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Der erste Donnerstag im März


Donnerstags haben wir beim Job immer Möte, Konferenz also. Die gute Sitte gebietet, dass jede Woche jemand anders fürs Fika zuständig ist, also Kanelbullar (Zimtschnecken), Kladdkaka (klebrigen Schokoladenkuchen), Semlor (Riesenwindbeutel) oder sonstige Leckereien mitbringt. Ob selbstgebacken oder gekauft ist dabei zweitrangig. Wenn jemand Geburtstag hat oder es irgendwas anderes zu feiern gibt, bringt man üblicherweise eine Prinsesstårta mit – Sahnetorte mit giftgrünem Marzipanüberzug.

Heute kam – für mich sehr überraschend, da eigentlich ein ganz normaler Donnerstag – der Lieblingskollege mit dieser Marzipantorte an:

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Fössta Tossdan i mass stand da auf der Torte. Aha. Bedeutet frei aus dem Småländischen übersetzt soviel wie: Easta Donnastag im Meaz.

Auch wenn mich das jetzt sprachlich nicht überforderte… ich war raus. Warum muss man jetzt den ersten Donnerstag im März feiern?? (Also… nicht, dass ich was gegen Marzipantorte hätte.) Was dann folgte, war eine Lektion in Landeskunde vom Lieblingskollegen:

Der Smålänning an sich hat ein dialektal bedingtes Problem mit dem Buchstaben r. Noch schlimmer wird dieses Problem, wenn dem r ein s folgt. Im restlichen Schweden wird die Lautkombination rs meist wie (r)sch ausgesprochen. Första torsdagen i mars klingt also wie [förschta turschdagen i marsch] oder auch [föschta tuschdan i masch].

Nun sind die Bewohner Smålands im restlichen Schweden nicht besonders angesehen – in Deutschland wären sie eine Mischung aus Schwaben und Ostfriesen, was Geiz und Geist angeht – und man lässt keine Gelegenheit aus, sich liebevoll über sie lustig zu machen. Vielleicht steckt auch ein bisschen Neid dahinter, den Smålänning Ingvar Kamprad verehrt man jedenfalls in ganz Schweden.

Die Anhäufung von rs-Lauten in Första torsdagen i mars hat jedenfalls dazu geführt, dass der erste Donnerstag im März zum inoffiziellen småländischen Nationaltag deklariert wurde, angeblich von einem Smålänning. Und wie feiert man den am besten? Natürlich, mit Massipaantåååta. Der nichtsmåländische Schwede spricht dieses Wort mit einem leicht grenzdebilen Grinsen aus.

Böse Zungen behaupten, der Tag sei eine Erfindung der Konditoren. Nicht ganz auszuschließen in einem Land, das auch einen Kanelbullens dag (4. Oktober), einen Semladag (Faschingsdienstag), einen Tag der Punschrolle, einen Tag der Mazarine und einen Waffeltag hat. Um nur die Wichtigsten zu nennen. Die drei letztgenannten liegen übrigens alle im März. Irgendwie muss man ja die Fastenzeit überleben.

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Schotterwege und Begegnungen


Ein Grund, warum man in Schweden auf Landstraßen nur so langsam vorankommt, ist  – neben der Rücksicht auf querende Elche – die Tatsache, dass da immer so lustige handgemalte Schilder am Straßenrand stehen, die einen vom rechten Weg abbringen. Da steht dann zum Beispiel Loppis, Second Hand, Antik, Hantverk oder Konst drauf, manchmal auch Gårdsbutik, Specialiteter oder schlicht Sommarcafé.

Kaum sind wir gestern die Schotterpiste von den Osterglocken zurückgefahren und wieder auf der asphaltierten Straße, weckt ein Schild mit der Aufschrift Skogsateljé/Gårdsbutik unsere Aufmerksamkeit. Waldatelier in Kombination mit Hofladen? Keine Ahnung, was uns da erwartet, aber klingt nett. Zwar wollen wir noch weiter zum Boråser Frühlingsmarkt, aber hej, der ist ja noch den ganzen Nachmittag und solange kein Loppis dabei ist, sind Hofläden ja meist eine überschaubare Sache.

Wir fahren also zwei Kilometer weiter Richtung Gislaved anstatt zurück nach Borås und biegen dann wieder in einen geschotterten Waldweg ein. Nach wenigen Minuten taucht ein idyllischer Hof in Bullerbüoptik auf (wie gesagt, wir sind ja auch schon fast in Småland): links Bienenstöcke, rechts ein rotes Häuschen mit zwei Parkplätzen und eine Wiese mit Metallskulpturen, weiter hinten ein kleines Gehege mit Hühnern. Ein Katze nimmt sofort unsere warme Motorhaube in Beschlag.
In dem kleinen Laden erwarten uns unter anderem frischgelegte Eier, hausgemachter Honig, Fruchtsäfte aus der Region und diverses Zubehör zum Brotbacken sowie ein größeres Sortiment an Duschgels, Kosmetika und Müsliriegeln, wie man sie aus deutschen Reformhäusern kennt und die ich hier in Schweden noch nie gesehen habe. Die Besitzerin des Ladens begrüßt uns freundlich und fragt, wie wir hergefunden haben. Ein nettes Gespräch entwickelt sich und mein geschultes Ohr erkennt den Akzent, den die Frau spricht – es ist der gleiche wie unserer. Daher also auch Demeter und Co.

Wir outen uns als Landsleute und führen das Gespräch auf Deutsch weiter. Für mich ist sie die erste Deutsche seit langem, die ich in Schweden treffe und es ist anfangs total seltsam, mit jemand anderem als mit Jonas Deutsch zu sprechen.

Meine Kollegen waren mal total verwundert, als ich erzählte, dass wir kaum deutsche Freunde in Schweden haben und auch nicht gezielt danach suchen. Aber ebensowenig, wie ich auf die Idee käme, Menschen aufgrund ihrer Herkunft abzulehnen, ebensowenig suche ich mir meine Freunde nach ihrer Nationalität aus. Wenn ich Menschen sympathisch finde und/oder wir gleiche Interessen haben, wie z.B. Musik, die Bloggerei oder Fotografie, dann sind das Gründe, den Kontakt zu suchen und zu pflegen – aber nicht die Frage, ob auf dem Pass ein Bundesadler oder drei Kronen sind.

Aber zurück in den kleinen Hofladen. Einen kurzen Augenblick schießt mir die Frage durch den Kopf, ob ich sie jetzt siezen sollte, weil wir ja jetzt deutsch sprechen, aber im gleichen Augenblick verwerfe ich den Gedanken wieder, es wäre irgendwie lächerlich. Wir bleiben also beim schwedischen Du, obwohl wir deutsch sprechen.

Alexandra führt uns in ihr Atelier und erfreulicherweise erwarten uns dort weder Osterglockenaquarelle noch Bullerbükitsch mit Elchen und blaugelben Fahnen, sondern „einfach nur“ tolle Bilder. Sie ist ausgebildete Kunsttherapeutin und Künstlerin und wie es der Zufall so will, wird demnächst just in unserer Stadtteilbibliothek eine Ausstellung mit ihren Bildern eröffnet. Schweden ist halt auch nur ein Dorf.

Während heute ausnahmsweise Jonas mit der Kamera herumzieht (ich hab ja zwei Krücken in der Hand) verquatsche ich mich mit Alexandra. Als draußen der angekündigte Regen losgeht, schmeißt sie den gusseisernen Ofen an und setzt Teewasser auf. Eine halbe Stunde später stößt eine Freundin von Alexandra hinzu, ebenfalls Deutsche. Irgendwann nach drei oder vier Stunden merken wir, wie die Zeit gerannt ist, aber niemanden scheint das so wirklich zu stören, im Gegenteil.

Zum Vergrößern die Bilder anklicken.

Den Boråser Frühlingsmarkt können wir jetzt zwar vergessen, aber hej, der ist ja morgen auch noch. Stattdessen verdanken wir dem langsamen Vorwärtskommen auf den schwedischen Straßen mal wieder einen unvergesslichen Nachmittag und eine wundervolle neue Bekanntschaft, die wir bestimmt nicht zum letzten Mal getroffen haben.

Im Sommer wird Alexandra übrigens ein weiteres Schild an die Straße hängen: Sommarcafé. Wer dann nicht in den schmalen Schotterweg einbiegt, ist wirklich selbst schuld.

Alexandras Skogsateljé: Klick.

Es läuten die Osterglocken


So langsam wirds hier was mit dem Frühling. Vor einer Woche entdeckten wir die ersten Blåsippor und Vitsippor (Leberblümchen und Buschwindröschen) und an den Birken deutet ein hellgrüner Schleier an, dass es nicht mehr allzulange dauern kann. Nur in unserem Garten, da ist alles braun, aber das ist eine andere Geschichte.

Leberblümchen und Buschwindröschen

Gestern am Feiertag wollten wir eigentlich einen größeren Ausflug machen, aber sowohl das Wetter als auch eine Spontanoperation am Mittwoch (ein komischer Leberfleck an meiner Fußsohle weilt nun nicht mehr unter mir) sprachen für einen Tag im Bett. Heute dann – für Schulkinder und Lehrer ein klämdag – weckten mich die Dämmerung und die Vögel um halb vier und ich konnte mich nur mit Mühe beherrschen, Jonas nicht sofort aus dem Bett zu schmeißen. Bis halb acht hab ich ihm gnädigerweise gegeben, dann konnte ich nicht mehr länger warten…

Etwa eine Autostunde südlich von hier, an den Grenzen des tiefen småländischen Waldes, wo meinen Kollegen zufolge nur noch Elche und deutsche Touristen leben, eröffnet sich am Ende einer geschotterten Stichstraße das Gehöft Fagerås. 1978 pflanzten die Bewohner hier die ersten Osterglocken und jedes Jahr kamen neue hinzu. Heute sind es etwa eine Million (Osterglocken, nicht Bewohner). Ich habe zwar keine Ahnung, wer das gezählt hat, auf jeden Fall sind es viele. Sehr viele. Da der Wetterbericht für den Nachmittag Wolken und Regen angekündigt hatte, wollten wir möglichst früh da sein und hatten so den Park die erste halbe Stunde fast für uns allein. Doch nach und nach füllte es sich und da wir beide ziemlich langsam unterwegs waren – ich humpelte an Krücken und Jonas robbte sich mit der Kamera vor der Nase bäuchlings durch das Blumenmeer – zog schon bald ein nicht abreißender Strom von Rollstühlen und Rollatoren an uns vorbei. Hätte ich nicht meine Krücken gehabt, wir hätten uns völlig fehl am Platz gefühlt. Das liebliche Zwitschern der Vögel wurde alsbald durch lautes Gackern und Schnattern fröhlicher Senioren übertönt. Trotz Busladungen aus nah und fern gönnten wir uns aber zum Abschluss dennoch ein Fika mit frischen Waffeln in der langsam hinter Wolken verschwindenden Sonne.

Zum Vergrößern die Bilder anklicken.

Fazit: Fagerås zur Osterglockenzeit ist absolut einen Besuch wert und die Waffeln sind köstlich. Man muss nur zur richtigen Tageszeit da sein.

Auf der Weiterfahrt weckte dann ein kleines Schild unsere Aufmerksamkeit…

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