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Sommerloch.


Wie immer, wenn es hier im Blog stiller wird, liegt das entweder daran, dass in unserem Leben sehr viel oder sehr wenig passiert. Die letzten Schulwochen Anfang, Mitte Juni waren sehr intensiv, wie jedes Jahr. Dieses Jahr stand keine Orchesterreise auf dem Programm, stattdessen bekamen wir Besuch vom Kammerorchester meiner alten Musikschule, das hier zusammen mit unserem Streicherensemble gemeinsam proben und konzertieren und so die schwäbisch-schwedischen Beziehungen, die hier seit gut drei Jahren bestehen, vertiefen sollte.

Der Lieblingskollege und ich hatten – gemeinsam mit unseren Jugendlichen – neben den Proben und Konzerten für die Gäste außerdem ein recht umfangreiches Begleitprogramm organisiert: von Nyckelharpa-Workshop über Kulturwanderung über Sightseeing in Göteborg, ein vorgezogenes Mittsommerfestchen und dem obligatorischen Besuch im Vergnügungspark Liseberg war so ziemlich alles dabei, was man in fünf Tage so reinpacken kann,

Auch wenn man am Ende einer solchen Woche dann auf dem Zahnfleisch geht, weil man mehr oder weniger rund um die Uhr Reiseleiter, Konzertmanager, Ansprechpartner und Problemlöser ist, so gehören solche Events doch zu den Highlights in meinem Job – erst recht, wenn die Zusammenarbeit mit den beteiligten Kollegen so wunderbar funktioniert wie in dieser Woche. Und den Jugendlichen – schwedischen wie deutschen – hat’s super gefallen, die können den Gegenbesuch kaum erwarten. Ein großes Danke an alle, die dabei waren, auch wenns schon wieder drei Wochen her ist!

Nach dieser superintensiven Woche begannen dann offiziell auch unsere Sommerferien. Die Schüler hatten ihren letzten Schultag bereits am 10. Juni, aber die Lehrer arbeiten hier immer noch ein Paar Tage länger, auch wenn für die meisten Lehrer die letzte Arbeitswoche nur noch so locker dahinplätschert mit Abschlusskonferenzen, Schreibtisch aufräumen etc.

Es fiel mir dieses Jahr ziemlich schwer, von Arbeitsmodus auf Ferienmodus umzuschalten, sodass ich die ersten Ferientage aus Gewohnheit weiter in meine Musikschule gegangen bin, um wie ein Junkie langsam die Dosis zu reduzieren und so die schlimmsten Entzugserscheinungen zu vermeiden. Arbetsnarkomani nennt das der Schwede.

Mittsommer war dieses Jahr eines der wärmsten und trockensten, die wir bisher erlebt haben. Nachdem wir die letzten drei Jahre immer beim Lieblingskollegen zuhause eingeladen waren, haben wir dieses Jahr einen weiteren Schritt in Richtung Schwedifizierung gemacht und unsere Freunde zu uns nach Hause eingeladen. Mit eingelegtem Hering und Schnaps und allem Pipapo. Und nicht ein einziges Foto habe ich dieses Jahr an Mittsommer gemacht, so normal hat sich das alles angefühlt…

Nach Mittsommer kam dann erstmal lieber Besuch aus Deutschland, (kein Orchester, „nur“ Freunde), und dann war das Wetter zu blöd zum Wegfahren, sodass wir lieber weitermachen wollten, Türen und Wände zu streichen, um so Stück für Stück den dunkelbraunen 60er-Jahre-Charme Muff aus unserem Haus zu vertreiben. Seit Februar, als wir das Haus gekauft haben, haben wir bereits fünf Zimmer renoviert, aber fertig sind wir noch lange nicht. Die nächsten Projekte sind bereits bestellt: alle Fenster und die Haustür tauschen, aber das lassen wir Profis machen.

Natürlich hätte man aus all diesen Renovierungsarbeiten einen wunderschönen Vorher-Nachher-Blog machen können, mit unendlich vielen Bildern von hässlichen Abwasserrohren und wunderschön hellen, frisch gekachelten oder gestrichenen Räumen, aber ganz ehrlich: das hier ist kein Bastel- und Heimwerkerblog und nach fünf Monaten Baustelle an wechselnden Stellen im Haus isses auch gar nicht mehr soooo cool. Also doch, jede dunkelbraune/dunkelgrüne/beige Wand weniger ist schon sehr cool, aber nicht jeder vermalte Eimer Farbe verdient einen enthusiastisch bebilderten Platz in unserem Blog.

Vor wenigen Tagen haben wir dann aber unsere aktuellstes Projekt abgeschlossen und machen uns seitdem vorsichtig mit dem Gedanken vertraut, dass wir dieses Jahr auch noch Urlaub machen wollen, also richtig Urlaub, so mit wegfahren und so, nicht nur schülerfreie Zeit zum Renovieren. Unser VW-Bus scharrt schon ganz ungeduldig mit den Füßen…

Wettertechnisch war der Sommer dieses Jahr bislang eher im Mai zu verorten und der Druck, wegzufahren daher auch nicht all zu groß – zumal wir ja dorthin gezogen sind, wo wir früher immer Urlaub gemacht haben. Nach wie vor wissen wir sehr zu schätzen, dass ein wunderbarer Badesee und ein Blaubeerwald buchstäblich vor unserer Haustür liegen. Vor fünf Jahren haben wir dafür noch über 1000 km Anfahrt von Süddeutschland in Kauf nehmen müssen, jetzt machen wir die Terrassentür auf…

Trotzdem, man muss auch mal was anderes sehen als die eigenen vier Wände, auch wenn sie gerade so schön neu gestrichen sind. Daher wird die Blogpause hier noch eine Weile andauern, wenn auch aus anderen Gründen. Denn wie ich uns kenne, wird sich die Lust, von unterwegs zu bloggen, eher in überschaubarem Rahmen halten.

Wo es hingeht? Das wissen wir selbst auch noch nicht genau. Kann sein, dass wir aus alter Gewohnheit erst mal 1000 km Richtung Norden fahren…

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Erster Schultag


Für die Schüler ist heute der erste Schultag nach neuneinhalb Wochen Sommerferien – und dazu passend haben wir seit Sonntagabend Bindfadenregen, Sturm und 10 Grad. Mit anderen Worten: Herbst. Hmpf.

Die Lehrer in Schweden haben bereits vor einer Woche begonnen, das Schuljahr zu planen und an meiner Musikschule haben wir auch schon die erste Orchesterfreizeit hinter uns. Also „Freizeit“ und „Freizeit“ – wie das eben so ist, wenn man als Lehrer mit 25 Zehn- bis Zwölfjährigen ein Wochenende lang probt, badet, Brennball spielt, Rätsel löst und Schnitzel jagt. Insgesamt war es aber doch ein weitaus entspannteres Orchesterlager, als ich es von früher aus Deutschland gewohnt bin. Wir waren 5 Lehrer und 4 Eltern und für alle (außer für mich, wie gesagt) war es ganz selbstverständlich, dass wir Lehrer für die Zeit jenseits der Proben genau null Verantwortung für die Freizeitgestaltung und reibungslose Abläufe hatten. Die Badeaufsicht war geregelt, irgendwer kümmerte sich um die Zimmerverteilung, die Nachtruhe und das Wecken, die Eltern organisierten die Schnitzeljagd und die Kinder hatten alle ihre unterschiedlichen Allergien und Lebensmittelintoleranzen selbst im Griff. Über den Ausgang des Brennballmatches „5 gegen 25“ haben wir Stillschweigen vereinbart.

Da bleibt dann auch noch Luft, abends ganz entspannt um halb elf schlafen zu gehen – wir Lehrer hatten unser eigenes Haus – und morgens um 7 mit ein paar ganz Eifrigen einen Morgondopp im See zu nehmen. Selbst schuld, wer da mit den Schülern wettet, dass sie so früh eh nicht wach wären und im Gegenzug vom Drei-Meter-Turm springen muss…

Nun ja, ein paar Tage wird der „richtige“ Schulalltag noch auf sich warten lassen, bis der Stundenplan gemacht ist und ich alle Sonderwünsche meiner rund 50 Klavierschüler unter einen Hut gebracht habe. Zwölf Neuanfänger habe ich, das wird spannend, die alle unterzubringen.

Von unserem Sommer im VW-Bus erzählen wir dann wannanders mal – wenn das Wetter weiter so mies bleibt, dauert das auch gar nicht mehr so lange, bis wir alle Bilder gesichtet haben.

Den blomstertid nu kommer


Je lauter das Leben, desto leiser ist es hier auf Brevlåda. Vor allem jobmäßig ging es bei uns beiden die letzten Wochen heiß her, denn die in Schweden kurze Zeit zwischen Frühlingsbeginn und Sommerferien will gut genutzt sein: mit Tagen der offenen Türen, Freilichtkonzerten, Orchesterreisen, Sommerfesten und Schulabschlussfeiern. Ja, Schulabschlussfeiern, denn für die Schulkinder beginnen bereits in ganz Schweden Mitte Juni die Sommerferien. Und da Jonas und ich zwar den gleichen Job, aber unterschiedliche Arbeitsstellen haben, multiplizieren sich die Wochenendaktivitäten in unseren Musikschulen, sodass gemeinsame Wochenenden bei uns gerade Mangelware sind. Aber es ist eine schöne Arbeit, und eigentlich können wir uns nicht beschweren.

Wie zur Weihnachtszeit gibt es hier für den Sommer eine Reihe von Liedern, die hier jedes Kind jedes Jahr spielen oder singen will. Eines davon ist „Den blomstertid nu kommer“ (ungefähr: Jetzt kommt die Zeit der Blumen). Die Real Group singt das auch nur halb so schwülstig wie die Schulchöre bei den Abschlussfeiern:

Passend dazu sitze ich, während ich diese Zeilen schreibe, auf der Terrasse und gucke zufrieden auf den frisch gemähten Rasen und das einzige, was ich höre (neben der Real Group also), ist Vogelgezwitscher und Insektengebrumm. Der Garten ist gerade unsere liebste Baustelle, wenn wir mal am Wochenende zuhause sind.

[Wer sich nicht für Gartenarbeit interessiert, braucht jetzt nicht mehr weiterlesen.]

Als wir hier einzogen, war der Garten ein Sturzacker und wir mussten im letzten Jahr erst mal Rasen säen. Wobei wir tatsächlich nur den Rasen säen mussten, denn die ganze Vorarbeit dazu, wie z.B. Steine aus der Erde buddeln und den Boden vorbereiten, erledigte unser Vermieter für uns.

Im Herbst halfen uns dann unsere Eltern, ein wenig Leben in den Garten zu bringen und so waren wir dieses Jahr sehr gespannt, was sich da im Frühling alles – geplant oder unerwartet – aus der Erde schieben würde. Kommt doch mal mit auf einen kleinen Spaziergang durch unseren Garten…

Ungefähr mit den Krokussen kam die Schachblume: selten, giftig und hübsch und ganz ohne unser Zutun. Ebenfalls von alleine tauchten die letzten zwei Wochen an verschiedenen Ecken im Garten diese rosa Blümchen auf, die hier ganz ausgezeichnet mit der rostigen Fahnenstange harmonieren, findet ihr nicht? Ich glaube, das ist Storchenschnabel. Neu ist auch die Forsythie, deren Blüte wir dieses Jahr leider verpasst haben, weil sie da noch in einem holländischen Gewächshaus stand.

Forsythiengelb kommt auch gerade Jonas‘ Liebkind, der Ginster, der jetzt auf dem Weg ist, richtig toll vor unserer Frühstücksterrasse zu blühen. Uneingeladen, aber höchst willkommen ist das kleine Erdbeerpflänzchen, dass da ebenfalls vor der Terrasse blüht. Was können wir tun, damit sich das da wohlfühlt und ausbreitet?

Zur Gartenverschönerung dieses Jahr erheblich beigetragen hat ein zwei Meter hoher Lattenzaun, den unser Vermieter zwischen sein und unser Grundstück gesetzt hat. Nun sind wir ja eigentlich keine Menschen, die sich unbedingt einzäunen müssen, aber unser Nachbar handelt mit gebrauchten Baggern und die Aussicht auf die ganzen Baumaschinen war nur so mäßig schön. Daher sind wir eigentlich ganz froh über den Zaun, zumal er im Moment noch ganz wunderbar nach frischem Holz duftet. Auf lange Sicht soll der gut 40 Meter lange Zaun aber hinter Sonnenblumen, wildem Wein und Clematis verschwinden. Der Anfang ist gemacht…

Durch unsere Rodungsaktion vor einigen Wochen haben wir jetzt zwar viel mehr Licht, aber leider auch ungetrübte Aussicht auf die Straße, wenn wir in der Sonne frühstücken. Deswegen haben wir kürzlich eine Apfelbeerenhecke angelegt, die im Moment noch kaum höher als ein handelsüblicher Löwenzahn steht, aber angeblich schnellwachsend sein soll, warten wirs ab…

Gehen wir mal auf die andere Seite vom Haus.

Die beiden Obstbäume, die wir im Herbst zum Einzug geschenkt bekommen haben, haben den Winter gut überlebt und ein Ast, den wir vergessen hatten zu beschneiden, hat auch sehr schön geblüht. Vielleicht wächst da ja im Herbst eine Birne…

Gesellschaft haben die beiden Bäumchen vor kurzem durch eine Wäschespinne bekommen und jetzt haben wir sozusagen einen richtigen „Nutzgarten“.

Zusammen mit den Obstbäumen haben wir im Herbst auch noch zwei Flieder und einen Rhododendron gepflanzt. Beiden Fliedern gehts prächtig, einzig der Rhododendron sieht ein bisschen kümmerlich aus, die immergrünen Blätter sind verdächtig gelb. Vielleicht ist es ihm zu sonnig, seitdem wir die Bäume nach Süden gefällt haben? Tipps zur Rhododendronrettung sind willkommen!

Auch heute morgen war ich schon fleißig und habe zwei Drahtgestelle für Kompost hinten am Bahndamm aufgestellt. Noch halten sich die Gartenabfälle zwar in Grenzen, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Getreu dem Titel dieses Artikels ist die „Schmuddelecke“ unseres Gartens gerade ein Blumenmeer von Vergissmeinnicht und auch die Lupinen geben sich alle Mühe, bis Mittsommer ihre volle Pracht zu entfalten. Und wenn die Heidelbeeren nachher so tragen, wie sie gerade blühen, dann kriegen alle Besucher hier bis Weihnachten nur noch Blaubeerpfannkuchen!

Apropos Pfannkuchen, ich muss jetzt auch Schluss machen, denn ich hab heute noch was vor:

 

Zum ersten Mal


Zum ersten Mal mit dem Reisebus in Schweden unterwegs.
Zum ersten Mal in einer schwedischen Raststätte etwas essen.
Zum ersten Mal mit der Fähre über den Öresund fahren.
Zum ersten Mal in ein dänisches Museum gehen.
Zum ersten Mal Kunst von Yoko Ono sehen.
Zum ersten Mal Rhabarbersaft trinken.
Zum ersten Mal in Dänemark essen gehen.
Zum ersten Mal Helsingør entdecken.
Zum ersten Mal mit Schweden Fußball gucken.

Das alles ergibt: Zum ersten Mal eine Studienreise mit meinen Kollegen machen.

Zum Schuljahresabschluss hatte sich mein Chef etwas besonderes für uns einfallen lassen: Nachdem das sonst wohl übliche große julbord-Fressen zu Weihnachten ausgefallen war, waren wir jetzt auf einen Ausflug ins Lousiana bei Helsingør eingeladen worden, Dänemarks größtem und bedeutendstem Museum für moderne Kunst. Dort wurde vor einigen Tagen eine große Retrospektive über Yoko Ono eröffnet, an der die Künstlerin selbst mitgewirkt hat. Außerdem bietet das Museum zur Zeit eine weitere, sehr beeindruckende Austellung mit Werken der Amerikanerin Tara Donovan (unbedingt dieses Video ansehen!) sowie die obligatorischen eigenen Werke. Und das alles eingebettet in eine fantastische Außenanlage!

Direkt am Meer gelegen, ist das Museum nicht einfach nur ein Klotz mit langen, ungemütlichen Gängen: Stattdessen ist das Gebäude in einen großen Park integriert, der mit See, Kunst und fantastischem Meerblick zum Flanieren und Verweilen einlädt. Oder ist der Park in das Gebäude integriert? Beides ist aufeinander abgestimmt und durch riesige Glasfassaden sowie viele Aus- und Eingänge verschmelzen Drinnen und Draußen miteinander. Im Zentrum steht dabei eine Villa von 1855, die immer wieder erweitert und ausgebaut wurde und so irgendwie in die Landschaft eingewachsen ist. Leider ist die offene Anlage des Museums nicht so konsequent, wie man sie sich erträumen könnte: Ein hoher Zaun, teilweise sogar mit Stacheldraht, und viele Überwachungskameras umgeben das Gelände und sperren so die Badenden am Strand aus und die bezahlenden Besucher ein. Trotzdem ist das Museum unbedingt einen Stopp wert, wenn man auf der Vogelfluglinie nach Schweden unterwegs ist.

Nach einer spannenden Führung durch die Yoko Ono-Ausstellung hatten wir viel Zeit, um das restliche Museum sowie das Gelände zu entdecken, bevor es zum Essen ging. Fühlte sich Dänemark schon vorher sehr kontinental, um nicht zu sagen: deutsch an, sah ich bei dem alten Fachwerkhaus und dem Biergarten des Gamle Humlebæk Kro endgültig Dirndl und Lederhosen vor mir. Als dann auch noch Schweinebraten mit Rotkohl und knuspriger Schwarte serviert wurde…

Abschließenden folgte noch ein kleiner Shoppingstop in Helsingør. Während die Mehrheit der männlichen Kollegen zielstrebig in den lokalen Wein- und Whiskyläden verschwand, streiften die Frauen durch die Klamotten- und Schuhläden… Ich habe mich fast geschämt für so viel Klischee auf einmal und bin stattdessen in dem hübschen Städtchen auf Fotosafari gegangen und habe ein Eis gegessen.

Bleibt noch das mit dem ersten Mal Fußball gucken: Ich hatte mich im Bus nach hinten gesetzt, man will ja zu den coolen Leuten gehören. Daher war ich von lauter (Rock-)Gitarristen umgeben. Die sind bei uns ausnahmslos männlich, und Männer mögen ja bekanntlich Fußball. Außer mir – ich finde Fußball ziemlich öde. Aber wenn alle potenziellen Gesprächspartner um einen herum gebannt auf den Bildschirm eines Laptops starren, um zu sehen, wie hoch Schweden gerade gegen die Färöer gewinnt (3:0, eher mau also), dann hat man halt keine andere Wahl.

Nach der Heimfahrt hieß es dann Abschied nehmen für den Sommer, ich habe nämlich seit heute sommarlov!

Hurra, Sommerferien!


Fester Bestandteil und unangefochtener Höhepunkt des schwedischen Schuljahres sind die Abschlussfeiern, mit denen die Schüler in die Sommerferien entlassen werden. Es ist ein bisschen wie eine Kreuzung aus Mittsommerfest, Luciafeier und Nationalfeiertag und mit nichts zu vergleichen, was ich jemals an einer deutschen Schule erlebt habe, weder als Schüler noch als Lehrer.

Die letzten zwei Tage fanden hier an den sechs Schulen, die zum Einzugsgebiet meiner Musikschule gehören, zehn solcher Feiern statt, ich konnte jedoch wegen meiner unterentwickelten Fähigkeit zur Polypräsenz nur die Hälfte davon miterleben.

In den letzten Jahren wurde das schwedische Schulgesetz in manchen Punkten geschärft, unter anderem auch in Sachen Religionsfreiheit. In den Schulen herrscht seither absolute Religionsfreiheit. Und das bedeutet hier nicht Freiheit zur Religion, sondern Freiheit von Religion. Also keine Gottesdienste zu Weihnachten, Schulbeginn oder eben zum Schuljahresabschluss. Besuche in Gotteshäusern jeglicher Art dürfen ausschließlich zu Studienzwecken, nicht jedoch zur Glaubensausübung stattfinden.

Schulgesetz vs. Tradition

Und an diesem Punkt kollidieren Schulgesetz einerseits und Tradition und Praxis andererseits, denn die Abschlussfeiern finden traditionell in der Kirche statt, unter anderem auch deshalb, weil die Kirche meist der einzige Raum am Ort ist, der ansatzweise dem Besucherstrom bei diesen Veranstaltungen gerecht wird. (Man geht hier im Ort von einer Besucherzahl von [Zahl der anwesenden Schüler] x 5 aus, daher werden auch selten mehr als drei Klassenstufen auf einmal verabschiedet.)

Auch gibt es ein paar Sommerchoräle, die den Schweden so lieb und teuer sind, dass sie einfach nicht fehlen dürfen. Der Klassiker schlechthin ist Den Blomstertid nu kommer:

Der deutsche Text der ersten beiden Strophen lautet gemäß Google Translate:

Die blomstertid jetzt
mit großer Freude und Schönheit.
Sie nähern, Süßigkeit, Sommer,
wenn Gras und Getreide keimt.
Mit sanften und lebendige Wärme
an alle, die gestorben sind,
die Sonnenstrahlen Ansatz,
und alles wird neu geboren zu werden.

Die beizulegenden Blumenwiesen
und Ackerland edlen Körner,
die Reichen Kraut Betten
und Hain grünen Bäumen,
Sie werden uns daran erinnern,
Gottes Güte Reichtum,
Wir erwägen die Gnade
das dauert das ganze Jahr.

(Das reicht in etwa für den Inhalt, oder? :-))

Eine Segnung durch den Pfarrer oder gar ein Gebet ist natürlich bei einer solchen Schulveranstaltung ausgeschlossen. All das führt zu einer höchst wackeligen Gratwanderung mit vielen Kompromissen: Kirche – ja, aber ohne Pfarrer, bzw. der Pfarrer nur als Gastgeber, der ein paar wenige – höchst weltliche – Begrüßungsworte sprechen darf. Sommerchoräle – ja, aber nur die Strophen, die von Blümchen und Sonnenschein handeln.

Da die Schulleitungen Anzeigen an die Schulbehörde riskieren, wenn diese Gratwanderung missglückt, gibt man sich oft besonders große Mühe, die weltlichen Aspekte der Veranstaltung zu betonen, indem die schwedische Flagge einen nicht unbedeutenden Raum einnimmt und die Nationalhymne die Choräle ergänzt oder auch ersetzt. (Ich verkneife mir an dieser Stelle einen Kommentar und stelle lediglich völlig wertneutral fest, dass aus musikalischer Sicht Religion ergiebiger ist als Patriotismus.)

Die Musik steht im Mittelpunkt

Dennoch erfreulich ist das Gewicht der musikalischen Beiträge, die sich dann letztlich weltanschaulich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen – Hurra, die Sonne scheint! bzw. Hurra, Sommerferien! Den Löwenanteil der hiesigen Skolavslutningar machen die musikalischen Beiträge aus, die die mal mehr, mal weniger erbaulichen Worte der Schulleiter umrahmen. Diese können von einem kurzen, aber herzlichen Dank an Personal, Schüler- und Elternbeirat bis hin zur viertelstündigen Selbstbeweihräucherung reichen.

In den kleineren Schulen ist es üblich, dass alle Klassen mit ihrem Musiklehrer einen Beitrag vorbereiten, an den größeren Schulen sind es meist nur die Ensembles, ausgewählte Solisten und die jeweilige Abschlussklasse, die sich musikalisch verausgaben dürfen.

Damit es für die Zuhörer nicht langweilig wird, ist auch ein Allsång obligatorischer Bestandteil der Veranstaltung. Neben der Nationalhymne und Den blomstertid nu kommer ist das oft Idas Sommarvisa aus einem der Michel-Filme, die inzwischen als weltlicher Sommerchoral gehandelt wird:

Impressionen

Hier ein paar Impressionen einer Abschlussfeier von Vorschulklasse bis 3. Klasse, bei der ich selbst nicht aktiv war und mich daher auf der Empore drängeln durfte.

Einzug mit Flagge
Die vordere Hälfte des Kirchenschiffes ist für die Schüler und Lehrer reserviert, die mit viel Tamtam – das Orchester sitzt bereits – hinter der Flagge in die Kirche einmarschieren. Die Kirche hat rund 450 Sitzplätze und man tritt sich in den Seitengängen und auf der Empore auf die Füße.
Einzug in die Kirche
Vorschüler und Erstklässler tragen Blumenkränze im Haar, wie an Mittsommer.
Erstklässler und Vorschüler
Das Heer der stolzen Eltern liegt den Kindern zu Füßen, während die Fahnenträger unbeirrt in die Ferne starren.
Ausbeute
Meine Ausbeute am Ende des Tages – deswegen heißt es „Den blomstertid nu kommer“

Dem euphorischen Titel zum Trotz sei übrigens gesagt, dass die Sommerferien für die Lehrer erst in einer Woche beginnen. Bis dahin werden noch alle Spuren des vergangenen Schuljahres beseitigt und konferenzt, was das Zeug hält. Ich kann’s verschmerzen.

Keine Nachrichten = gute Nachrichten


Im Jahr 2000 steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, Emails waren noch nicht überall eine Selbstverständlichkeit und vieles wurde sogar noch der guten, alten Post anvertraut. In ebendiesem Jahr war ich als Austauschschülerin mehrere Monate in einer Kleinstadt mit einer Million Einwohnern in der tiefsten zentralchinesischen Provinz.
Da ich bei meiner Abreise wenig über meine Gastfamilie und meine Lebensverhältnisse in den kommenden Monaten wusste, aber schon vermutete, dass die Kommunikation schwierig werden könnte, vereinbarte ich mit meiner Mutter: Keine Nachrichten = gute Nachrichten.
Sollte heißen: Wenn ich mit Malaria darniederliegen, mit Blinddarmentzündung nach Hongkong ausgeflogen würde oder mir eine Rikschah den Fuß abgefahren hätte, dann hätte vermutlich jemand meine Mutter informiert. Im Normalfall bedeutete Funkstille aber höchstwahrscheinlich Stromausfall, keine Internet-/Telefon-/Faxverbindung oder schlicht: viele Erlebnisse und keine Zeit für Heimweh.

Die Funkstille, die hier auf Brevlåda in den letzten Wochen herrschte, ist auf letzteres zurückzuführen. Der Sommer, der sich im August letztlich doch noch hergetraut hat, war einfach zu kostbar, um länger als unbedingt notwendig vor dem Rechner zu sitzen. Außerdem waren in der alten Heimat Sommerferien, sodass wir viel Zeit mit urlaubenden Freunden hier in der Gegend verbracht haben. Die Kombination aus: Job mit Möglichkeit zum Homeoffice + Jonas‘ Semesterferien + VW-Bus + in Schweden (fast) überall verfügbares Internet ermöglichte uns drei lange Wochenenden in Folge, nur ab und zu mussten wir uns dann doch mal bei der Arbeit blicken lassen… (Das heißt nicht, dass ich nicht gearbeitet hätte, aber dabei mit Freunden vor deren Ferienhaus zu sitzen und nach der Arbeit noch schnell in den Vänern zu springen, hat schon was.)

Aber warum „wir“ bei der Arbeit – Jonas hat doch noch Semesterferien? Jein. Die Hochschule ruht zwar noch ein paar Tage, aber sein neuer Job als Kontrabass-/Streicherlehrer in einer kommunalen Kulturschule hat bereits begonnen. Aber davon soll er selbst demnächst hier berichten.

Naturgemäß sammelt sich bei so vielen Erlebnissen eine Menge Erzähl- und Fotomaterial an. Und unser Åland-Urlaub wurde hier auch noch nicht in der nötigen Ausführlichkeit bebildert, ebensowenig wie unser Ein-Jahr-in Schweden-Jubiläum gewürdigt wurde… waaaah, Freizeitstress!

Der hat die Ruhe weg.

Für kommendes Wochenende hoffe ich daher mal ganz ketzerisch auf schlechtes Wetter, damit neben meiner (deutschen) Steuererklärung von 2011 auch hier ein paar Zeilen entstehen können. Denn am Wochenende danach sind wir auf einen 40. Geburtstag bei (schwedischen) Freunden eingeladen, anschließend folgen drei Chorwochenenden mit Proben und CD-Aufnahme, dann eine Konzertreise nach Cambridge, dann eine Konzertreise nach Karlsruhe und dann ist Weihnachten. Jedenfalls gefühlt.

Auch wenn es hier gerade etwas ruhiger ist – irgendwann kommen auch wieder lange, dunkle Novemberabende und die eignen sich ja bekanntlich ausgezeichnet dafür, die Fotos des vergangenen Sommers zu sortieren und in den Erinnerungen an endlose Sommernächte zu schwelgen. Aber solange lassen wir euch nicht warten. (Wage ich jetzt mal mutig zu behaupten…) Ansonsten gilt: keine Nachrichten = gute Nachrichten.