.

Ohne es genau zu wissen, vermute ich, dass es sich mit diesen Auskünften ähnlich verhält wie mit der Neugier auf fremde Wohnzimmer. Man gibt es nicht zu, aber man linst schon mal gerne ins Leben der anderen, wenn man sich unbemerkt glaubt.

Ich muss zugeben, dass sich das ein wenig komisch anfühlt, aber es gehört eben genauso zu Schweden wie rote Holzhäuschen und kanelbulle (Zimtschnecken). Deutschen Datenschützern dürfte sich hierbei wohl der Magen umdrehen. Aber ähnlich wie die Lichter in den Fenstern macht es mir Schweden irgendwie sympathisch, dass dieses Land und seine Einwohner nichts zu verbergen haben. Und schließlich habe ich meine ersten 19 Jahre in einem hellerleuchteten Haus gelebt.