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5. Dezember: So gemüüütlich!


„Das ist so gemütlich, wenn man bei euch reinkommt und hinter jeder Tür hört man ein anderes Weihnachtslied.“

Sagte eine Klavierschülerin, die heute zu einer Sonderprobe mit einer Gesangsschülerin in die Musikschule kam. Die beiden sind eines von drei Kammermusikprojekten, die ich fürs erste Weihnachtskonzert nächsten Dienstag zusammengestellt habe.

Pianisten kriegen ja sonst immer eher wenig Ensemblespiel ab, es gibt einfach zu viele davon, um alle in irgendwelchen Ensembles unterzubringen. Manche Kollegen experimentieren deshalb mit Projekten wie „Synthesizerorchester“ rum, aber da rollen sich mir die Fußnägel hoch.

Dann doch lieber Überstunden sammeln mit vielen kleinen Projekten. So wie z.B. den beiden Teeniemädels, die auf eigenen Wunsch ein freikirchliches Kirchenlied spielen und singen werden. Jesus-Pop ist jetzt ja nicht so meins, aber wenn die Schüler dafür üben, solls mir recht sein. Und eine schöne Abwechslung zu Jinglebells, dessen Refrain im anfängerfreundlichen Fünftonraum mir aller Gemütlichkeit zum Trotz zu den Ohren rauskommt, ist es allemal.

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3. Dezember: Anfang vom Ende


Ok, das klingt jetzt furchbar fatalistisch. Aber heute Abend war meine erste julavslutning. Egal was man in Schweden macht, sei es arbeiten, zur Schule gehen, die Kulturschule besuchen, Fußball spielen oder Bienen züchten: Zweimal im Jahr, nämlich zu Weihnachten und vor der Sommerpause, muss man diese Aktivität mit irgendeiner Veranstaltung beenden – mit einer avslutning. Avslutning heißt Abschluss, julavslutning also Weihnachtsabschluss. Das kann in Form einer großen Weihnachtsfeier mit julbord (Weihnachtsbuffet) sein, ein Konzert oder auch nur ein letztes Treffen mit extra viel Fika. Aber eine julavslutning pro sozialer Aktivität muss sein.

Heute haben wir also schon einmal achtzig Schüler in die Ferien geschickt – obwohl viele von ihnen noch weiterhin Unterricht haben werden. Aber die Ensembles hören diese Woche auf und viel Unterricht fällt in den letzten Wochen vor Weihnachten wegen anderer Aktivitäteten aus. Zum einen müssen wir Lehrer nämlich noch bei anderen julavslutningar mitmachen, zum anderen beenden auch die vielen anderen Aktivitäten unserer Schüler dieses Halbjahr, was dann häufig zu terminlichen Konflikten mit dem Unterricht führt.

Heute versammelten wir sechs Lehrer also alle Streicherschüler bis zur sechsten Klasse inklusive deren Eltern in unserer neuen Kulturschule zu einem gelungenen Konzert. Mit dabei übrigens neun Kontrabassisten! Meine Klasse wächst langsam und stetig. Für den festlichen Teil sorgte der Elternverein, der Glögg und Pepparkakor verkaufte. Und nach dem Konzert, zufrieden und völlig fertig, konnte ich eine deutliche Vorfreude auf die Weihnachtsferien spüren, die jetzt gar nicht mehr weit sind.

1. Dezember: Flopp, flopp, flopp


Jedes Jahr am Samstag vor dem ersten Advent stehen wir mit unserem Orchester bei Einbruch der Dunkelheit auf der Bühne im Park. Meist leitet der Lieblingskollege das Orchester und ich stehe am Glockenspiel oder an der Klarinette. Dieses Jahr ist der Lieblingskollege aber verhindert, sodass mir die Ehre zuteil wird, den Advent im Ort einzuläuten. Wettermäßig ist es einer der besseren Jahrgänge, 2 Grad plus und fast kein Regen, und kein Wind. Kälte ist okej, Regen ist so mee, aber Wind ist echt doof, wenn man draußen spielt, dann fliegen immer die Noten und die Töne weg.

Rund um den Park stehen überall marschaller, tellergroße Teelichter mit fingerdickem Docht. Neben der Bühne verkauft die Händlervereinigung warmen Glögg und Pfefferkuchen, damit das Publikum zu den kalten Füßen nicht auch noch kalte Hände kriegt.

Die meisten der rund 150 Zuhörer haben eh Handschuhe an, wodurch der Applaus zwischen den Stücken immer nur ein gedämpftes flopp, flopp, flopp ist…

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Nachdem wir etwa eine Dreiviertelstunde auf der Bühne gespielt haben, zieht der ganze Tross 200 m weiter, zum Marktplatz. Das Orchester gruppiert sich um den Baum – keine Tanne, keine Fichte, sondern ich glaube ein Ahorn –, der Weihnachtswichtel (aka Tankstelleninhaber) klettert auf eine Leiter, und als ich den Einsatz zu unserem Signaturmarsch gebe, drückt der Wichtel auf den Knopf. Der Baum leuchtet. Vor mir tätäterätätäät es, hinter mir floppfloppfloppt es. Der Advent hat begonnen.

Bilden kan innehålla: en eller flera personer, natt, folkmassa och utomhus

(Fotos: jemand von den Orchestereltern)

Winterbad


Weihnachtsferien in Schweden, keine Verpflichtungen, das Wetter ist nicht Fisch, nicht Fleisch, ein bisschen Regen, ein bisschen Nebel, ab und zu klart es mal auf, Tageslicht von 9-15 Uhr, ein paar wenige Plusgrade, keine zugefrorenen Seen zum Schlittschuhlaufen. Was macht man da?

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Sommerbilder sortieren!

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Sommerbilder sortieren? Nein! Auch wenn es nicht so aussieht, aber diese Bilder sind original am 25. Dezember aufgenommen. Und nein, wir sind dafür nicht in südliche Gefilde geflogen. Gerade mal ins Nachbarstädtchen Ulricehamn sind wir gefahren, dort gibt es nämlich ein ideell betriebenes Kallbadhus, das im Gegensatz zu anderen Bädern 365 Tage im Jahr von 6-22 Uhr geöffnet hat.

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Die Magnetkarte, mit der man die Tür öffnet, kauft man in der örtlichen Tankstelle und wenn man Glück hat, hat man das Kaltbadehaus für sich alleine. Im Wesentlichen gibt es dort einen Umkleideraum, einen Duschraum und eine Sauna mit großem Panoramafenster zum See. Alles jeweils zweimal, für Männlein und Weiblein.

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Im ebenfalls getrennten Außenbereich gibt es außerdem einen unbeheizten Wintergarten und einen offenen Balkon (siehe erstes Bild). Und – das Beste: eine Treppe in den See!

Nachdem ich im August bei Borås Open Water (1000 m im offenen See) mitgeschwommen bin und mit meinen 22 min ganz zufrieden war und nachdem wir im Sommer Olaf und Annika in Skelleftehamn/Umeå besucht haben, liebäugele ich ganz doll mit der schwedischen Meisterschaft im Winterschwimmen im Februar in Skellefteå, für die eigens ein 25m-Becken in das Flusseis des Skellefteälvens gesägt wird. Zum Anheizen (höhö…) gucke ich mir immer wieder gerne die Bilder auf Olafs altem Blog an, insbesondere von 2012, als es dort oben am Wettkampftag um die -30°C und Sonne hatte, und Olaf (wie immer) traumhafte Bilder gemacht hat: Winterschwimmmeisterschaft 2012.

Als Warm-Up für Warmduscher wie mich hatten wir gestern in Ulricehamn laue +4°C Luft- und +2,5°C Wassertemperatur. Und was soll ich sagen… Es. War. Großartig! Nach dem Baden war mir jedesmal so warm, dass ich tatsächlich ohne zu frieren ein paar Minuten auf dem Balkon die tiefstehende Sonne genießen konnte.

Und jetzt fange ich an zu überlegen, ob ich mich in Skellefteå für 25m Brust, 50m Freistil oder 200m Freistil anmelde. Wie groß ist der (gefühlte) Unterschied zwischen 2,5°C und 0°C…? Und warum gewinnt eigentlich nicht der, der am langsamsten schwimmt, also am längsten frieren muss?

Zum Glück war ich dann doch nicht die ganze Zeit alleine in der Sauna, sodass ich der netten Dame mein Handy zwecks Beweissicherung meines zweiten Badegangs in die Hand drücken konnte:

Was sich schwedische Kinder zu Weihnachten wünschen…


„Sooo, kleine Anna, wenn du dir etwas wünschen könntest, egal was auf der Welt, was würdest du dir dann wünschen?“

„Eine Puppe.“

„Ja… ich meine etwas größeres…?“

„Ein Fahrrad.“

„Nein… kein Spielzeug….“

„Einen Videorekorder.“

„Nein, nein… also… ich meine keine Sachen, sondern etwas wirklich Wichtiges, etwas was alle Menschen auf der Welt haben wollen…“

„Essen.“

„Nein! Essen!… Nein, also… also etwas richtig Wichtiges, etwas wofür man demonstriert, worüber Amerika und Russland miteinander sprechen sollen, was ist das?“

„Geld?“

„Neiin! Geld, Geld…! Ist das das einzige woran du denkst, verdammt nochmal?? Puppen und Fahrräder und Geld und Essen und so ein Scheiß??! Verdammt, jetzt stell dir mal vor, da kommen ganz viele Soldaten zu dir nach Hause und erschießen deine Mama und deinen Papa, fändest du das lustig? Wär das gut, hä!??“

„Nein.“

„Nein! Na also, was ist es dann? WAS IST DAS DANN?!“

„Krieg!“

„JA, HAT MAN DIR DENN INS HIRN GESCHISSEN? DAS IST DOCH NICHT DAS, WAS MAN HABEN WILL. WIE HEISST DAS, WAS MAN HABEN WILL?“

„Frieden!“

„JA, GENAU! FRIEDEN!…. Jaa… und das ist es also, was sich schwedische Kinder mehr als alles andere auf der Welt wünschen: Friede auf Erden.“

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In diesem Sinne wünschen wir euch, die hier mitlesen und kommentieren, ein frohes und friedvolles Weihnachtsfest.
Für uns ist dieses Jahr ein weiteres „erstes Mal“: zum ersten Mal im eigenen Haus in Schweden, die letzten Jahre waren wir immer irgendwo auf Reisen. Wie immer, wenn es hier im Blog stiller wird, passiert im richtigen Leben umso mehr, aber ich hoffe sehr, dass es bald wieder etwas ruhiger wird und wir wieder mehr Muße haben zu bloggen.
Ihr, die ihr sonst richtige Weihnachtskarten mit der Post von uns bekommt, bitte verzeiht uns, dass wir dieses Jahr genau Null Weihnachtskarten verschickt haben. Wir haben euch trotzdem nicht vergessen. God Jul!

18. Dezember 2015 – Schwedische Weihnachtstraditionen


Die äußere Sicht auf die eigenen Weihnachtstraditionen hatten wir ja schon, aber was passiert eigentlich, wenn man dann wirklich Weihanchten in einem anderen Land feiern soll/darf/muss… ? Der Schauspieler Will Ferrell ist mit der schwedischen Schauspielerin Viveca Paulin verheiratet und hat wahrscheinlich schon so manchen 24. Dezember in Schweden verbracht. Dabei hat er den Kern des hiesigen Weihnachtsfests durchaus verstanden (Schnapslieder singen und Aquavit trinken), andere Traditionen sind ihm aber offenbar noch nicht so vertraut. Wobei die den Fragen zugrunde liegende Recherche wirklich nicht die beste war: Nein, Schweden stellen keine Kerzen in die Fenster sondern ljusstakar, denn Kerzen könnten ja brennen; ja, in Schweden findet die Bescherung wie in Deutschland am Heiligabend statt; nein, in Lauge gewässerter Stockfisch ist nicht das typsiche Weihnachtsessen, das ist eine norwegische Tradition, Schweden halten sich lieber an Gegrillten Schinken und Janssons (auch wenn im Supermarkt im Moment durchaus einige wenige Pakete lutfisk rumliegen); nein, Gänseblutsuppe (svartsoppa) gehört nicht zu Weihnachten, sondern zu Sankt Martin und ist die logische Vorspeise zu einem Gänsebraten.

12. Dezember 2015 – X-masshopping x-treme


Na? Schon alle Weihnachtseinkäufe erledigt? Den ganzen Tag durch die volle Innenstadt geschoben, von Laden zu Laden gewandert in der Hoffnung, endlich das perfekte Geschenk für den Hund der Cousine der Frisörin… zu finden? Dabei durch den strömenden Regen gedrängelt bis der Wintermantel völlig durchweicht war? Oder sich durch den Weihnachtsmarkt geboxt, nur um festzustellen, dass es dieses Jahr genau die gleichen Regenbogenkerzen, Wollpantoffeln und Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge gibt wie im letzten und vorletzten und vorvorletzten Jahr?

All das kann man sich sparen, wenn man statt in die Stadt raus aufs Land fährt, nach Ullared, einem kleinen Dorf ungefähr zwanzig Kilometer östlich von Varberg. Hier befindet sich Schwedens größte Touristenattraktion, nach jährlichen Besucherzahlen gemessen: Gekås, Nordeuropas größtes Warenhaus.

Wobei man sich vom schwedischen Begriff varuhus nicht in die Irre führen lassen sollte. Statt sich an mondänen Kaufhäusern wie Harrods oder dem KDW oder zumindest an versucht elegante Karstadt-Filialen zu orientieren, kommt Gekås eher mit dem Charme eines Lidl daher. Hier werden Konkursmassen und Restbestände in unglaublichen Mengen aufgekauft und zu Ramschpreisen weitervertickt, ein 40-Tonner alle zehn Minuten. Alle denkbaren Waren sind erlaubt, Hauptsache die Produkte passen in einen Einkaufswagen und bringen ordentlich Profit.

Und die Schweden lieben Gekås. Borås liegt zwar ganze 85 Kilometer entfernt, das ist für Ullared-Verhältnisse aber eigentlich nur ums Eck. Der durchschnittliche Kunde legt auf der einfachen Fahrt ganze 210 Kilometer zurück, sagt die Wikipedia. Für alle, die von noch weiter weg anreisen, gibt es auch direkt neben dem varuhus einen Campingplatz, Ferienhütten und ein Hotel. Und wer zu Hause schon mal vom nächsten Einkaufstrip träumen will, der kann sich wöchentlich die Reality-Soap Ullared reinziehen: Eine Stunde lang Leuten dabei zugucken, wie sie Kleiderbügel sortieren, Einkaufslisten abarbeiten und Schnäppchen machen. Spannend. Nicht.

Nicht nur in der Weihnachtszeit kommen regelmäßig Schüler in den Unterricht, erzählen von ihrem Ullared-Trip am letzten Wochenende und präsentieren stolz die getätigten Einkäufe.

Jetzt vor Weihnachten ist natürlich Hochsaison und die Schlange vor der Eingangstür kann dann schon einmal über einen Kilometer lang sein. Wem’s Spaß macht…

Das Qualitätsprogramm Galileo hat sich in der Vorweihnachtszeit in den Markt gestürzt. Hier trifft Fernsehen auf höchstem Niveau auf ein ebensolches Shoppingerlebnis. Wer es aushält, kann sich nach dem Clip noch zum zweiten Teil weiterklicken.

Und am Ende fragt man sich, ob der klassische, vorweihnachtliche Bummel durch die Innenstadt mit Glühwein und gebrannten Mandeln nicht doch irgendwie netter ist…